Meine Lunge brannte, meine Beine protestierten, doch ich konnte nicht aufhören zu rennen. Nicht, wenn hinter mir ein vermummter Mann herjagte und mir immer näher kam. Als ich mich umblickte, war er noch näher gekommen. Hastig schaute ich wieder nach vorne, doch zu spät. Auf dem halbzugewachsenen Waldweg hatte ich eine Wurzel zu spät gesehen. Ich fiel der Länge nach hin und sah aus dem Augenwinkel wie der Mann näher kam, bevor ihn jedoch erkennen konnte, schreckte ich hoch.
Ein Alptraum. Das war nur ein Alptraum und ich lag zuhause in meinem gemütlichen Bett. Mein Atem ging stossweise und ich machte das Licht an. Mein Wecker zeigte sechs Uhr. Nun ja, jetzt da ich schon wach war, konnte ich auch gleich aufstehen. Ich ignoriere mein wirren Gedanken und füttere erst einmal meine Katze Milly. Dann entschied ich mich dazu, mit dem Fahrrad statt dem Auto ins Büro zu fahren, da ich genügend früh dran war. Zusammen mit dem Sonnenaufgang fuhr ich über sanfte Hügel und genoss die warme Sommersonne und die kühle Morgenbriese auf meiner Haut. Im Büro angekommen wurde ich direkt von meiner Chefin Lucy empfangen: «Amy, vergiss nicht, Dain wird heute anfangen, ich wäre froh wenn du ihn gleich einarbeiten kannst, damit er dich in zwei Wochen vollständig ablösen kann.» Ich nickte mit einem Lächeln. In zwei Wochen würde es losgehen, mit einem neuen Kapitel in meinem Leben. Ich würde in meinem selbstausgebauten Van in Richtung Spanien aufbrechen. Während sich Lucy mit ihren eigenen Dingen beschäftigte, tat ich so als ob ich E-Mails beantwortete. Stattdessen träume ich jedoch von Spanien.
«Amy?» ich schrecke hoch. Vor mir stand ein hochgewachsener Mann in dunkler Kleidung. Keine Vermummung, nur ein schiefes Lächeln und funkelnde Augen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er reicht mir die Hand. «Ich bin Dain, du sollst mich heute einführen.» In dem Moment, als sich unsere Hände berührten, blitzt vor meinem inneren Auge ein Bild auf.
Ein Waldweg. Keuchender Atem. Schritte hinter mir.
Ruckartig zog ich meine Hand zurück und ignorierte seinen fragenden Blick.
Die erste Woche mit Dain verging wie im Flug. Ich erklärte ihm Programme, Abläufe und Kundendaten, in der Mittagspause assen wir zusammen und führten spannende Gespräche. Dain hatte seinen alten Job gekündigt, da er weg von der Grossstadtkarierre wollte, die ihm zwar Geld, aber keinen Sinn im Leben gegeben hatte. Wir verstanden uns super und es machte total Spass ihn einzuführen.
Doch nachts hatte ich immer wieder den gleichen Alptraum.
Ich rannte. Der Wald war so dunkel wie eh und je. Der Mann hinter mir schneller. Ich drehe mich um, sehe wie der Mann näher ist.
«Bleib stehen!», rief er.
Seine Stimme.
Dains Stimme.
An diesem Morgen war ich erschöpft. Im Büro wartete Dain bereits auf mich.
«Kaffee?», fragte er mich und stellte mir meine dampfende Lieblingstasse hin. «Was ist los?» Diese Frage hatte ich ansonsten immer mit «nichts, alles gut» beantwortet. Wen interessierte es schon was in meinem Leben wirklich abging? Doch Dain schaute mich mit seinem durchdringenden Blick an und da erzählte ich ihm von dem Alptraum. Nur nicht davon, dass es seine Stimme war, die ich hörte.
Dain antwortete nicht sofort sondern sah mir nur in die Augen.
«Das bist du», knurrte er schlussendlich.
Atemlos sah ich ihn an.
«Was meinst du?»
«Ich träume auch» Die Luft zwischen uns war wie elektrisiert.
«Vom Wald?», flüsterte ich. Ein Nicken.
«Vom Rennen?» Wieder ein Nicken.
«Und davon, dass du immer fällst, bevor ich dich erreiche.» Mein Herz hämmerte laut in meiner Brust.
«Warum rennst du?», fragte er leise und streifte meine Hand mit seiner. «Wovor läufst du davon?»
Ich öffnete meinen Mund und hatte keine Antwort. Lief ich davon? Wovor? Vor meinem alten Leben? Vor Erwartungen? Vor ehrlicher Nähe?
Die zweite Woche verging wie nichts. Tagsüber war alles gleich. Dain erwähne unser Gespräch nicht und ich hütete mich ebenfalls. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und ich zeigte ihm nicht nur berufliche Dinge sondern nach Feierabend auch die schönsten Plätze in unserem Tal. Wir kochten gemeinsam Abendessen und er half mir, meinen Van fertig einzurichten.
Die Träume blieben leider nicht aus. Ich kam nicht weiter. Konnte nicht erahnen wovor ich weglief, warum Dain mir nachlief.
Bis zur letzten Nacht vor meiner Abreise.
Ich stand wieder im Wald. Aber diesmal rannte ich nicht, auch nicht als ich Schritte hinter mir hörte. Langsam drehte ich mich um. Der Mann zog seinen Schal herunter. Es war Dain. Doch sein Blick war nicht bedrohlich, sondern er wirkte verzweifelt.
«Ich jage dich nicht.», sagte er und machte einen Schritt auf mich zu. Vorsichtig, wie bei einem verängstigen Tier. «Ich versuche dich einzuholen.»
«Warum?»
«Weil du immer gehst, bevor dich jemand erreichen kann.»
Als ich mit meinem Van auf dem Parkplatz vor dem Büro parkierte, wartete Dain bereits mit einer Tasse Kaffee auf der sonnigen Bank.
«Bist du bereit?», fragte er mich statt einer Begrüssung. War ich bereit?
«Ja», krächzte ich wenig überzeugend. Dain sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. «Bist du dir sicher? Gehst du weiter oder läufst du davon?» Ich musste schlucken.
Dann richtete ich mich auf. «Das spielt keine Rolle», sagte ich, lief an Dain vorbei ins Büro und ignoriere seinen stechenden Blick in meinem Rücken.
Am Abend verabschiedete ich mich von allen. Zuletzt von Dain.
«Also», sagt er. «Das wars?»
Ich sah ihn an. Prägte mir sein Gesicht ein. Er war kein Verfolger. Er war eine Möglichkeit. «Ich bin bereit. Und ich laufe nicht weg. Nicht dieses Mal» Dain hob eine Augenbraue. «Was heisst das?» Ich atme tief durch. «Das heisst, dass ich dich fragen möchte, ob du mitfährst»
Für einen Moment sagte er nichts und ich fragte mich schon ob ich erneut einen Fehler begonnen hatte. Doch dann erschien dieses schiefe Lächeln in seinem Gesicht und meine Anspannung fiel sofort ab.
Zusammen mit dem Sonnenuntergang fuhren wir über sanfte Hügel und genossen das Gefühl von Freiheit. Weit weg von allen Wäldern spürte ich es deutlich. Ich lief nicht mehr davon. Ich lief auf meine Zukunft zu.
Hier geht’s zu den weiteren Member Stories: