Aya konnte ihr Herz kaum beruhigen, als sie zusammen mit ihrer Mutter aus dem Flugzeug stieg. Paris! Die Stadt, von der sie so oft geträumt hatte, lag nun direkt vor ihr. Alte Gebäude, kleine Cafés, enge Gassen und überall der Duft von frischem Baguette. Aya atmete tief ein und spürte ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Komm schon, Aya“, rief ihre Mutter fröhlich. „Die Sommerferien warten auf uns!“
Aya klammerte ihre Hände fester um den Henkel ihres Koffers, sodass ihre Knöchel weiss wurden.
Sie liefen nebeneinander durch die Strassen und bewunderten die Häuser. Bald standen sie vor einem etwas schäbigen Haus. Sie öffneten die Glastür und traten hinein. Der Raum war voller runder Tische, und Aya entdeckte sogar einen kleinen Spielautomaten.
Es roch nach Kaffee und Baguette – genauso, wie Aya es sich vorgestellt hatte. Das war also das kleine Café, in dem ihre Mutter über den Sommer arbeiten würde.
Ihre Mutter drückte auf den Lichtschalter, und sofort füllte warmes Licht den Raum.
Aya entdeckte eine Hintertür. Sie liess ihren Koffer stehen und ging langsam durch den Raum. Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat in einen kleinen Innenhof. Auf dem Boden wuchs Gras, und in der Mitte stand eine grosse Statue eines Schwans, die im Licht der Sonne schimmerte.
Aya war so fasziniert, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihre Mutter neben sie trat und ihre Hand auf ihre Schulter legte.
„Sie ist wunderschön“, murmelte Aya und schob sich eine hellbraune Strähne hinters Ohr.
„Darf ich mir die Stadt noch ein wenig ansehen?“, fragte Aya und sah ihre Mutter hoffnungsvoll an.
Ihre Mutter Sarah überlegte einen Moment.
„Nur die Stadt“, versuchte Aya noch einmal.
„Na gut“, sagte Sarah und lächelte.
„Yeah!“ Aya umarmte ihre Mutter stürmisch.
„Aber um sechs Uhr bist du wieder zurück“, sagte Sarah ernst.
Aya verdrehte leicht die Augen und lächelte.
Ein paar Minuten später schlenderte Aya durch die Gassen von Paris. Sie mochte es, dass ihre Mutter ihr vertraute und sie einfach gehen liess.
Vor ihr entdeckte sie eine kleine Brücke über den Fluss. Langsam ging sie weiter und blieb am höchsten Punkt stehen. Von dort hatte man einen wunderschönen Blick auf den Eiffelturm.
Aya nahm ihr Handy und machte ein Foto von sich mit dem Eiffelturm im Hintergrund. Das Bild schickte sie sofort ihrer Freundin in Deutschland.
Plötzlich tippte jemand ihr auf die Schulter. Aya erschrak.
Ein Junge mit wild abstehenden, dunkelbraunen Locken stand vor ihr.
„Sprichst du Deutsch?“, fragte er hastig.
„Ja“, sagte Aya.
„Zum Glück“, grinste der Junge. „Ich habe seit Wochen mit niemandem Deutsch gesprochen.“
Erst jetzt sah Aya ihn genauer an. Er trug schwarze Schuhe, kurze Hosen und ein dunkelblaues T-Shirt. Seine Haare standen wild vom Kopf, und er sah fast ein wenig lustig aus.
„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagte er und kratzte sich verlegen an der Stirn, bevor er die Hand ausstreckte.
„Mein Name ist Cael. Ich wohne hier in der Stadt und bin vierzehn Jahre alt.
Aya schüttelte seine Hand.
„Hey, mein Name ist Aya. Ich verbringe diesen Sommer mit meiner Mutter hier in Paris. Ich bin dreizehn Jahre alt“, fügte sie hinzu.
Cael nickte und lehnte sich leicht gegen das Geländer der Brücke. „Du bist also neu hier?“
„Ja“, sagte Aya. „Meine Mutter arbeitet über den Sommer in einem kleinen Café.“
„In welchem?“
„Es ist ein kleines, etwas altes Café mit einem Innenhof. In der Mitte steht eine große Schwanenstatue.“
Plötzlich wurde Cael still.
„Eine Schwanenstatue?“, fragte er langsam.
Aya nickte. „Ja. Kennst du sie?“
Cael blickte kurz über den Fluss. „Vielleicht. Ich glaube, ich weiß, welches Café du meinst.“
„Wirklich?“, fragte Aya neugierig.
„Ja. Aber dort ist etwas Seltsames.“
Aya wurde sofort neugierig. „Was denn?“
„Auf der Statue steht ein Satz“, erklärte Cael. „Auf Französisch: L’amour gagne toujours.“
„Was bedeutet das?“, fragte Aya.
„Die Liebe gewinnt immer“, antwortete Cael.
Aya dachte kurz nach. „Das klingt schön.“
„Schon. Aber manche sagen, dass die Statue etwas Besonderes ist.“
„Wie meinst du das?“
Cael zuckte mit den Schultern. „Mein Grossvater erzählte, dass dieser Satz helfen kann, wenn man wirklich daran glaubt.“
Aya musste lächeln. „Klingt wie eine alte Legende.“
„Vielleicht. Aber Legenden sind manchmal wahrer, als man denkt.“
Aya schaute nachdenklich auf die Stadt. Vielleicht war an der Statue mehr dran, als sie dachte.
„Willst du sie dir mit mir noch einmal ansehen?“, fragte Aya.
Cael lächelte. „Ja. Warum nicht?“
Sie liefen zusammen durch die Strassen von Paris zurück zum Café. Die Sonne stand tiefer und tauchte die Häuser in warmes Licht. Aya hatte das Gefühl, Cael schon viel länger zu kennen.
Als sie beim Café ankamen, blieb Cael plötzlich stehen.
„Da vorne“, flüsterte er.
Im Innenhof stand ein älterer Mann vor der Schwanenstatue. Er sah nervös aus und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
Aya und Cael gingen vorsichtig näher.
„Entschuldigen Sie“, sagte Aya leise.
Der Mann erschrak. „Oh! Ich habe euch gar nicht gesehen.“
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Cael.
Der Mann seufzte tief. „Nicht wirklich. Meine Frau und ich haben uns gestritten. Heute ist unser Hochzeitstag, wir kommen jedes Jahr hierher.“
Aya schaute zur Schwanenstatue. Erst jetzt bemerkte sie die Inschrift am Sockel:
L’amour gagne toujours.
„Das bedeutet: Die Liebe gewinnt immer“, sagte Aya nachdenklich.
Der Mann nickte. „Ja. Meine Frau hat diesen Satz immer geliebt.“
Cael dachte einen Moment nach. „Vielleicht sollten Sie ihr das sagen. Dass sie Ihnen wichtig ist und dass Sie sich entschuldigen.“
Der Mann schwieg kurz, dann lächelte er ein kleines bisschen.
„Ihr habt recht“, sagte er.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Innenhof. Eine Frau trat hinaus und blieb überrascht stehen, als sie den Mann sah.
Der Mann ging langsam auf sie zu. „Es tut mir leid“, sagte er leise. Die Frau lächelte und nahm seine Hand.
Aya sah zu Cael und grinste.
„Ich glaube, es funktioniert wirklich“, flüsterte sie.
Cael nickte und zeigte auf die Statue.
„L’amour gagne toujours.“
Aya sah noch einmal zu dem Schwan hinauf. Sie hatte das Gefühl, dass dieser Sommer in Paris noch viele Überraschungen bereithalten würde.
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