"Noch etwas Tee, Beth?" - Eine Geschichte von Emily Wüthrich - Young Circle

«Noch etwas Tee, Beth?» – Eine Geschichte von Emily Wüthrich

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«Noch etwas Tee, Beth?» – Eine Geschichte von Emily Wüthrich

Auf einem Balkon in Nizza trinken zwei Schwestern Tee und versuchen über den Mord an Beths Ehemann hinwegzukommen. Während Beth über ihre Trauer und ihre offenen Fragen spricht, scheint Alice sie trösten zu wollen. Doch als Alice plötzlich ein Detail über die Tatwaffe erwähnt, das niemand wissen dürfte, wird Beth klar, dass hinter diesem Gespräch eine erschreckende Wahrheit steckt.

«Ich glaube, ich gehe kurz rein und schneide mir noch ein Stück Rosinenkuchen. Möchtest du auch eins?»  Die Schwester lehnte ab. «Nein danke, Alice. Ich bin bedient.» Alice nickte lächelnd, ehe sie durch die Balkontüre in ihr Apartment ging, um Kuchen zu schneiden.

Mit einem leichten Seufzen nahm Beth noch einen Schluck Tee, während sie ihren Blick über das sommerliche Nizza der Côte d’Azur unter sich wandern liess. Die Leute trugen luftige Kleidung, und die Kinder genossen ihr Eis.

Augenblicklich trübte sich Beths Stimmung ein bisschen beim Anblick dieser fröhlichen Familien, und Alice merkte es. «Wie geht es dir, was…Jeffrey angeht, Beth?», fragte sie vorsichtig, als sie sich mit einem neuen Kuchenstück wieder hinsetzte.

«Nun, es… ist natürlich immer noch sehr schwer. Aber ich bin nicht mehr…nur traurig, sondern irgendwie auch wütend. Ja, wütend auf die Person, die Jeff das angetan hat…» Kurz schauderte Beth beim Gedanken an ihren leblosen Ehemann – wie er da auf dem Badezimmerboden in seinem Blut gelegen hatte…

Alice nickte und nahm eine Gabel Rosinenkuchen, während ihre Schwester weitersprach. «Es ist einfach nicht fair. Wieso mein Ehemann? Wieso ich? Habe ich denn nicht in meinem Leben schon genug durchgemacht?»

Beth seufzte tief und führte die florale Teetasse zum Mund. «Nun, Beth, Liebes, ich weiss, wie schrecklich sich das alles anfühlen muss, aber», meinte Alice warm, «wenigstens haben wir uns, nicht wahr?»

Die Schwestern tauschten ein Lächeln, in dem mehr Vertrautheit mitschwang als seit langem. Alice merkte, wie gut es sich anfühlte, Beth wieder mal ganz für sich zu haben. Seit sie erwachsen waren, sahen sie sich natürlich nicht mehr sehr oft. Aber Beths Ehemann Jeffrey hatte mit seiner ausschliessenden Art die Schwesterbeziehung belastet. Und seine dauernden Kränkungen waren für Alice schwer zu ertragen gewesen.

«Ja, stimmt, ich bin sehr dankbar, dass du hier bist, Alice…aber…Du weisst nicht, wie es ist, wenn die Liebe deines Lebens stirbt – mehr noch, umgebracht wird. Wer würde so etwas nur tun? Und…warum

Alice schenkte ihrer Schwester Beth eine weitere Tasse Tee ein. «Was Jeffrey angetan wurde, ist abscheulich, und ich werde immer für dich da sein. Du kannst mich jederzeit besuchen kommen…natürlich ist meine Ein-Zimmer-Wohnung hier nicht sehr einladend, aber du bist immer willkommen, ja?» Die Schwester nickte zögernd.

«Wie, als wir klein waren, weisst du noch, Beth? Immer waren wir zusammen, und ich habe dich, wie jetzt, aufgemuntert, wenn wieder eine deiner Puppen kaputtgegangen war.» Tatsächlich gelang es Beth nun, zu lächeln, was Alice sehr freute.

Aber der Gedanken an Jeffreys mysteriöser Tod liess Beth nicht los. Nachdenklich liess sie ihren Blick über den steinigen Strand Nizzas schweifen. Viele bunte Badetücher waren ausgelegt, und Beth wünschte sich, sie könnte jetzt einfach dort liegen, sorglos, wie die meisten Menschen es waren.

«Es ist nur…Was mir keine Ruhe lässt, ist nicht nur der Fakt, dass Jeff tot ist, sondern auch, wer ihn getötet hat. Die Polizei schliesst Suizid aus, er muss wirklich umgebracht worden sein.»

Alices Augen weiteten sich, als sie dies hörte, aber Beth redete schon weiter: «Es ist noch nicht alles klar…die Ärzte sagen, dass er verblutet sei – an Stichen im Herzen, die durch etwas Spitziges, wie einen Dolch entstanden sind. Erstechen kann man sich selbst nicht, also eben kein Selbstmord. Und auch kein Unfall. Aber…Es wurde keine Waffe am Tatort gefunden. Einfach nichts.»

Kurz war es still, und keine der beiden sagte etwas. Dann fügte Beth hinzu: «Ich mache mir einfach viele Sorgen. Denn wenn Jeffs Tod komplett aufgelöst wäre, könnte ich besser abschliessen, ihn gehen lassen. Aber», setzte Beth traurig fort, «keine Tatwaffe…also auch keine Spuren – keine Fingerabdrücke, keine DNA, nichts. Wie soll denn dieser Mord jemals aufgeklärt werden? »

Besorgnis verdunkelte Beths Gesicht, und sie trank ihre Tasse leer.

Alice entging das nicht, weshalb sie sofort zur Teekanne griff. «Gibt es denn gar keine Möglichkeit, dass man die Waffe noch findet?»

Beth schüttelte den Kopf. «Die Polizei geht nicht davon aus, so, wie der Mord ausgeführt wurde. Die Waffe kann nie wieder auftauchen. Es muss ein  Dolch aus…»

«…Eis gewesen sein», vollendete Alice.

Beth starrte Alice an. «Woher weisst du das?»

«Ja weil Eis doch schmilzt, oder? Das hast du mir wohl erzählt. In einem dieser vielen Telefonanrufen hast du das doch erwähnt», meinte Alice ausweichend, als sie aufstand, um in die Küche zu gehen.

Aber Beth blieb wie eingefroren sitzen. Sie wusste erst seit gestern von der Tatwaffe. Sie hatte es noch niemandem erzählt. Alice konnte das gar nicht wissen.

«Noch etwas Tee, Beth?»

Beth stand auf und schaute mit leerem Blick auf das Meer. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun würde. Aber sie wusste, dass sie gerade die zweite wichtige Person in ihrem Leben verloren hatte.


                                     

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