"Letzter Atemzug" - Eine Geschichte von Emily Estenfelder - Young Circle

«Letzter Atemzug» – Eine Geschichte von Emily Estenfelder

Member Stories 2026

«Letzter Atemzug» – Eine Geschichte von Emily Estenfelder

Drei Jahre nach einem tragischen Unfall kehrt sie immer wieder an denselben Ort zurück. Dort, wo das Wasser ihr die beste Freundin genommen hat, sucht sie Antworten, Nähe und vielleicht ein Stück Frieden. Eine eindringliche Geschichte über Trauer, Schuldgefühle und den schwierigen Weg, weiterzuleben.

Und wieder sitze ich hier.

Genau hier, wo vor drei Jahren meine beste Freundin gestorben ist.

Ich sehe es noch vor mir, wie plötzlich alles anders wurde.

Wie jede Hilfe zu spät kam. Jede Hilfe kam zu spät.

Und ich gebe mir noch immer die Schuld.

Die Strömung hat sie einfach mitgerissen. Einfach so.

Meine beste Freundin aus dem Leben gerissen.

In meinem Kopf höre ich noch das Rauschen des Wassers

Und das Echo ihrer Stimme.

Die nassen Steine, die aus dem Bach ragen,

sehe ich anders.

Ich starre die Felsen an und bekomme Herzrasen.

Für einen kurzen Augenblick spüre ich das Gefühl von damals.

Mein Hals wird trocken, die Knie butterweich.

Unser gemeinsamer Lieblingsort

Wurde zu meinem Trauerort.

Ich habe das Gefühl, sie sitzt neben mir, wischt mir die Tränen von der Wange

Und sagt mir so ruhig, wie sie es immer tat,

dass alles wieder gut wird, dass sie bleibt – egal, was passiert.

Ich erinnere mich daran, wie ich verzweifelt versucht habe, sie zu erreichen,

wie alles viel zu schnell geschah und sich trotzdem wie in Zeitlupe anfühlte.

Wir hatten dort gesessen, gelacht,

Witze darüber gemacht, wer wohl als Erste ins kalte Wasser fällt.

Niemand dachte, dass dieser Tag so enden würde.

Oft sitze ich am Wasser und erzähle ihr von meinem Tag,

denn ich weiß, sie ist bei mir – egal, was passiert.

Trotzdem frage ich mich noch viel zu oft:

Warum? Warum sie?

Ich weiß, ich hatte keine Chance.

Ich habe alles versucht. Es gab nichts, was ich hätte tun können.

Ich starre auf das Wasser, lausche dem Rauschen

Und weiß ganz genau:

Sie war dankbar, mich zu kennen –

Bis zu ihrem letzten Atemzug.

Bis zu dem Atemzug, der sie endgültig zu Boden sinken ließ.

Nach drei Jahren sitzt der Schmerz immer noch genauso tief wie am Tag danach.

Sie lässt mich spüren, dass sie da ist.

Sie lässt mich ihre Dankbarkeit fühlen.

Wenn ich in das Wasser unserer Lieblingsstelle gehe,

gibt sie mir ein Gefühl von Wärme.

Das Wasser, welches sie vor drei Jahren qualvoll aus dem Leben gerissen hatte,

gibt mir das Gefühl von Sicherheit.

Ich sehe sie in jeder Welle.

Ich würde zu gerne ihre Hand wieder an meiner spüren,

wieder ihr Lachen hören.

Sie wieder bei mir haben, denn sie hat das nicht verdient.

Niemals.

Zu oft frage ich mich, warum sie, warum nicht ich.

Warum nahm das Wasser nicht mich?

Sie hätte heldenhaft sein können,

sie hätte mich vielleicht retten können.

Während ich hier in meiner endlosen Trauer versinke,

mir die Hoffnung nur noch einrede,

spiegelt das Licht der Sonne immer wieder ihr Gesicht

auf dem klaren Wasser.

Was muss ich getan haben, dass man mir sie nimmt?

Sie war schon immer ein Engel.

Aber ich wollte nie, dass sie der Engel ist,

der immer über mich wacht.

Ich lasse mich von dem Wasser leiten,

mich von der Strömung treiben.

Vielleicht, um meinem Schicksal zu entgleiten.

Sie war dankbar bis zu ihrem letzten Atemzug.

Ich gebe mir die Schuld dafür bis zu meinem letzten Atemzug.

Die Strömung wird ruhiger.

Fast sanft.

Als würde sie mich nicht mehr wegziehen, sondern halten.

Ich höre es.

Ihr Lachen.

So klar, als stünde sie hinter mir.

Ich drehe mich um.

Erwarte ihr Gesicht.

Ihre Augen.

Ihre Hand.

Doch sehe ich nur Wasser.

Nur Licht auf Wellen.

Doch für einen Moment glaube ich daran.

Glaube, dass sie noch da ist.

Dass sie mich ruft.

Nicht in die Tiefe –

Sondern zu sich.

Ich gehe einen Schritt weiter hinein.

Dann noch einen.

Das Lachen verstummt.

Die Kälte kriecht in meine Beine.

Die Strömung greift fester zu.

Aber diesmal nicht tröstend.

Das Ziehen fühlt sich nicht sicher an.

Und plötzlich verstehe ich:

Das Wasser lacht nicht.

Es nimmt.

Es nahm sie.

Es würde auch mich nehmen.

Ohne Zögern.

Ohne Erinnerung.

Ich bleibe stehen.

Mein Herz schlägt wie damals.

Langsam steigt die Panik in mir.

Das Gewissen, dass ich, wenn ich jetzt nicht gehe,

die Nächste sein werde.

Vielleicht war das Lachen nur mein Wunsch.

Vielleicht war es ihr Abschied.

Vielleicht war es nichts.

Aber das Wasser ist echt.

Es rauscht weiter,

als wäre nichts geschehen.

Als hätte es mir nie etwas genommen.

Als hätte es mich nie fast gehabt.

Ich gehe zurück ans Ufer.

Nicht gerettet.

Nur geblieben.

Sie hat hier aufgehört zu atmen.

Ich nicht.

Und genau das Tut am meisten weh.
                                     

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