„Du wurdest ausgewählt.“
Lea starrte auf ihr Handy. Keine Nummer, kein Bild, nur diese vier Worte auf schwarzem Hintergrund. Es war 00:07. Ihr Zimmer war still, nur das leise Summen der Strassenlaterne drang durch das gekippte Fenster. Die Schatten der Vorhänge tanzten an den Wänden, als würde das Licht mit ihr spielen.
Sie war siebzehn und hatte gelernt, seltsame Nachrichten zu ignorieren. Trotzdem klebte ihr Blick an dem Text. Irgendetwas an diesen Worten liess sie nicht los. Du wurdest ausgewählt.
Darunter erschien ein Link.
Lea zögerte. Ihr Herz hämmerte. Doch ihre Neugier war stärker. Sie tippte.
Der Bildschirm wurde schwarz. Dann erschien ein Countdown:
10:00
Darunter stand:
Finde den Ausgang.
„Sehr witzig“, murmelte sie und versuchte, die App zu schliessen. Doch nichts passierte. Der Timer sprang auf 09:52. Plötzlich flackerte das Licht. Ihr WLAN verschwand. Das Handy vibrierte erneut.
Level 1 beginnt.
Es klopfte an ihrer Zimmertür.
Lea schnappte nach Luft. Die Luft im Zimmer fühlte sich plötzlich schwer an. Ein unangenehmes Knistern durchlief ihre Haut.
„Lea?“ rief ihre Mutter von unten. „Warst du gerade im Flur?“
„Nein!“, rief sie zurück, ihre Stimme klang fremd in der Stille.
Stille. Dann Schritte. Langsam. Knarrend. Nicht von unten. Direkt vor ihrer Tür.
Lea setzte sich aufrecht hin. Ihre Mutter war im Erdgeschoss. Das wusste sie sicher.
Das Klopfen kam wieder. Drei langsame, bedrohliche Schläge.
Ihr Handy vibrierte.
Hinweis: Vertraue nicht dem Offensichtlichen.
„Lea …“, flüsterte eine Stimme hinter der Tür.
Es war ihre eigene.
Ihr Herz raste. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam. Die Türklinke bewegte sich leicht. Ein eisiger Schauer lief ihren Rücken hinunter.
Vertraue nicht dem Offensichtlichen.
Langsam ging sie zur Tür. Sie riss sie auf. Der Flur war leer. Das Licht flackerte. Am Ende des Ganges stand jemand – sie selbst. Gleiche Haare, gleiche Kleidung, gleiche Haltung. Nur die Augen waren schwarz. Leer. Die Gestalt lächelte.
„Du bist zu langsam.“
Lea knallte die Tür zu. Ihr Herz pochte wie wild. Sie lehnte sich keuchend dagegen, spürte die kalte Klinke unter ihren Fingern.
07:55
Auf dem Display erschien eine neue Meldung:
Level 1: Entscheide. Bleiben oder laufen?
Die Türklinke ruckelte stärker. Kratzende Geräusche drangen durch das Holz. Lea sah hektisch um sich. Das Fenster lag im zweiten Stock. Unmöglich. Dann fiel ihr Blick auf den Kleiderschrank.
Ihr Handy vibrierte erneut.
Hinweis: Der Ausgang ist nicht dort, wo du ihn erwartest.
Die Tür splitterte. Schwarze Finger schoben sich durch den Spalt. Das Holz knackte bedrohlich.
„Bleib hier“, flüsterte die Stimme draussen. „Du bist doch ich.“
Der Timer zeigte 06:21. Lea spürte Angst, aber auch Entschlossenheit. Sie riss die Schranktür auf. Dahinter war keine Rückwand. Nur Dunkelheit.
„Okay“, murmelte sie.
Und sprang.
Sie fiel nicht. Sie landete hart auf kaltem Beton. Flackerndes Neonlicht blendete sie. Ein langer Gang erstreckte sich vor ihr, metallene Wände, wie in einem verlassenen Krankenhaus. Der Geruch von alten Chemikalien und feuchtem Metall stieg ihr in die Nase.
Das Handy vibrierte.
Level 2
Finde dich selbst.
Schritte hallten durch den Gang. Viele Schritte. Aus der Dunkelheit traten Gestalten hervor. Zehn, zwanzig. Alle sahen aus wie sie. Eine weinte, eine hatte eine blutige Stirn, eine grinste und eine wirkte völlig leer.
„Du hast gesprungen“, sagte eine.
„Die meisten bleiben“, sagte eine andere.
„Und verlieren“, flüsterte eine dritte.
Lea schluckte schwer. Ihre Finger umklammerten das Handy wie ein Rettungsanker. Jede Version von ihr schien eine Erinnerung an eine Entscheidung, die sie hätte treffen können.
Am Ende des Ganges erschien eine Tür. Darauf stand:
EXIT
Zu einfach.
„Das ist nicht der Ausgang“, murmelte Lea. Die Version mit der blutigen Stirn lächelte schwach. „Du lernst.“
Die Tür begann sich zu öffnen. Warmes Licht strömte heraus, Stimmen, Lachen, Sicherheit. Ihre Mutter. Freunde. Ein normales Leben. Das Handy vibrierte wieder. Der Timer erschien: 03:40
„Was passiert, wenn ich da durchgehe?“ fragte Lea.
„Du wachst auf“, sagte eine Version.
„Und vergisst“, sagte eine andere.
Lea sah auf ihre Hände. Sie zitterten. Das Licht war fast zu warm, zu echt, um richtig zu sein. Sie konnte den Geruch von Frühstück und Holz spüren, der nicht zu diesem kalten Beton hier passte.
„Was ist Level 0?“ fragte sie leise.
Die ruhigste Version antwortete: „Dein Alltag.“
Der Boden begann zu beben. Ein tiefes Dröhnen durchlief ihre Beine, als ob der ganze Raum lebendig würde.
„Level 0 ist Stillstand“, murmelte Lea. „Und Level 1 war Entscheidung.“
Sie drehte sich um. Hinter ihr war nur eine Wand. Kalter Beton. Kein Ausgang.
Der Timer lief. 00:25
„Wenn das mein Spiel ist“, flüsterte sie, „dann mache ich meinen eigenen Ausgang.“
Sie schlug gegen die Wand. Nichts. Noch einmal. Ein Riss. Noch einmal. Die Wand zerbrach. Licht. Kein künstliches Licht. Sonnenlicht. Ein Schwall warmer Luft schlug ihr ins Gesicht, der Geruch von Gras und Erde füllte ihre Lungen.
Der Timer sprang auf 00:00.
Lea sass aufrecht in ihrem Bett. Morgenlicht fiel durch das Fenster, Vögel zwitscherten. Alles war normal. Zu normal. Sie fühlte ein Zittern in ihren Beinen, das nicht von der Kälte kam, sondern von Adrenalin.
Ihr Handy lag neben ihr. Keine Nachricht. Kein Countdown.
Nur 07:12 Uhr. Level 0.
Lea stand auf, zögerte, griff nach ihrem Handy und öffnete einen Chat, den sie seit Wochen ignoriert hatte.
Hey. Ich wollte eigentlich schon lange schreiben …
Sie atmete tief ein und drückte auf Senden.
Kein Timer erschien. Aber tief in ihr hörte sie eine Stimme:
Level 1 bestanden.
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