Schrill hallten die piepsenden Töne des Weckers durch mein dunkles Schlafzimmer. Stöhnend streckte ich meine Hand nach dem Wecker aus und stellte ihn ab. Schnell kuschelte ich mich wieder in die warmen Bettlaken. Gerade war doch alles perfekt gewesen…
In einem weit entfernten Land, in dem es Drachen und allerlei Fabelwesen gab, war ich die auserwählte Prinzessin. Ich hatte glamoröse Bankette genossen und war mit meinem Drachen über das Meer und hohe Berge gesegelt. Mit einem Mal wurden die Storen aufgezogen, und gleißendes Licht flutete mein Zimmer. Meine Mutter streckte den Kopf herein und rief: „Schatz, du musst jetzt wirklich aufstehen!“ Es klang verzerrt, und ich brauchte ein paar Sekunden, um sie zu verstehen. Meine Sicht war verschwommen, also rieb ich mir die Augen, bevor ich widerwillig die Decke zurückwarf und ins Badezimmer wankte.
Kaum angezogen hastete ich die Treppe runter in die Küche, schaufelte mir ein wenig Müsli in den Mund und zog mir meine warme Daunenjacke an. Es war ein frischer Morgen und der Himmel war in ein bezauberndes rosa getunkt. Nicht ein einziges Vogelgezwitschere durchschnitt die Stille und ich ruhte mich in der unerwarteten Wohltat aus.
Als ich den Bahnhof erreichte, stellte ich mich an die gleiche Stelle wie immer. Nicht zu weit vorne, nicht zu weit hinten, an eine Säule angelehnt. Krächzend ertönte eine Durchsage: „Die S6 nach Baden wird 3 Minuten verspätet sein. Der Grund dafür ist eine Verspätung aus vorheriger Fahrt. Der Grund dafür ist eine Verspätung aus vorheriger Fahrt. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld.“ Ungläubig blickte ich mich um. War es nur mir aufgefallen, dass der gleiche Satz zwei Mal gekommen war?
Mit einem durchdringenden Kreischen kam mein Zug an, und ich beobachtete, wie die verschiedensten Gestalten im Zug aufstanden. Durch die Fenster sah ich wie eine Mutter versuchte den Streit zwischen ihren Kindern zu schlichten. Ein alter Greis lotste seine Ehefrau zum Ausgang. Vertieft in seinem Handy hastete ein Junge, welcher ungefähr im gleichen Alter wie ich war, die Treppe hinunter. Alle diese unterschiedlichen Menschen waren in ihrer eigenen, kleinen Welt. Sie alle trugen Geschichten mit sich herum, von welchen nur sie wussten. Mich sahen sie jetzt durch die durchsichtige Tür. Vielleicht fanden sie, dass meine Haare komisch aussahen oder meine Schuhe nicht zu meiner Hose passten. Möglicherweise nahmen sie gar nicht von mir Notiz. Immerhin würde ich in kürzester Zeit eh der Vergangenheit angehören. Ich war nur eine weitere, unwichtige Person, die der Kulisse ihres Lebens angehörte. Wie ein Fahrradfahrer im Hintergrund eines Actionfilmes.
Langsam leerte sich der Zug und die Menschen wurden in alle vier Himmelsrichtungen verstreut. Mit schnellen Schritten trat ich in den Zug und suchte mir einen Fensterplatz. Vis à vi von mir ruhte sich ein alter Herr aus und blätterte in einer Zeitung. „Trump hat die Zölle um 36% gesteigert!“, prangte auf der Vorderseite. Ich selbst hatte diesen Mann noch nie in echt gesehen, und doch beeinflusste er mein Leben beträchtlich. Veränderte ich eigentlich das Leben anderer? Rasch kam ich zu dem Schluss, dass dies der Wahrheit entsprach. Aber noch lange nicht in dem Masse in dem es Trump, Putin oder gar Karin Keller-Sutter tat. Der Zug setzte sich rasch in Bewegung, und schon bald düsten wir über das Gleis davon. In Gedanken vertieft beobachtete ich, wie die Landschaft an mir vorbei raste. Als ich den Rentner wieder anschaute, schlug er die gleiche Seite um wie gerade vorhin schon. Verwirrt schüttelte ich den Kopf, in dem Glauben, dass es sich dann herausstellen würde, dass es bloss ein Missverständnis gewesen war. Aber so war es nicht, und ich traute meinen Augen kaum als er wieder zurückblätterte, um nachher wieder nach vorne zu blättern. Verstört starrte ich ihn an, und als würde die Zeit wieder weitergehen rückte er sich zurecht und blätterte auf die neue Seite. Erstaunt packte ich meine Sachen zusammen, da ich bei der nächsten Station aussteigen sollte. Am Rande meines Blickfeldes leuchtete etwas auf, und als ich hinschaute, sah ich, dass es mein Handy war. Zögernd nahm ich es in die Hand. Wer hatte mir geschrieben? Ich tippte die Nachricht kurz an, und ein kurzer Absatz ploppte auf:
Liebe Klasse
Heute fällt die Deutschlektion aus, da ich krank bin.
Liebe Grüsse
Nicole Frei
Logisch. Wenn ich mal pünktlich war, fiel die Stunde aus. Fassungslos schulterte ich meinen Rucksack auf und begab mich zum Ausgang.
Aber was sollte ich denn machen? Ich beschloss, in ein naheliegendes Café zu gehen und mein Buch weiterzulesen. Quietschend glitten die Türen des Zuges auf und ich trat hinaus in die kühle Morgenluft. Gemütlich schlenderte ich die Strasse entlang, da ich jetzt keinen Stress mehr hatte. Eine Katze döste auf der Mauer und ein paar Vögel stimmten ein Lied an. Eine freundlich wirkende Frau kam mir entgegen. Ich warf ihr ein Lächeln entgegen, und sie hielt kurz inne. Verwirrt blickte ich ihr in die Augen, aber es schien, als würde sie durch mich hindurchsehen. Kurze Zeit darauf setzte sie sich wieder in Bewegung, als wäre nichts vorgefallen. Zweifelnd schloss ich die Augen und öffnete sie wieder. Was war los? Aus heiterem Himmel donnert ein knallrotes Auto die Strasse hinunter und zerstört den kurzen Frieden in Sekundenschnelle. Verärgert blicke ich ihm nach, und dachte mir, wie gedankenlos manche Leute sein können. Ich hatte mich gerade beruhigt, als das gleiche Auto an mir vorbeifuhr. Die Reifen quietschten, doch der Klang wirkte gedämpft, als hörte ich ihn durch Wasser. Verwundert fasste ich mir an die Ohren, aber da kam auch schon der Ton zurück. Was war das denn gewesen?
Bald darauf erreichte ich das Café und ich liess mich in ein weiches Sofa sinken. „Perfekt!“, dachte ich mir. So hatte ich die ganze Zeit die Uhr im Auge.
Plötzlich machte sich aber ein schummriges Gefühl in mir breit, und es fühlte sich so an, als würde ich fallen. Fallen, fallen, fallen. Die Zeiger der Uhr begannen, sich rückwärtszudrehen, und es wurde dunkel.
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