"Hier und Jetzt" - Eine Geschichte von Livia Schwab - Young Circle

«Hier und Jetzt» – Eine Geschichte von Livia Schwab

Member Stories 2026

«Hier und Jetzt» – Eine Geschichte von Livia Schwab

Wir verbringen viel Zeit damit, auf den nächsten Lebensabschnitt zu warten. Doch oft merken wir erst später, wie wertvoll die Momente waren, die wir hinter uns gelassen haben. Eine nachdenkliche Geschichte über Zeit, Erinnerungen und die Bedeutung, das Leben im Hier und Jetzt zu schätzen.

Wir warten unser ganzes Leben auf später – und verpassen dabei das Jetzt.

Wir wünschen uns, dass die Zeit schneller vergeht, aber sobald etwas zu Ende geht, bereuen wir, dass wir die Zeit damals nicht mehr genossen haben.

Das fängt schon als Kind an. Die kleine Jenna kann ihren ersten Schultag kaum erwarten. Dann gehöre ich endlich zu den Grossen, denkt sie. Unterricht, Lernen, Hausaufgaben, Tests… Am Anfang ist alles noch neu und spannend, doch bald vermisst sie die Zeit im Kindergarten, als sie einfach nur spielen durfte und keine Hausaufgaben machen musste.

Die Wanduhr am Schultag scheint an diesem Tag besonders langsam zu ticken. Während Jenna aus dem Fenster schaut, lässt sie ihren Gedanken freien Lauf. Als Kind war alles einfacher, denkt sie. „Jetzt sitz ich hier, bin fast erwachsen, noch nicht ganz, aber auch kein Kind mehr. Irgendwas dazwischen. Das macht es so schwer“, fasst der Liedtext aus Bibi und Tina Jennas Gedanken gut zusammen. Wie gern wäre sie nochmals Kind, als sie den ganzen Tag spielen durfte, ihr das Essen serviert wurde und Mama und Papa immer für sie da waren. Oder wenn sie wenigstens volljährig wäre, selbst Entscheidungen treffen dürfte, ihr eigenes Geld verdienen könnte und ein unabhängiges, freies Leben führen könnte …

Als Jenna einige Jahre später in der Arbeitswelt angekommen ist, sehnt sie sich nach der gemütlichen Schulzeit zurück, als sie noch so viel Freizeit hatte. Dann wird Jenna endlich volljährig. Doch kaum hat sie ihre eigene Wohnung bezogen, fühlt sie sich allein. Es ist niemand da, der ihr sagt, was sie zu tun und zu lassen hat, aber auch niemand, der sich erkundigt, wie ihr Tag war und ihr nach einem langen Arbeitstag das Essen wärmt. Sie muss mit niemandem über die Filmwahl diskutieren, aber es lacht auch niemand mit ihr über lustige Szenen. Die Hausarbeit sammelt sich an. Nun sind ihre Eltern nicht mehr da, um ihr dabei zu helfen. Abends ist die Wohnung zu still. Jenna beginnt, sich nach jemandem zu sehnen, der das Schweigen bricht. Bald stellt sich heraus, dass Beziehungen echt kompliziert sein können und viel Herzschmerz verursachen können.

Doch schliesslich lernt sie ihren Freund Ben kennen und weiss, dass er der Richtige ist. Die beiden wollen eine Familie gründen. Nach einigen Versuchen gibt es gute Neuigkeiten – Jenna ist schwanger. Die Vorfreude auf das Baby ist gross.

Die kleine süsse Lina wird geboren. Lina kann aber auch ganz anders als nur süss sein. Sie weint viel, wird nachts mehrmals wach und wirft alles, was in ihre Hände kommt, auf den Boden. So hoffen die Eltern, dass Lina bald älter wird.

Lina ist nun bereits in der Pubertät. Sie braucht ihre Eltern immer weniger, und manchmal findet sie ihre Eltern auch peinlich. So sehr sich Jenna gewünscht hatte, dass ihre Tochter selbstständiger wird, nicht mehr ständig nach Mama ruft und sie mehr Zeit für sich hat, so sehr wünscht sie sich jetzt mehr Zeit mit ihrer Tochter. Jenna vermisst die Küsse und Umarmungen ihrer Tochter, die ihr nun peinlich sind.

Weitere Jahre vergehen, und Lina zieht aus. Bei der Abschiedsumarmung hält Jenna ihre Tochter einen Moment zu lange fest. Als die Haustür ins Schloss fällt, bleibt es still. Eine Träne rollt über ihr Gesicht. Sie hört die Uhr in der Stille ticken, und Linas Platz am Esstisch bleibt leer. Am Morgen, als der Wecker wieder klingelt, rafft sie sich zum Arbeiten auf. Es geht nicht mehr lange bis zur Pension, dann habe ich endlich Zeit, denkt Jenna.

Doch als es endlich so weit ist, weiss sie nicht, was sie mit der Zeit anfangen soll, und will wieder arbeiten. Sie merkt, dass sie älter wird: Wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie ein faltiges Gesicht. Sie muss sich alles aufschreiben, damit sie es nicht vergisst. Sie ist erschöpft und braucht einen Mittagsschlaf, ihre Gelenke schmerzen öfter, und mit jedem Jahr kommen mehr gesundheitliche Probleme dazu. Sie wünschte, sie hätte mehr auf ihre Gesundheit geachtet.

Und vielleicht sind wir alle so. Immer unterwegs zum nächsten Ziel – und doch nie ganz hier.

Vielleicht ist Glück nichts anderes, als aufzuhören zu warten – und im Hier und Jetzt zu leben.    
                                     

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