"Jagd durch die Nacht" - Eine Geschichte von Viktoria Jung - Young Circle

«Jagd durch die Nacht» – Eine Geschichte von Viktoria Jung

Member Stories 2026

«Jagd durch die Nacht» – Eine Geschichte von Viktoria Jung

Eine stürmische Nacht, ein flüchtiger Einbrecher und eine Detektivin, die niemals aufgibt. Als Amouria durch die dunklen, verlassenen Strassen ihrer Stadt jagt, folgt sie einer Spur, die sie in ein unbekanntes Viertel führt. Doch dort endet die Verfolgung nicht mit der Festnahme eines Täters, sondern mit einer unheimlichen Entdeckung – und dem Gefühl, dass in der Dunkelheit noch etwas anderes lauert.

Amouria stolperte durch die dunklen Schatten. Kalter Regen prasselte auf die pechschwarze Strasse. Ab und zu zerriss ein Blitz den ganzen Himmel. Für einige Augenblicke wurden die Umrisse des Stadtviertels hell, bevor sie die Nacht wieder verschluckte.

Sie zog ihren Mantel enger um sich. Donner hallte in den finsteren Gassen der Stadt wider. Immer wieder drehte sich Amouria um und schaute in jedes Gässchen. War der Einbrecher etwa entkommen? Sie hätte ihn auf frische Tat ertappen können. Ihr Ruf als beste und erste Detektivin der Stadt wäre nochmals bestärkt worden. Aber jetzt, da der Täter fliehen konnte und sie somit wahrscheinlich eine Niederlage erlitten hatte, war ihre Anerkennung in Gefahr. Damit gab sich Amouria aber nicht zufrieden. Niederlage? Auf gar keinen Fall. Sie suchte weiter: Gasse um Gasse und Strasse für Strasse. Jedoch blieb die junge Frau erfolglos.

Merkwürdigerweise brannte in keinem der Häuser ein Licht. Nur wenige Strassenlaternen – und gelegentlich das tobende Gewitter – liessen die Gegend schimmern. Zudem war es totenstill. Amourias keuchender Atem war der einzige Zeuge für eine Menschenseele: nämlich ihre eigene.

Nach einer halben Ewigkeit der vergeblichen Verfolgung blieb die junge Frau schliesslich erschöpft stehen. Keuchend stützte sie sich an ihren Oberschenkeln ab. Amouria war auf einer Kreuzung stehengeblieben, von welcher aus sich viele Strassen abzweigten. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hatte keine Ahnung, wo sie gelandet war. An einer Ecke flackerte eine Laterne und Amouria glaubte ein Strassenschild zu erkennen. Und tatsächlich, als sie sich näherte, konnte sie den Namen der Strasse lesen: „Rösschenstrasse“. Die junge Detektivin runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht an so einen Namen in ihrer Stadt erinnern. Und das war seltsam – sie kannte diese Stadt wie fast kein anderer.

Plötzlich nahm Amouria im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ihr Blick huschte direkt hinauf zum Dach von einem benachbarten Gebäude, wo sie glaubte, eine graue Silhouette zu sehen. Als ein Blitz die Nacht erhellte, war dort jedoch nichts. Vermutlich eine optische Täuschung dachte Amouria.

Sie wandte sich wieder dem Strassenschild zu. Obwohl seine Buchstaben vorher noch lesbar gewirkt hatten, war die Schrift nun verzerrt. Amouria blinzelte, doch nun glaubte sie „Schrecken“ zu lesen und wich erschüttert zurück. Beinahe wäre sie über einen leichten Schlammhügel gestolpert, welcher sich aufgrund des Regens auf dem Steinpflaster gebildet hatte.

Ein leises Knarren liess Amouria zusammenzucken. Sie wandte sich in die Richtung, aus welcher sie glaubte, das Geräusch gehört zu haben. Sie hielt den Atem an und horchte. Doch es war nichts zu hören bis auf die Töne des Regens. Vielleicht ein altes, ächtzendes Fenster, das sich im Sturm geöffnet hatte? Für einen kurzen Moment wirkte es so, als würde die Gegend atmen. Die junge Detektivin verliess langsam der Mut- es fing sie sogar an zu gruseln. Denn es war absolut windstill, von Sturm konnte gar nicht die Rede sein.

Sie blickte auf den Boden, um erneut einem Schlammhügel auszuweichen. Da entdeckte sie auf einmal Spuren im Dreck. Frische Spuren. Der Regen hatte sie kaum verwischt und die Strassenlaterne reflektierte das Wasser in den Spuren unheimlich. Sie kniete nieder.  Es konnte kein geringerer sein als ihr gesuchter Einbrecher, der sich noch draussen herumtreiben konnte. Voller Freude wieder eine Fährte zu haben, übersah die junge Detektivin zunächst, dass sich noch andere Abdrücke neben den Spuren befanden. Als Amouria die Abdrücke nochmals genauer betrachtete, blieb ihr Herz für einen Moment fast stehen. Sie wirkten etwas frischer und dunkler – zu gross, um von dem Einbrecher zu stammen.  

Sie erhob sich wieder und begann langsam der Fährte zu folgen. Die Spuren wirkten wie schwarze Tintenflecken auf dem Schlamm. Ihre Schritte hallten in der Stille wieder. Amouria spähte in jede dunkle Ecke und hielt inne, um zu lauschen – nichts nur das Rollen des Donners. Ihr Herz begann zu hämmern, als sie das Gefühl hatte, die Abdrücke des Einbrechers wirkten frischer.

Da vernahm die junge Frau ein rasselndes, dezentes Stöhnen, welches ihr das Blut in den Adern gefrieren liess. Sie blickte um sich – doch immer noch war keine Menschenseele zu sehen. Die wenigen Laternen flackerten in der Dunkelheit und ihre Schatten sahen aus wie Finger, die nach ihr versuchten zu greifen. Amouria ging vorsichtig weiter, obwohl jeder einzelne Muskel in ihrem Körper darauf bedacht war, sich umzudrehen und wegzurennen. Nun regnete es stärker. Jeder Blitz, welcher die Pfützen aufleuchten liess, wirkte wie eine Warnung. Amouria zog ihren Hut tiefer über ihre schweissnasse Stirn damit sie nicht die ganze Zeit blinzeln musste. Sie hatte nun das unheimliche Gefühl beobachtet zu werden. Im Blickwinkel nahm sie einen dunklen Schatten wahr, der in eine Nebengasse huschte. Amouria war jedoch nicht danach zu erfahren, was es gewesen sein mochte. Die Spuren endeten auf einmal abrupt. Sie stockte. Schliesslich blickte Amouria zögernd auf. Sofort sprang sie zurück. Ihre Vorahnung wurde Realität. Auf dem schlammigen Steinpflaster lagen die Beine ihres Einbrechers, reglos – für einen Moment schien es, als würde er sie aus einem Schatten heraus ansehen. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Ihre Hände zitterten. Trotzdem kauerte sie sich vorsichtig hinunter und fasste seine Hand. Kein Puls. Kein Atem. Nur Totenstille.

Ein rasselndes Stöhnen erfüllte die Luft. Amouria erstarrte. Zuerst wagte sie es nicht aufzusehen. Erneut erfüllte ein schleppendes Stöhnen die Luft – diesmal näher, lauter.

Sie zog ihren Revolver aus der Tasche. Ein Blitz zerriss die Dunkelheit. Einen Herzschlag lang erkannte sie endlich das fahle Gesicht, dann verschmolz es wieder mit der Nacht.

                                     

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