Es ist Dienstagmorgen und ich sitze immer noch auf dieser ungemütlichen Bank im Flughafen, obwohl mein Flug schon vor fünf Stunden hätte starten müssen. Neben mir auf einer weissen Papiertüte liegt ein angebissenes Croissant, daneben mein aufgeschlagenes Buch, welches ich gerade seufzend beiseitegelegt habe. Ich strecke mich einmal kräftig und lasse meinen Blick durch die grosse Flughalle schweifen. Geschäfte für Kosmetikartikel reihen sich an verschiedene Bäckereien. Dazwischen gibt es einen Souvenirshop und einen kleinen Buchladen. Es herrscht ein reges Treiben. Aufmerksam betrachte ich die vielen unterschiedlichen Menschen. Eine grossgewachsene Frau eilt mit einem kleinen blonden Jungen an der Hand an mir vorbei. Am Kiosk in der Ecke beobachte ich einen alten dunkelhäutigen Mann, der einer blassen Dame mit pechschwarzen Haaren die Zeitung mit den neusten Nachrichten abkauft. Dort drüben tummelt sich eine Familie, die Mutter mit einem etwas gestressten Gesichtsausdruck. Es sind so viele verschiedene Menschen hier und jede Person hat ihre eigene Geschichte zu erzählen.
Plötzlich steht ein auffällig niedliches Mädchen vor mir, sommersprossig und mit strohblonden Haaren. Ich blicke in ihre Augen, die mit einer interessanten Mischung aus Grün und Braun gefärbt sind. «Hallo», begrüsse ich sie lächelnd. «Alles gut bei dir?». Sie nickt und setzt sich auf den freien Platz neben mir. Einen Augenblick lang mustert sie mich aufmerksam mit einem leicht schiefgelegten Kopf. «Wie geht es dir?», fragt sie mich dann. Ich öffne meinen Mund, bereit zum Antworten. Auf meiner Zunge liegt ein Wort, das die wahrscheinlich meistgenannte Antwort auf diese Frage ist. ‘Gut.’ Doch etwas in mir hält mich zurück, dieses eine Wort auszusprechen, weil ich mich frage, ob es wirklich meinen aktuellen Gefühlszustand widerspiegelt. Ich habe das Bedürfnis, diesem kleinen und noch so unerfahrenen Mädchen mein Herz auszuschütten. «Ich beobachte gerade all die Menschen hier. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen, was ich unglaublich interessant finde, wenn man so darüber nachdenkt. Ich möchte dir gerne einen kleinen Teil meiner Geschichte erzählen, wenn du das möchtest.» Ich warte einen Moment, doch als das Mädchen mir nur lächelnd in die Augen schaut, fahre ich mit ruhiger Stimme fort. «Manchmal habe ich das Gefühl, mich selbst verloren zu haben. Ich verstelle mich so sehr für andere Menschen, dass ich gar nicht mehr weiss, wie ich wirklich bin. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Freundinnen im Ausgang bin, bekomme ich plötzlich Hemmungen und setze mich an den Rand, anstatt in der Mitte der Tanzfläche so zu tanzen, wie ich es tun würde, wenn ich allein in meinem Zimmer wäre. Mein grösster Wunsch in solchen Momenten ist es, einfach aufzustehen und zu tanzen, aber irgendwas in mir hält mich davon zurück. Und ich kann dir nicht einmal sagen, was es ist. Vielleicht mache ich es aus Gewohnheit, weil ich es schon immer so gemacht habe.» Nach einer kurzen Pause, in der mich das Mädchen einfach weiter wortlos anschaut, sage ich: «Manchmal hasse ich mich so sehr dafür, mein Leben nicht so zu leben, wie ich es gerne leben würde, dass ich mich frage, was falsch mit mir ist.» Eine Träne löst sich aus meinem rechten Auge und rollt langsam meine Wange hinunter. Ich hebe meinen Kopf und werfe einen vorsichtigen Blick auf das kleine Mädchen, welches immer noch neben mir sitzt und mir aufmerksam zugehört hat. Auch ihr läuft eine Träne über die rechte Wange. Einen Moment lang schauen wir uns einfach nur an, bis sie das Schweigen schliesslich bricht. «Lebe dein Leben so, dass du mich stolz machst. Tanze für mich.» Ich schaue sie verwundert an und frage mich, wieso ich genau sie und nicht irgendjemand anderen stolz machen sollte. Doch ich frage sie nicht danach. Das Mädchen steht auf und geht einige Schritte von mir weg. Dann dreht sie sich noch einmal um, hebt eine Hand und winkt mir vorsichtig. Tränen fliessen langsam über ihr Gesicht, doch trotzdem lächelt sie. Mit Tränen in den Augen, aber trotzdem lächelnd, winke ich ihr zaghaft zurück. Dann dreht sie sich wieder um und entfernt sich immer weiter von mir, bis sie schliesslich zwischen den umhereilenden Menschen verschwindet. Ich schaue ihr nach. Dem Mädchen mit denselben strohblonden Haaren, wie ich sie auf dem Kopf habe. Dem Mädchen mit denselben grünbraunen Augen, die ich habe. Dem Mädchen, das die herzförmige Sommersprosse am genau gleichen Ort auf der Nase hat, wie ich. Und da fasse ich einen Entschluss.
Von nun an will ich mein Leben so leben, wie ich es will. Die Meinung anderer spielt mir keine Rolle. Am Ende geht es doch nur darum, ob ich glücklich bin. Es wird immer Leute geben, die meine Entscheidungen und Handlungen kritisieren werden, egal was ich mache, also kann ich doch einfach direkt das machen, was mein Herz mir sagt. Von nun an würde ich mein Leben so führen, dass ich das kleine strohblonde Mädchen mit dem freudigen Funkeln in den Augen stolz machen würde. Von nun an würde ich mein Leben so führen, dass ich MICH stolz machen würde. Von nun an würde ich tanzen, so wie ich es früher als Kind schon immer getan hatte. Von nun an würde ich tanzen, so dass ich mein jüngeres Ich stolz mache. Von nun an tanze ich für sie, für mich.
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