"Liebst du mich?" - Eine Geschichte von Salome Siegrist - Young Circle

«Liebst du mich?» – Eine Geschichte von Salome Siegrist

Member Stories 2026

«Liebst du mich?» – Eine Geschichte von Salome Siegrist

Lenny stellt Nora eine einfache, aber schwere Frage: „Liebst du mich?“ Zwischen ihnen entsteht ein stiller Moment voller Zweifel, Erinnerungen und Unsicherheiten. Doch Nora sieht nicht das, was Lenny fehlt – sie sieht den Menschen, der er ist. Am Ende erkennt Lenny, dass echte Liebe dort beginnt, wo jemand dich genau so sieht, wie du wirklich bist.

«Liebst du mich?»

Lenny bereute die Frage, kaum dass er sie gestellt hatte. Jetzt hing sie zwischen ihnen in der warmen Abendluft wie eine Wolke, die sich jeden Moment aufzulösen drohte und auf eine Antwort wartete.

Nora sass neben ihm auf der von der Sonne warmen Steinmauer am See. Ihre Beine baumelten knapp über dem Wasser und ihre blonden Haare schimmerten golden im letzten Tageslicht. Sie starrte ihn überrascht an und biss sich auf ihre Unterlippe. Das tat sie immer, wenn sie nachdachte.

«Das ist eine ziemlich grosse Frage», sagte sie schliesslich und lächelte schief. «Einfach so nach einem gewöhnlichen Schultag.» Lenny lachte kurz, aber sein Lachen kam ihm falsch und unsicher vor. Er zog den Ärmel seiner dunkelgrünen Jacke unbewusst etwas weiter über den rechten Armstumpf und verbarg ihn hinter seinem Rücken. Eine Gewohnheit, die er nie ganz losgeworden war. Aber Nora fiel die Bewegung natürlich trotzdem auf. Ihren Augen entging nichts.

«Du musst nicht antworten», murmelte er. «Das… das war eine blöde Frage.» Nora schüttelte heftig den Kopf. «Nein. Blöd war sie nicht.» Sie setzte sich aufrecht hin und betrachtete ihn einen Moment lang mit diesem Blick, bei dem Lenny immer das Gefühl hatte, dass sie mitten in sein zersplittertes Herz sehen kann. «Warum fragst du mich das?», wollte Nora wissen. Lenny zuckte mit den Schultern und sah stumm auf das Wasser. «Weil… weil ich es wissen muss.»

«Das genügt mir als Antwort nicht, Lenny.» Er seufzte. «Okay, weil ich… ich begreife nicht, wieso du bei mir bleibst.» Jetzt war es endlich raus. Die Worte fühlten sich gleichzeitig befreiend, aber auch beängstigend an. Was, wenn Nora ihn jetzt auch verliess? «Wie meinst du das?», fragte Nora erschrocken. «Wieso sollte ich denn nicht bei dir bleiben?»

«Ist das nicht offensichtlich? Niemand ist bei mir geblieben. Nur du.» Er drückte seinen rechten Arm noch enger an seinen Rücken. «Sie sind gegangen, weil sie mich merkwürdig, bemitleidenswert gefunden haben.» Nora rutschte ein Stück näher an ihn heran und runzelte dabei die Stirn. «Du bist ein Idiot!» Lenny blinzelte. «Danke.»

«Nein, ernsthaft!» Nora umarmte ihn. Lenny versteifte sich, was Nora dazu bringt, ihn noch fester an sich zu drücken. «Du bist ein Idiot, wenn du glaubst, für mich würde es einen Unterschied machen, ob du einen ganzen oder einen halben Arm hast», flüsterte sie an seine Schulter. «Ich… ich dachte, es würde dir irgendwie auch etwas ausmachen», stotterte Lenny. Er schaute beschämt auf die untergehende Sonne, als sie sich von ihm löste und ungläubig anstarrte.

Nora hob sein Kinn, sodass er sie anschauen musste. «Niemals würde mir das etwas ausmachen. Hörst du! Niemals!» Lenny senkte den Kopf wieder und sie versanken im Schweigen. Nur die Wellen klatschten in unregelmässigen Abständen an die Steinmauer. Nach einer Weile setzte Nora ein Lächeln auf. «Weisst du noch, wie wir uns kennengelernt haben?» Lenny schaute auf und nickte. «Du bist in mich hineingelaufen.»

«Du bist in mich hineingelaufen!», empörte sich Nora. Lenny schmunzelte. «Du hast mitten im Gang gestanden.»

«Ich habe mein Handy gesucht!», verteidigte sich Nora. Lenny nickte gespielt ernst. «Ja und genau deshalb lag es dann in deiner Hand?» Jetzt lachten sie beide.

«Jedenfalls», fuhr Nora fort, «weisst du noch, was du danach getan hast?» Lenny nickte unsicher. Dieser Moment war ihm damals schrecklich unangenehm gewesen. «Ja, ich habe versucht dich aufzufangen.» Nora nickte lächelnd. «Und weisst du, was ich gedacht habe, als ich deinen nicht vorhandenen Arm bemerkt habe?» Lenny schüttelte den Kopf. Noras Lächeln wurde breiter und ihre zwei süssen Lachfältchen kamen zum Vorschein.

«Ich habe gedacht: Der Typ hat gerade versucht dich mit nur einem Arm aufzufangen. Ganz schön beeindruckend, vor allem weil er dabei auch gleich noch dein Handy vor dem Zerschellen auf dem Fussboden gerettet hat.»

«Das hast du nicht gedacht.»

«Doch!» Nora sah über den See zum anderen Ufer. «Und danach», sagte sie, «habe ich, als ich dich besser kennengelernt habe, einmal beobachtet, wie du einer alten Frau ihre Einkäufe in den siebten Stock hinaufgetragen hast und noch deinen eigenen Krempel dabeihattest!» Lenny wuschelte sich durch seine Haare. «Das war doch selbstverständlich», antwortete er verlegen. «Vielleicht», sagte Nora.

Sie sah ihn ernst an. «Die meisten Leute sehen zuerst, was dir fehlt.» Lenny schluckte. «Ich habe zuerst gesehen, was für ein Mensch du bist.» Die Worte trafen ihn so unerwartet, dass er kurz nicht wusste, was er antworten sollte.

«Also…», begann er vorsichtig, «das war jetzt nicht wirklich eine Antwort auf meine Frage.» Nora grinste. «Stimmt.» Sie beugte sich näher zu ihm heran. «Du willst also wissen, ob ich dich liebe?»

«Ja.» Lenny spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nora musterte den geröteten Himmel, als würde sie nach den passenden Worten suchen. «Du bist der einzige Mensch, der mit mir drei Stunden lang über irgendein Buch redet.»

«Naja… ich liebe Bücher eben.»

«Du bringst mir einen Kaffee, wenn ich müde bin.»

«Strategisches Denken.»

«Und du bist der erste Mensch, in dessen Gesellschaft ich mich komplett sicher fühle.» Lenny schluckte. «Das klingt… gut?» Fragend sah er sie an. Nora griff nach seiner Hand und drückte sie. «Ich liebe dich.»

Lenny sagte nichts. Er sass einfach da und sah sie an, als würde er die Worte, nach denen er gefragt hatte, jetzt selbst nicht mehr verstehen.

«Lenny?» Nora beugte sich vor. «Hey, alles gut?» Lenny nickte und eine Träne stahl sich auf seine Wange. «Ich habe… habe nur nicht gedacht, dass du es sagen würdest.»

«Warum sollte ich nicht?» Er zuckte leicht mit den Schultern. «Weil ich… eben ich bin.» Nora verdrehte die Augen. Dann hob sie ihre zierliche Hand und legte sie an seine Wange. «Genau deswegen.»

Lenny spürte, wie sich sein zersplittertes Herz wieder zusammensetzte. Er hatte sie gefunden. Die Person, die bereit war, ihr Leben mit ihm zu teilen, egal was ihm fehlte oder nicht.

«Und?», fragte Nora schließlich. «Was und?» «Ich habe auch eine Antwort verdient.» «Worauf?» «Liebst du mich?» Lenny musste grinsen. «Du siehst mich so, wie niemand sonst. Also ja.»


                                     

Hier geht’s zu den weiteren Member Stories:

Bewertung