Niemand hat mich gesehen. Ich befinde mich auf der Internationalen Raumstation ISS, mutterseelenallein. Normalerweise sind wir hier mindestens zu siebt, doch heute ist alles anders. Meine sechs Kollegen sind gerade auf dem Mond spazieren, während ich die „Stellung halten“ muss. Was sollte hier oben schon passieren? Ein Erdbeben? Ein Vulkanausbruch? Ein schwarzes Loch, das mich samt meiner schlechten Laune einsaugt? Wohl kaum.
Als Belohnung dafür, dass ich nicht mit auf Entdeckungstour durfte, darf ich die Station „aufräumen“. Eigentlich ist es ziemlich sauber, obwohl wir seit vier Monaten keinen Erdboden mehr unter den Füssen haben. Das liegt wohl daran, dass niemand Lust hat, zwei Minuten vor dem Rückflug hektisch zu putzen, nur damit bei der Landung doch alles durch die Kapsel fliegt und man am Ende 99,9 % der Ausrüstung defekt nach Hause bringt. Nur, um dann vom Ehepartner wieder zusammengestaucht zu werden, weil man keine „Sorge“ getragen hat.
Ich mache mich also an die Arbeit, als es plötzlich klopft. An der Aussentür. Ich öffne die Tür. Der plötzliche Druckausgleich wirbelt mich nach draussen wie eine Staubflocke. Ein schwarzer Oldtimer fährt an mir vorbei. Hä? Wir sind hier im Weltall und nicht auf einer achtspurigen Autobahn in L.A., wo es gefühlt alle zwei Sekunden kracht! Dann merke ich: Der Druckausgleich hat mich so heftig weggeschleudert, dass ich direkt auf dem Mars gelandet bin. Und der Oldtimer ist eigentlich ein kleiner, süsser Roboter. Er sieht nur steinalt aus, weil er vermutlich seit 1855 dort oben herumkurvt, ohne jemals eine nützliche Entdeckung gemacht zu haben.
Apropos Entdeckung: Vorhin war ich doch noch auf dem Mond. Diesem Himmelskörper, der die alleinige Verantwortung trägt, dass 20’000 Deutsche am überfüllten Nordseestrand nicht von der Flut überrascht werden und von uns gehen. Schon wieder das Thema Tod? Irgendwie geht es immer ums Sterben oder zumindest ums Überleben.
Aber zurück zum Mars: Wie zum Henker konnte ich in einem Sekundenbruchteil von der ISS hierher fliegen? Ist das ein Traum? Nein, denn mit meinem 500.000 Euro Feldstecher mit 8000-fachem Zoom kann ich immer noch messerscharf die überfüllten Strassen von Berlin sehen. Die Frage ist: Wie komme ich zurück?
Da fällt mir die Jasskarte mit der geknickten Ecke ein. Das ist nämlich keine gewöhnliche Karte. Es ist ein fliegender Teppich, den kleine grüne Männchen irgendwo auf dem roten Eisenplaneten vergraben hatten. Wieso zieht der Mars eigentlich keine magnetischen Dinge an, so wie die Hülle deines neuen Samsung Galaxy S26 Ultra? Und warum ist das Eisen rot? Hat da die Qualitätssicherung geschlampt? Wahrscheinlich nicht; Eisen wird eben rot, wenn es rostet, ein physikalischer Prozess, so normal wie das Älterwerden.
Aber warum eine Jasskarte? Stammen die Aliens etwa von den Franzosen ab, die um 1300 aus purer Langeweile dieses Spiel erfanden? Vielleicht. Jedenfalls könnte ich diesen Teppich mit viel Glück in zwei Minuten oder mit viel Pech in 56,292739102… Jahrtausenden immer noch nicht gefunden haben.
Da die Anziehungskraft – mit der ja schon Isaac Newton schmerzhafte Bekanntschaft machte – auf dem Mars deutlich geringer ist als auf der Erde, beschliesse ich, das Gelände von oben zu inspizieren. Ich springe hoch und „schwimme“ durch die dünne Atmosphäre. Das ist anstrengender als 30 Minuten Dauerlauf (oder 5 Minuten lachen), nur damit der Sportlehrer ein Häkchen in seine Liste macht und man am Ende des Jahres trotzdem eine 3 im Zeugnis kriegt.
Ich bin kurz davor aufzugeben, als ich im Staub einen Satz lese: „You will not find anything here.“ Waren es also Engländer und keine Franzosen? Ich muss lächeln und beginne genau dort zu graben. Nachdem ich eine Schicht aus Staub, toten Aliens und Zigarettenstummeln (die wohl frühere Astronauten aus dem ISS-Fenster geworfen hatten) entfernt habe, bin ich genau so schlau wie vorher. Aber halt: Ich weiss nun mit Sicherheit, dass hier nichts ist. Also bin ich doch schlauer geworden!
Ein Stück weiter finde ich einen weiteren Text: „Creuser ici.“ Hä? Also doch Franzosen? Und die Engländer wollten mich nur verwirren? Ich grabe erneut und finde tatsächlich eine Art Schatzkarte. Da auf dem Mars alles rot ist, gibt es kaum Anhaltspunkte, außer einer kleinen Senke neben dem „X“. Plötzlich kommt mir ein Geistesblitz: Ist die Senke etwa das Loch, das ich gerade gegraben habe? Hätte ich nur tiefer graben müssen?
Ich gehe zurück, grabe weiter und, endlich, da ist er: der Jasskarten-Zauberteppich. Er ist winzig. Aber in meiner Ausbildung habe ich gelernt: Man muss die Karte fünfmal falten, um sie zu aktivieren. Kaum getan, liege ich unter einem riesigen Teppich. Ich krieche hervor, setze mich drauf und stelle fest: Lenken ist eigentlich ganz einfach.
Kurz darauf bin ich zurück bei der ISS. Die Tür steht immer noch offen. Warte, wer hatte eigentlich die Idee für eine „Tür“? Wikipedia sagt, ein gewisser Deutscher namens Hans Tür habe sie erfunden (oder auch nicht). Ach herrje.
Ich bin einfach nur glücklich, wieder da zu sein. Mein Groll auf die Mond-Expedition ist verflogen; ich bin mir sicher, dass mein Abenteuer viel krasser war als das öde Gesteinssammeln der anderen. Doch wo ist der Teppich? Er ist weg. Verschwunden wie ein Bankdirektor aus Banana, der gerade seine eigene Bank ausgeraubt hat. Banana liegt übrigens auf derselben Insel wie London und Paris. Dass die Hauptstädte von ENGLAND & FRANKREICH (schon wieder?) dort dupliziert wurden, macht genauso viel Sinn, wie ein 6mm langes Reiskorn in der Mitte zu teilen, aber am Computer ist „Copy-Paste“ halt einfacher als im echten Leben.
Ich freue mich darauf, den anderen meine Geschichte zu erzählen. Wie lange bin ich eigentlich weg gewesen? Stunden? Tage? Wochen?
Plötzlich dockt eine Raumkapsel an. Warte mal, sind die anderen schon zurück? Oder kommen schon die Neuen? Als ich auf der Erde „abreiste“, schrieben wir das Jahr 2026. Die Astronauten, die nun durch die Tür (danke, Hans!) kommen, behaupten, wir befänden uns im Jahr 2098.
Hatte Einstein also recht? Wenn man sich derart schnell bewegt, fühlen sich Jahrzehnte wie Stunden an. Ich will jedenfalls nur noch eines: so schnell wie möglich zurück zur Erde und nicht noch weitere neun Monate warten. Doch das Schicksal (oder die NASA) hat wohl andere Pläne…
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