"Liebe auf den zweiten Blick" - Eine Geschichte von Livia Rüegger - Young Circle

«Liebe auf den zweiten Blick» – Eine Geschichte von Livia Rüegger

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«Liebe auf den zweiten Blick» – Eine Geschichte von Livia Rüegger

Viele glauben an Liebe auf den ersten Blick – so wie in den typischen Liebesromanen. Doch manchmal beginnt eine Geschichte ganz anders: mit verpassten Bussen, schlechten Launen und jemandem, den man eigentlich gar nicht leiden kann. Und genau daraus kann überraschend die schönste Liebesgeschichte entstehen.

Hast du dich schon mal gefragt, ob es auch Liebe auf den zweiten Blick gibt?

Nun, ich kann es dir sagen.

In jeden dieser kitschigen Liebesromanen liest man von Liebe auf den ersten Blick, sie heiraten, bekommen Kinder und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Tja, bis jetzt dachte ich auch das Leben läuft so ab. Pustekuchen, tut es ganz bestimmt nicht. Also erzähle ich dir jetzt, wie ich meine Liebe auf den zweiten Blick kennengelernt habe.

 Ich rannte so schnell ich konnte zur Bushaltestelle.  «Halt!» rief ich und winkte, wie eine Verrückte, um dem Busfahrer irgendwie zu signalisieren, dass er auf mich warten sollte. Aber der Bus fuhr natürlich weg. Ich stützte mich schwer atmend auf meine Knie und sah dem davonbrausenden Fahrzeug hinterher. Na toll! Mein erster Schultag und ich kam zu spät. «Wohl den Bus verpasst?» höhnte eine Stimme. Ich verdrehte die Augen und drehte mich um, um zu sehen, wem die Stimme gehört. Ein Junge lehnte sich gegen die mit Graffiti überdeckten Scheibe der Busstation. «Sehr witzig», fauchte ich gereizt zurück. So jemand hatte mir gerade noch gefehlt. «Du wirst zu spät zur Schule kommen.» sagte der Junge spöttisch. Ich verdrehte erneut die Augen. Ich war sowieso schon immer ein Morgenmuffel und man brachte vor 11:00 keine zehn verständliche Sätze aus mir heraus. Aber heute musste ich wohl eine Ausnahme machen. «Danke, das hatte ich gerade auch bemerkt.» knurrte ich leise. Er fuhr sich durchs dunkelbraune Haar und nahm seine AirPods aus seinen Ohren. «Ich nimm dich mit.» grinste er und nickte zu etwas das wohl hinter mir am Strassenrand stand. Ich folgte seinem Blick und wandte mich um. Ein mattschwarzes Motorrad stand dort und glänzte im frühen Sonnenschein. Ich drehte mich wieder zu ihm: «Auf keinen Fall. Ich steige nicht auf so ein Ding.» Er lachte: «Na dann, viel Spass die eineinhalb Kilometer zur Schule zu laufen.» Er schwang sich aufs Motorrad und zog sich einen Helm über. «Die eineinhalb Kilometer schaffe ich locker.» prallte ich, zog meinen Rucksack straff und stolzierte mit hocherhobenem Kinn den Gehweg entlang. Nach weniger als fünf Sekunden brauste er in hoher Geschwindigkeit an mir vorbei und liess den Motor extra laut aufheulen. Danach verschwand er um eine Ecke. Ugh. Ich hasste diesen Kerl jetzt schon, wetten er geht gleich noch mit mir in eine Klasse?

Meine Befürchtung bestätigte sich leider. Als ich eine halbe Stunde zu spät in meinem Klassenzimmer erschien, sah mich die Lehrerin missbilligend an: «Sie sind eine halbe Stunde zu spät.» Ich wollte mich gerade erklären, doch sie liess mir keinen Raum dafür. «Setzten und schlagen sie ihr Geschichtsbuch auf Seite 134 auf.» Ich nickte und sah mich in dem Schulzimmer um. Der einzige freie Platz war neben ihm. Ich schnaubte leise und ging zwischen den Tischen hindurch in die hinterste Reihe, um mich neben ihm niederzulassen.  «So sieht man sich wieder, ich bin übrigens Ashton, aber meine Freunde nennen mich Ash.» er streckte mir die Hand grinsend hin. Ich ignorierte seine Hand: «Zara Winter.» Stellte ich mich dennoch vor und schlug mein Buch auf der vorgegeben Seite auf. Er versuchte noch ein paar Mal mit mir zu sprechen, doch ich ignorierte ihn jedes Mal.

Der Morgen war vorüber und ich stand mit meinem Tablett in der Cafeteria. Meine Augen scannten den Raum und suchten nach einem freien Platz, was nicht so leicht war wie an meiner alten Schule, da es hier viel mehr Schüler gab. Schliesslich fand ich einen Platz hinten in der Ecke. Wieso genau dieser Platz leer war… naja, das erfuhr ich jetzt. Als ich mich setzte, spürte ich etwas unter mir. Ich sprang auf. Ich hatte mich mitten auf einen Kaugummi gesetzt. Von jetzt an passte ich immer gut auf wohin ich sass, das schwor ich mir. Vorsichtig entfernte ich den Kaugummi mit einem Taschentuch von meinen Stuhl und warf ihn geschickt in einen naheliegenden Mülleimer. Als ich mich erneut setzte, dachte ich, dass der Tag ja nur noch besser werden könne. Für exakt drei Sekunden hatte ich diese Hoffnung. Bis sich jemand neben mich setzte. Ich nahm den vertrauten Duft von Minze, Leder und… einem Dm Shampoo war. Ich drehte den Kopf und Ashton sass da. «Guter Wurf.» grinste er und stellte sein Tablett neben meinem auf dem Tisch ab. Ich rutschte auf meinem roten Plastikstuhl näher zum Tisch. «Danke.» sagte ich knapp, da ich überhaupt keine Lust auf diese Konversation hatte. «Spielst du Basketball?» fragte er weiter. «Ja.» eine weitere knappe Antwort von mir. «Du scheinst echt mies gelaunt zu sein, Zara.» grinste er. Ich drehte meinen Oberkörper zu ihm, um Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sein. «Das liegt daran das ich heute vielleicht einfach nicht dein billiges Dm-Shampoo riechen will, Ashton.» Meine Stimme blieb todernst. Er lachte gespielt beleidigt – und ich musste leider zugeben, wie gut mir sein Lachen gefiel – und meinte: «Freunde nennen mich Ash.» «Das sagtest du schon.» ich nahm mein Handy hervor und fügte hinzu, ohne ihn anzusehen: «Und wir sind keine Freunde.» «Noch nicht Zara, noch nicht.» er grinste. «Bitte, ich werde mich doch nicht mit einem Motoradjunkie anfreunden.»

Das habe ich damals zurück gesagt und wenn ich da gewusst hätte das dieser Kerl einmal mein Freund werden würde, hätte ich ihn angesehen und den letzten Satz der Geschichte nochmals wiederholt. Rumgekriegt hat er mich übrigens nur, weil er eines Tages plötzlich vor meiner Haustür stand mit einem Straus Tulpen – nicht die billigen aus dem Supermarkt, will ich nur mal so gesagt haben – und ein selbst geschriebenes Lied vorgesungen hat. Obwohl er ganz und gar nicht singen konnte. Das hat mir dann den Rest gegeben und ich habe ihn geküsst. Mein Bruder hats gesehen und ihm ein blaues Auge verpass. In der Schule am nächsten Tag meinte Ashton aber, dass es sich gelohnt habe.

Und dass meine Lieben, zeigt mal wieder das es auch Liebe auf den zweiten Blick gibt.

                                

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