"Mord auf der Terrasse" - Eine Geschichte von Michelle Bichsel - Young Circle

«Mord auf der Terrasse» – Eine Geschichte von Michelle Bichsel

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«Mord auf der Terrasse» – Eine Geschichte von Michelle Bichsel

Ein sonniger Sonntagmorgen wird für Gerard zum Albtraum, als er seine Nachbarin tot auf seiner Terrasse findet. Doch als die Polizei eintrifft, ist die Leiche plötzlich verschwunden. Was zunächst wie ein unlösbares Rätsel wirkt, entwickelt sich zu einer gefährlichen Entdeckung – und Gerard gerät selbst mitten in eine kriminelle Verschwörung.

Es war ein sonniger Sonntagmorgen, völlig der falsche Zeitpunkt, um von einem lauten Schuss aus seinem tiefen Schlaf gerissen zu werden. Gerard schaute auf seinen Wecker, gerade mal kurz nach acht. Gähnend stand er auf und ging zum Fenster. Als er seine Gardinen beiseitezog, konnte er seinen Augen nicht trauen. Draussen auf seiner Terrasse lag seine Nachbarin die 60-jährige Frau Hammer, in ihrem rosaroten Morgenmantel. Aber das war nicht das erschreckende, es war die rote Blutlache, in der sie lag. Gerard blinzelte und rieb sich die Augen, um sicher zu sein, dass er nicht noch am Träumen war. Als er aber dann noch die schwarze Pistole neben Frau Hammer liegen sah, war er sich sicher, dass das, was er da sah kein Traum war. Er griff zu seinem Handy und wählte die Nummer der Polizei. Schnell schilderte er dem Beamten am Telefon was sich soeben ereignet hatte.

Nachdem er ungeduldig am Küchentisch gewartet hatte, trat Gerard durch seine Haustür, um die Polizei in Empfang zu nehmen, die soeben vorgefahren war. Er führte die zwei Polizisten in den Garten. Als sie der Terrasse näherkamen, konnte er erkennen, dass die Leiche weg war, nur noch die grosse rote Blutlache war da. Einer der beiden Polizisten, Herr Müller, räusperte sich und sagte: «Wo ist denn nun die Leiche»? «Ich weiss es nicht, sie war bis vor einer viertel Stunde noch da. Jemand muss sie weggebracht haben», stammelte Gerard. «Nun, wenn die Leiche wirklich weggebracht wurde, muss der Täter ein echter Profi sein, denn ich sehe keine Spuren, die darauf hindeuten, dass sie weggeschleift wurde». Antwortete der andere Polizist darauf. «Sind Sie sicher, dass, Ihre Nachbarin hier lag»? «Ja, absolut». «Okay, wir glauben Ihnen erstmal, die Spurensicherung wird gleich hier sein und den Tatort genaustens untersuchen. In dieser Zeit möchte ich Ihnen noch eine paar wichtige Fragen stellen».

Die Spurensicherung fand am Tatort keine Hinweise und die Ermittlungen liefen kaum voran. Der Fall war sehr verzwickt und als Gerard später am Abend auf seinem Sofa sass, grübelte er immer noch über die heutigen Geschehnisse nach. Plötzlich strahlte ein Licht von draussen durch das Fenster in Gerards Wohnzimmer. Das war seltsam, denn Gerard wohnte in einem kleinen Häuschen auf dem Land. Neben dem Haus von Frau Hammer, dass nun Lehrstand, befand sich weit und breit nichts als Felder und Wälder. Es gab nicht einmal eine Aussenbeleuchtung, geschweige denn Strassenlampen. Schnell trat Gerard vorsichtig ans Fenster, um zu sehen was draussen vor sich ging. Er öffnete das Fenster einen kleinen Spalt breit und hörte zwei leise Stimmen. Nun sah er die zwei Männer, die vor Frau Hammers Haus standen und sich leise unterhielten. Plötzlich war nur noch einer der beiden Männer zu sehen. Dieser holte etwas aus seiner Hosentasche und öffnete damit die Haustür, er trat ein, wobei er über die Türschwelle stolperte und einen lauten Fluch von sich gab. Da erkannte Gerard auf einmal seine Stimme, es war die von Herr Müller, dem Polizisten, der ihn heute Morgen befragt hatte. Das war sehr seltsam, die Polizei hatte das Haus von Frau Hammer bereits untersucht und nichts Auffälliges gefunden. Und dieser Polizist war jetzt ganz sicher nicht hier, um zu ermitteln, sondern wohl eher, um einzubrechen. Während sich Gerard noch seine Schuhe anzog und aus seinem Haus trat, um nachzuschauen was da vor sich ging, schlug ihm etwas Hartes auf den Kopf und gleich darauf wurde ihm schwarz vor Augen.

Ein leises Brummen brachte Gerard dazu seine Augen zu öffnen. Aber wo war er bloss? An seinem Rücken spürte er eine kalte Beton Wand und seine Hände waren mit Kabelbindern zusammengebunden. Er sah sich um, im schummrigen Licht konnte er einen grossen Raum erkennen. Überall standen Maschinen und es roch stark nach Lösungsmitteln. Da kam Gerard wieder in den Sinn, was ihn zur Tür hinausgetrieben hatte, und er schlussfolgerte, dass er sich im Keller von der alten Frau Hammer befinden musste. Aber Frau Hammer hatte definitiv einen merkwürdigen Keller, wer hatte den schon eine solche Anlage unter seinem Haus?  «Man John, was machen wir bloss mit diesem neugierigen Nachbar? Wir können ihn nicht einfach hier unten lassen». Die Stimme hinter der Tür liess Gerard zusammenzucken, das war wieder der Polizist oder wahrscheinlich eher der fake Polizist. Gerard tastete auf dem Boden nach etwas Scharfem, um seine Fesseln loszuwerden. Er fand eine Glasscherbe. Mithilfe der Glasscherbe gelang es ihm die Kabelbinder durchzuschneiden. Kein Moment zu früh, denn schon flog die alte, morsche Tür auf und ein grosser, kräftiger Mann trat ein. Das musste Herr Müllers Komplize John sein, der Gerard niedergeschlagen hatte. Er kniete sich vor Gerard hin, der sich etwas fürchtete, denn über die Nase des Mannes zog sich eine grosse lange Narbe. Gerard fasste all seinen Mut zusammen, und warf dem Gauner eine Hand voll Staub vom Boden ins Gesicht, der kippte rückwärts auf den Rücken und Gerard nutze die Gelegenheit und rannte durch den Raum zur Tür hinaus. Beim Hinausrennen sah er auf dem Boden vereinzelte Geldscheine. Da kam ihm ein Gedanke, das hier sah verdächtig nach einer Falschgeldwerkstadt aus. Aber wenn das stimmte, dann müsste Frau Hammer Falschgeld produziert haben. Während er versuchte die vielen Puzzleteile richtig zusammenzusetzen, suchte er einen Weg aus dem verwinkelten Keller und fand schliesslich eine Treppe, durch die er ins Erdgeschoss gelangte. Schnell schlüpfte Gerard zur Haustür hinaus und rief die Polizei an. Diese traf wenige Minuten später ein und nahm die beiden Verbrecher fest.

Es war Montag und Gerard war auf dem Polizeipräsidium. Ein Polizist erzählte ihm, die Details des aufgeklärten Falls. Frau Hammer hatte in ihrem Keller Falschgeld produziert und in Umlauf gebracht. Herr Müller war ihr Komplize gewesen. Als Frau Hammer ein schlechtes Gewissen bekommen hatte und sich der Polizei hatte stellen wollen, musste Herr Müller etwas unternehmen. Und so ermordete er Frau Hammer. Als Gerard der Polizei angerufen hatte und den Mord gemeldet hatte, liess Herr Müller die Leiche von seinem Komplizen John wegbringen. Gerard ist ein echter Held, dank ihm sitzt Herr Müller jetzt hinter Gitter.


                                     

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