"Die Tiefen des Meeres" - Eine Geschichte von Kira Lösch - Young Circle

«Die Tiefen des Meeres» – Eine Geschichte von Kira Lösch

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«Die Tiefen des Meeres» – Eine Geschichte von Kira Lösch

Die Meerjungfrau Aria wird von Piraten gefangen und zum König von Nerava gebracht, der ihr Volk für zerstörerische Meeresströmungen verantwortlich macht. Doch Aria weiss, dass etwas viel Gefährlicheres unter der Insel lauert: ein riesiges Seeungeheuer. Um ihr Volk zu retten, schliesst sie einen riskanten Deal mit dem König – und gemeinsam stellen sie sich der Kreatur aus der Tiefe.

Das Netz schloss sich um Aria wie ein Käfig. Sie schlug mit ihrem kräftigen Schwanz gegen die schweren Seile, doch die Bleigewichte zogen das Netz immer enger zusammen. Kaltes Wasser wirbelte um sie herum, während ihre Finger verzweifelt nach einer Lücke tasteten. Über ihr brach plötzlich die Wasseroberfläche auf.

„Wir haben etwas!“

Ein Schiff. Ein Piratenschiff.

Natürlich, dachte Aria bitter. Das Kopfgeld. Seit Monaten jagten Menschen ihr Volk. Der König von Nerava hatte behauptet, Meerjungfrauen seien schuld an den zerstörerischen Strömungen rund um seine Insel, weil sie die Strömungen kontrollieren konnten.

Rauhe Hände zogen das Netz an Bord. Aria schlug hart auf das nasse Holzdeck. Männer mit salzverkrusteten Mänteln und wettergegerbten Gesichtern beugten sich über sie.

„Bei allen Stürmen … eine Meerjungfrau.“
„Der König zahlt uns ein Vermögen.“

Aria hob den Kopf. Ihre pechschwarzen Haare klebten ihr im Gesicht.

„Lasst mich frei.“

Der Kapitän lachte rau. „Nicht heute.“ Er deutete zum Horizont. „Kurs nach Nerava!“

***

Die Insel tauchte Stunden später aus dem Nebel auf. Nerava war kein friedlicher Ort. Steile Felsen ragten aus dem Meer, und Häuser aus dunklem Holz klammerten sich an die Klippen. Schmale Brücken verbanden Türme und Plattformen. Zerbrochene Stege und zerschmetterte Boote lagen zwischen den Felsen.

Unter ihnen tobte das Wasser. Strömungen rissen die Wellen in unnatürliche Richtungen. Aria spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Meer fühlte sich falsch an, als hätte etwas Grosses die Strömungen aufgerissen. Tief unter der Insel bewegte sich ein unnatürlicher Schatten.

***

Der Palast lag hoch zwischen zwei gewaltigen Felsen. Die Tür wurde aufgestossen und Aria wurde unsanft auf den Boden geworfen.

Über ihr stand der König. Er war erstaunlich jung, vielleicht achtzehn. Sein dunkles Haar war zerzaust und seine Schultern waren angespannt. Seine Augen jedoch waren kühl und voller Misstrauen.

„Wie versprochen“, sagte der Kapitän. „Eine Meerjungfrau.“

Aria richtete sich auf und starrte ihn an.

„Du bist also der König“, sagte sie mit zitternder Wut. „Der Mann, der wegen eines dummen Gerüchts das Kopfgeld auf uns ausgesetzt hat.“

Der König verengte leicht die Augen. „Ein dummes Gerücht? Meine Insel wird seit Monaten überflutet. Strömungen zerstören Häuser. Wellen reissen Menschen ins Meer!“

Er trat näher. „Und Meerjungfrauen können das Wasser kontrollieren.“

Seine Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Also sag mir, Meerjungfrau. Wer sonst sollte dafür verantwortlich sein?“

Aria ballte die Hände. „Du jagst uns wegen einer Lüge.“

Der Raum wurde still.

Der König schwieg einen Moment. Zweifel lag kurz in seinem Blick.

Aria hob den Kopf. „Etwas lebt unter deiner Insel.“

Einige Piraten lachten.

Doch Aria sprach weiter. „Ein Ungeheuer. Seine Bewegungen verursachen die Strömungen.“

Der König sah sie lange an.

„Wenn das wahr ist“, sagte er schliesslich, „hilf uns, es zu stoppen.“

„Warum sollte ich dir helfen?“ fragte Aria wütend. „Du lässt mein Volk jagen.“

Der König antwortete ruhig. „Wenn du es schaffst, werde ich das Kopfgeld auf Meerjungfrauen aufheben.“

Aria zögerte. Sie wusste, dass es gefährlich werden würde. Doch plötzlich dachte sie an ihre kleine Cousine, die seit Wochen jede Nacht am Riff wartete, weil ihre Eltern von Piraten gefangen worden waren und nie zurückkehrten. Aria konnte nicht zulassen, dass noch mehr Familien zerbrachen.

Sie musste das Risiko eingehen.

Langsam hob sie den Kopf. Dann nickte sie.

„Deal.“

***

Am nächsten Morgen fuhren mehrere Boote hinaus aufs offene Meer. Soldaten hielten Harpunen bereit. Dicke Seile lagen aufgerollt am Deck.

Aria stand am Rand eines Bootes. Der König trat neben sie.

Für einen Moment schwiegen beide.

„Wenn du falsch liegst“, sagte er schliesslich, „verliere ich meine Insel.“

Aria sah hinaus auf das dunkle Wasser. „Wenn ich nichts tue, verliert mein Volk sein Zuhause.“

Der König nickte langsam. Zum ersten Mal sah er sie nicht wie eine Gefangene, sondern wie jemanden, der ebenso viel zu verlieren hatte.

Aria tauchte ins Meer. Sofort umgab sie die vertraute Tiefe. Das Wasser fühlte sich an wie eine alte Stimme, die sie seit ihrer Kindheit kannte.

Sie musste das Seeungeheuer mit den Strömungen an die Wasseroberfläche treiben. Unter Wasser war es zu stark. Oben warteten die Soldaten mit ihren Harpunen.

Sie streckte die Hände aus. Die Strömungen reagierten. Langsam begann sie, sie zu bündeln.

Tief unter ihr bewegte sich ein Schatten. Grösser als jedes Schiff.

Das Wasser begann zu beben.

Dann schoss das Ungeheuer nach oben.

Ein gewaltiger Körper brach durch die Oberfläche. Dunkle Flossen peitschten durch die Luft, und eine riesige Welle schlug gegen die Boote.

„Bereit!“ rief der König.

Harpunen flogen.

Das Ungeheuer brüllte und schlug mit seiner Flosse. Ein Boot kippte gefährlich zur Seite.

Aria zog die Strömungen enger. Das Wasser hielt das Wesen kurz an der Oberfläche fest.

Doch plötzlich peitschte eine gewaltige Flosse nach vorne. Sie traf Aria.

Der Aufprall schleuderte sie gegen einen Felsen. Für einen Moment wurde alles schwarz.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie das Ungeheuer auf sich zukommen.

Dann sprang jemand ins Wasser.

Der König.

Mit einer Harpune schwamm er direkt auf das Ungeheuer zu und rammte die Waffe tief in seine Seite.

Das Wesen brüllte und wandte sich ihm zu.

Der Moment reichte.

Aria sammelte ihre Kräfte. Mit einem Ruck zog sie die Strömungen zusammen.

Das Wasser presste das Ungeheuer an die Oberfläche.

„Jetzt!“ rief sie.

Die letzten Harpunen trafen.

Das Ungeheuer bäumte sich ein letztes Mal auf und sank dann zurück in die Tiefe.

Langsam wurde das Meer ruhig. Die Strömungen verschwanden. Die Wellen glätteten sich.

***

Am Abend sass der König auf einem Felsen, während Aria unten im Wasser vor den Klippen trieb. Am Horizont ging die Sonne unter. Die Wellen schlugen ruhig an die Klippen, und das Wasser glitzerte im Abendlicht.

Der König lächelte leicht. „Also … ihr Meerjungfrauen rettet manchmal auch Inseln?“

„Nur wenn die Könige aufhören, uns zu jagen“, antwortete Aria.

Er beugte sich etwas näher über die Klippe. „Und wenn ich das verspreche … sehe ich dich dann wieder?“

Aria grinste. „Vielleicht.“

Dann tauchte sie unter und verschwand in der Tiefe des Meeres.Formularbeginn


                                     

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