Liliths Wecker klingelt schon viel zu früh. Sie wälzt sich ein paar Mal im Bett, steht dann aber auf. Am Morgentisch schiebt sie ihr Frühstück weg. «Ich bin so aufgeregt, Mama, ich kann gar nichts essen.» Ihre Mutter nickt ihr verständlich zu und gibt ihr eine Banane zum Mitnehmen. Im Zug packen alle ihre Freundinnen Süssigkeiten aus. Frieda, Liliths beste Freundin hat ihre Lieblings Katjes mitgenommen. Die Alpakas. Lilith lehnt ab. «Mir ist gerade nicht danach, danke» Lilith wechselt das Thema und die Alpakas gehen schnell vergessen. Auf dem Lagerplatz angekommen, sehen sie zum ersten Mal die andere Pfadigruppe. Lilith blickt sich um und entdeckt plötzlich das Mädchen, welches mit ihr früher in den Schwimmkurs ging. Ihre Blicke treffen sich und sie lächeln sich an. In dem Moment wird Lilith von Merles bekannter Stimme unterbrochen. «Lilith, Lilith, siehst du den Jungen dort?» «Mhh ja seh ich» «Lilith der sieht so gut aus, denkst du ich habe eine Chance?» Lilith verdreht die Augen genervt, doch ihr Herz macht einen Sprung. Levi ist auch hier. «Merle, das ist der Junge, von dem ich dir erzählt habe. Erinnerst du dich? Der grosse Bruder von dem Mädchen aus dem Schwimmkurs?» Sie lässt ihre Freundinnen zurück, sich über den süssen Typen, Levi unterhaltend und schlendert langsam Richtung Mädchen vom Schwimmkurs. «Hey Lotta»
Am Abend gibt es Suppe. Lilith isst zwei Löffel und leert den Rest heimlich aus. Ihre Kopfgeister, so wie sie die Stimmen in ihrem Kopf nennt, tun alles in ihrer Kraft, Lilith vom Essen abzubringen. Nach dem Abendessen und nach den Ämtli verkünden die Leiter und Leiterinnen, dass es zum Einstieg ins Lager und um sich besser kennenzulernen ein 24h Game gibt. «Das ist ein Spiel, bei welchem ihr mit euren Gruppen versucht, 24 Stunden zu überleben und euch gegen die anderen Teams zu wehren», erklärt eine eher kleine dafür aber kräftige Leiterin. Lilith ist mit keiner ihrer Freundinnen in der Gruppe, dafür aber mit Levi. Lilith fühlte sich leer und energielos, was vielleicht daran liegt, dass sie noch nichts ausser zwei Löffel Suppe gegessen hatte. Während dem Spiel müssen sie die ganze Zeit herumrennen, Lilith wird ab und zu schwindelig und sie fühlt sich so, als würde sie nächstens umkippen. Im Verlauf des Abends fragt Levi sie ein paar Mal, ob alles okay ist. Lilith zuckt mit den Schultern, aber Levi weicht fast nicht mehr von ihrer Seite. Um etwa Mitternacht spielen sie ein Spiel namens Englische Bulldoggen, was ein wildes Fangspiel ist. Lilith ist fertig und probiert sich gar nicht mehr zu wehren. Wenig später wird ihr kurz schwarz vor Augen, doch sie hat sich schnell wieder gefasst und lässt sich nichts anmerken. Stattdessen richtet sie sich auf und lächelt Levi an, der auf sie zukommt. Er drückt ihr einen Kessel mit Spaghetti in die Hand und fragt: «Kannst du kochen?» Lilith nickt und ihre ganze Gruppe läuft los zu ihrer Base, wo sie übernachten werden. Nachdem Lilith die Spaghetti gekocht hat, stürzen sich alle hungrig darauf los und niemand bemerkt, dass Lilith nichts isst. Niemand ausser Levi. Er rutscht mit seinem voll, fast schon zu voll beladenen Teller neben sie. «Hey, hast du keinen Hunger?» Lilith schüttelt den Kopf «Nee gar nicht» Levi sieht sie mit einem besorgten Blick an. «Das glaub ich dir nicht.» «Dann ist das eben so», sagt Lilith und dreht sich weg. «Kommst du nachher mit mir eine andere Gruppe überfallen?» Lilith nickt «von mir aus» und beide sind still.
Levi rennt los und Lilith hinterher. Sie haben ein klares Ziel. Sich von hinten an Friedas Gruppe anschleichen und sie dann überfallen, so, dass Friedas Gruppe gar nichts mitkriegt. Lilith fühlt sich schon wieder so, als würde sie umkippen, ihr Kreislauf spielt verrückt, doch ihre Kopfgeister reden ihr ein, dass das normal ist. Lilith rennt und rennt. Sie merkt, wie sich alles anfängt zu drehen und sie nichts mehr hört. Sie rennt weiter und kalter Schweiss läuft über ihre Stirn. Irgendwann hört sie Levis Stimme. «Lilith, Lilith ich habe die andere Gruppe überfallen, du kannst aufhören zu rennen!» Lilith verlangsamt sich und versucht das Gleichgewicht nicht zu verlieren. «Lilith, alles okay, du schwankst?» Lilith gibt keine Antwort. «Lilith, geht es dir gut? Lilith antworte mir!» Lilith sammelt ihre letzte Kraft und antwortet mit zittriger Stimme: «Jaja mir ist nur etwas schwindelig, geht schon wieder.» Levi stützt sie und zusammen laufen sie zu einer Bank. Lilith setzt sich in Zeitlupe ab und reibt sich übers Gesicht. Sie kann ihre Tränen fast nicht zurückhalten und noch immer sind da ihre Kopfgeister, die ihr sagen, dass alles gut ist. Lilith fängt an zu zittern und spürt heisse Tränen auf ihrer Wange. Weint sie? Sie spürt, wie Levi näherkommt und sie umarmt. Lilith weint, bis sie keine Tränen mehr hat. «Willst du reden?» Lilith bleibt stumm und Levi holt einen Riegel aus seiner Tasche. «Iss» Sie schüttelt den Kopf. Ihre Kopfgeister schreien in ihr. «Lilith, wann hast du das letzte Mal gegessen?» «Erst gerade» «Lilith, wann? Heute? Gestern?» «Gestern Morgen» «Lilith du musst essen!» Ihre Kopfgeister werden immer wütender. Sie reden ihr ein, dass er sie manipuliert. Sie muss nicht essen, sie darf nicht. «Ich weiss, ich ess ja auch» «Lilith du musst jetzt etwas essen. Iss meinen Riegel» «Ich will nicht» Levi fängt hilflos an zu weinen. «Weisst du Lilith, ich habe schon lange bemerkt, dass du nichts isst, und du machst mir Angst, dein Körper verkraftet das nicht mehr lange und ich will dich nicht verlieren. Lilith ich mag dich… sehr fest sogar.» Langsam nimmt Lilith den Riegel und öffnet die Packung. Ihre Kopfgeister sind jetzt am Durchdrehen. Sie beisst langsam in den Riegel und fängt wieder an zu weinen. Biss für Biss ist sie Levis Riegel bis am Schluss nur noch ein paar Krümmel übrigbleiben. Levi schaut Lilith erleichtert an. Für einen Moment sind ihre Kopfgeister still, jetzt gibt es nur noch sie und Levi. Levi nimmt ihre Hände. Sie küssen sich.
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