"Nicht alles, was wir sehen...:" - Eine Geschichte von Victoria Engel - Young Circle

«Nicht alles, was wir sehen…:» – Eine Geschichte von Victoria Engel

Member Stories 2026

«Nicht alles, was wir sehen…:» – Eine Geschichte von Victoria Engel

Kitsune liebt Füchse mehr als jedes andere Tier. Als sie im Wald einem Fuchs begegnet und ihm aus einer misslichen Lage hilft, entsteht eine besondere, stille Verbindung zwischen Mensch und Tier. Doch während sie glaubt, allein gewesen zu sein, beobachtet etwas aus der Dunkelheit ihre Begegnung.

Kitsune ist ein zehnjähriges Mädchen. Eigentlich wollten ihre Eltern sie Kira nennen, doch nachdem eine Füchsin Kitsune kurz nachdem sie ein paar Tage nach ihrer Geburt nach Hause durfte, gerettet hatte, entschieden sich ihre Eltern um und nannten ihr Neugeborenes zu Ehren der Füchsin Kitsune Kira. Seit sie ein kleines Mädchen ist, wollte Kitsune immer wieder die Geschichte über ein Mädchen, welches von einer Füchsin gerettet wurde. Nie kam ihr nur im Geringsten in den Sinn, dass an der Geschichte sogar etwas dran sein könnte. Nichtsdestotrotz sind Füchse ihre Lieblingstiere. Ihr Zimmer ist in rot-orangenen Farben gehalten und hier und da kann man manch einen Fuchs sehen, sei es in Kuscheltierform oder auf einem Bild. Wenn sie mit ihrer Familie in den Zoo geht, sind es immer die Füchse, welche Kitsune anziehen. Nur machen diese sie immer auch direkt traurig, da diese in ihrem Gehege eingesperrt sind. Ihre Blicke sind stumpf, das Fell ebenso, und ihre Bewegungen langsam und gelangweilt. Eingeengt. Als Kitsune jünger war, mussten ihre Eltern sie weinend aus dem Zoo tragen, da die kleine Kitsune wegen der Füchse so traurig geworden war. Mittlerweile widerstand Kitsune jedes Mal den Drang zu weinen, aber in ihrem Herzen war ihr immer elend zu Mute. Dies ist auch der Grund, weswegen Kitsune den Zoo so gut wie möglich aus dem Weg geht. Die anderen Tiere tun ihr auch leid, jedoch gehen ihr die Füchse noch ein Stückchen näher ans Herz.
Ab und zu geht Kitsune in den Wald, welcher das Dorf, ganz in der Nähe ihres Zuhauses, abgrenzt. Dann setzt sie sich still auf einem Baumstumpf, trinkt aus der mitgebrachten Thermoskanne und wartet gebannt. So auch heute. Dieses Mal hat sie auch noch ein Buch und ihr Strickprojekt dabei. Ihr Buch hat sie auf einen leicht erhöhten Baumstumpf, welcher ihr immer als einen Tisch dient, gelegt. Der Wald liegt friedlich um sie herum. Hier und kann man kleine und große Tiere über den Waldboden huschen hören, manchmal ruft ein Käuzchen. In regelmäßigen Abstand kann man das Umblättern einer Seite hören auch das Klackern der Stricknadeln sind Teil der Geräuschkulisse. Kitsune ist so sehr in ihrem Buch vertieft, das sie gar nicht merkt, wie ihr das Wollknäul herunterfällt. Immer wenn sie neuen Faden holt, rollt das knäul ein bisschen weiter weg. Die kleinen Blätter und Stöckchen, welche in der Wolle hängen bleiben, stören Kitsune nicht im Geringsten. Eher im Gegenteil, diese Teilchen Natur machen ihr Strickprojekt nur noch schöner und einzigartiger. Gerade als sich die Spannung in ihrem Buch immer wieder steigert und fast zu platzen droht, ruckt es auf einmal. Zuerst beachtet Kitsune es gar nicht, doch dann ruckt es nochmal, und nochmal. Verwundert blickt Kitsune hoch und lässt überrascht ihr Stricknadeln fallen. Da, bei ihrem aufgerollten Wollknäul, steht ein Fuchs. Das Fell, in seinem intensiven orange, hebt sich stark von der braun-grünen Umgebung ab. Seine rechte Pfote hatte sich zwischen den Fäden verfangen. Langsam, ganz langsam, legt sie ihre Sachen weg und erhebt sich. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Der Fuchs schaut nervös zu ihr. Seine Ohren zucken und seine Versuche sich zu befreien, werden hektischer. „Psscht. Alles gut. Ich mache dir nicht. Alles gut. Ich helfe dir.“ Flüstert Kitsune sanft. Beim Fuchs angekommen, sinkt Kitsune vorsichtig zu Boden. Langsam und immer noch flüsternd streckt sie ihre Hand aus. Zuerst hat sie Angst, dass der Fuchs nach ihren Fingern schnappen würde, doch dies geschieht nicht. Stattdessen sieht der Fuchs wachsam dabei zu, wie Kitsune ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, und vorsichtig die Fäden entwirrt. Nach ein paar Minuten ist die Pfote frei und der Fuchs macht direkt einen Satz weg von Kitsune. Beschwichtigend hebt Kitsune die Hände und macht ein paar Schritte zurück. Doch der Fuchs rennt nicht, wie erwartet, weg. Er läuft zwar an den Rand der kleinen Lichtung, aber weiter nicht. Unverwandt starrt er Kitsune an. Nicht wirklich verängstigt oder beeindruckt von ihr, aber eben auch nicht vertrauend. Mit einem verspielten Lächeln macht Kitsune einen ungeschickten Knicks und meint: „Guten Tag, Herr Fuchs. Ich will dich gar nicht stören. Du darfst unbesorgt wieder in den Wald abtauchen. Tut mir leid wegen der Schnur. Hoffentlich war das dir eine Lektion. Verfang dich niemals in Fäden. Sie sind tückisch und gemein.“ Damit hebt sie ihre Stricknadeln vom Boden auf und macht sich wieder an die Arbeit. Nun kann man wieder das regelmäßige Blättern der Seiten hören. Ab und zu schaut Kitsune von ihrem Buch hoch, dann sieht sie direkt in die neugierigen Augen des schlauen Tieres. Auch als sie später ihr Buch und ihre Stricksachen zusammensammelt, ist der Fuchs noch da. „Tschüss, lieber Fuchs. Ich muss nach Hause, es war schön dich kennengelernt zu haben. Bis vielleicht irgendwann bald.“ Damit dreht Kitsune sich um und läuft nach Hause. Doch als sie hinter sich Schritte hört, dreht sie sich um und wird direkt von schlauen Augen empfangen. „Oh, begleitest du mich?“ Der Fuchs schaut weiterhin nur Kitsune an und antwortet natürlich nicht. Wie denn auch, er kann ja nicht sprechen! Also dreht Kitsune sich wieder um und führt ihren Weg fort. Am Waldrand angelangt dreht sie sich wieder zu dem Fuchs um, doch er ist nicht mehr da. Etwas traurig, aber eben auch nicht wirklich überrascht, dreht Kitsune sich um und läuft, nun etwas schneller, die letzten Meter zu ihrem zu Hause. Was sie nicht mitbekommen hatte, sind die Augen. Rote, bedrohliche Augen, welche sie den ganzen Weg im Wald beobachtet hatten. Sie und den Fuchs.

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