"Im Regen" - Eine Geschichte von Jil Sommer - Young Circle

«Im Regen» – Eine Geschichte von Jil Sommer

Member Stories 2026

«Im Regen» – Eine Geschichte von Jil Sommer

Nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater rennt Valeria verzweifelt in die regnerische Nacht. Am Tiefpunkt ihres Lebens begegnet sie einem fremden Jungen, der ihr zuhört, sie tröstet und ihr für einen Moment das Gefühl gibt, wieder ganz zu sein. Doch obwohl diese Begegnung alles verändert, verschwindet er danach spurlos – und Valeria muss lernen, ihren eigenen Weg weiterzugehen.

«Hör gefälligst zu, wenn deine Mutter mit dir redet, du verzogene Göre» schrie Valerias Vater, bevor sie die Tür knallte und wegrannte. In diesem Moment zerbrach ein Teil von ihr. Wie konnte es nur so enden? All die schönen Erinnerungen mit ihrer Familie, die Gespräche mit ihrem Bruder wurden durch die Worte ersetzt, die ihr Vater ihr, während dem Abendessen an den Kopf geworfen hatte. Die Regentropfen vermischten sich mit ihrem Tränen und sie schluchzte laut auf. Sie hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Ihre Sicht verschwamm und sie rutsche auf dem nassen Boden aus. Das Wasser sog sich in ihre Jeans und langsam wurde ihr kalt. Hilflos schlang Valeria die Arme eng um ihre Beine und liess den Tränen freien Lauf. Der Regen prasselte auf sie ein und die Autolichter blendeten sie.

Plötzlich spürte sie ein sanftes Klopfen auf ihrer linken Schulter.

Sie sah auf und starrte in grosse braune Augen, die sie ungeniert musterten. Der Typ musste etwa gleich alt sein wie sie. Genau wie ihre Jeans, war auch seine pitschnass. Verlegen bot er ihr seine Hand an, nachdem er sich durch seine durchnässten, schwarzen Haare gefahren ist. Und als er sie hochzog, fühlte sich das verzweifelte Mädchen ein bisschen mehr wie eine Prinzessin statt ein Häufchen Elend. «Probleme zuhause?» fragte er leise. Noch bevor Valeria antworten konnte, brach sie in Tränen aus. Schnell nahm er sie in den Arm und hielt sie fest, bevor am Boden in sich zusammensank. Stotternd und immer noch halb heulend erzählte sie was passiert ist.

«Und jetzt bin ich hier» meinte sie zum Schluss. Still gingen sie ein paar Schritte.

Sanft hub er den Kopf und blickte sie von der Seite an, «Verrätst du mir deinen Namen?»

«Valeria»

Nach einem kurzen Überlegen meinte er: «Ich finde Val passt besser zu dir»

«Niemand nennt mich Val»

«Dann will ich dein Niemand sein»

Valeria verschlug es die Sprache. So fremd er ihr auch war, es schien, als kannte ihr Herz ihn.

Seite an Seite liefen die Beiden durch die Strassen und begannen sich Dinge zu erzählen, die sonst keiner wusste. Valerias Kindheitsträume, die Gespräche mit ihrer Katze und die Albträume von Zerjavna die ihr Angst bereiteten. Gerade als er von seinen Verwandten und ihrem Garten erzählte, fing sie an, ihn sich genauer anzusehen. Seine nachtschwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht und verdeckten leicht seine wunderschönen Augen. Als könnte er Val’s Gedanken lesen, warf er ihr einen langen Seitenblick zu und sie verlor sich in seinen Augen. Ein wohliges Gefühl von Wärmer und Geborgenheit bereitete sich in Valeria aus. Noch nie hatte sich Valeria zu jemandem so hingezogen gefühlt, wie zu ihm.

Stundenlang hörten sie nicht auf zu reden.

Irgendwann kamen sie unter einem Holunderbaum zum Stehen und standen sich

gegenüber. Er nahm ihre Hand und Val spürte, wie sich an ihrem gesamten Körper Gänsehaut bildete. «Du bist das tollste Mädchen, was ich je getroffen habe», murmelte er und schob ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie hielt den Atem an. Hoffnungsvoll blickte er erst auf ihre Lippen und ihr dann in die Augen. Fast unmerklich nickte Valeria leicht mit dem Kopf. Er zog sie an sich heran und küsste sie so sanft, dass Val für einen Augenblick alles vergass.

All die gebrochenen Teile ihres Herzens schienen dank ihm wieder zusammenzufinden.

3 Monate später

«Nun komm endlich», Valerias Cousine Nikki winkte übermotiviert zu sich herüber.

Valeria warf noch einen letzten Blick auf ihr Handy. Immer noch keine Nachricht. So sehr sie auch wollte, er ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Wieso hatte er ihr nicht seine Nummer gegeben, dann hätte sie ihn anrufen können? Diese Frage hat sich Valeria so unglaublich oft gestellt. Seufzend stand sie auf und begab sich auf die Tanzfläche zu den anderen. 10 Songs und 2 Cocktails später liessen sie sich lachend auf die Couch fallen. Und als Valeria sich umblickte, merkte sie, dass es doch alles irgendwann besser wird. Ihr Leben hatte sich in den letzten Monaten deutlich verändert; nun wohnte sie bei ihrer Cousine Nikki und spielte im Fussballteam mit. So sehr sie sich auch wünschte, er würde ihr schrieben oder sie anrufen, so wusste sie, dass es vielleicht einfach nicht sein sollte.

Liebe ist überall zu finden, da braucht man nicht jemanden, der es nicht mal schafft anzurufen.

Und trotzdem vermisste sie ihn.


                                     

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