Ich liebte den Sommer, hauptsächlich wegen des Umzuges in den Sommersitz und weil dann die Ballsaison vorbei war. All das höfliche Gerede, die strengen Blicke meiner Eltern, die dreckigen Strassen Londons und die lauten Menschenmassen, wurde mir zu viel. Wenn der Juli vorbeigezogen war, stiegen wir mit vielen Koffern in Kutschen und fahren zu unserem Cottage. Viele adligen Familien hatten ein solches Landhaus. Es ist weit abgelegen und von Wiesen, Bäumen und Blumen umgeben. Mutter und Vater sind deshalb nicht so streng, da weit und breit niemand ist. Ich darf dann öfters raus und bin viel freier. Man könnte meinen, mir wäre ohne Freundinnen langweilig. Aber das Gegenteil ist der Fall, ich liebte es zum Beispiel auf Wiesen zu liegen und Gedichte zu schreiben, zu picknicken oder in Flüssen zu baden. Am Ende des Sommers habe ich immer noch eine Menge Dinge, die ich tun wollte, aber nicht geschafft hatte.
Rosafarbene Wolken strichen über den Himmel, der Horizont war rötlich, während der Himmel über mir noch blau war. Ich schaute, wie ein warmer Augusttag ein Ende nahm, ein kühler Wind strich über meine Haut und ich kuschelte mich enger in den geblümten Stoff meines Kleides. Ich sass auf einer Eiche und liess meine Beine herunterhängen, mein Blick wanderte über die hohe Wiese, unser kleines Steinhaus, bis hinüber zum Fluss. Als ich mich herumdrehte und in den Wald schaute, reflektierte etwas. Ich glitt den Stamm hinunter und lief zielstrebig in die Richtung des Objekts. Ich schob Äste und Ranken beiseite, um auf dem bewucherten Pfad tiefer in den Wald laufen zu können. Das, was ich auf der Lichtung sah, erstaunte mich, ich hatte noch nie davon gehört. Ein altes, gläsernes Gewächshaus schmiegte sich in die alten Bäume des Waldes. Viele kleine Schnörkel, aus weissem Metall, verzierten die grossen Glasscheiben. Es schien so, als ob jemand bald zurückkommen würde, da einige Fenster geöffnet waren. Die herauswachsenden und herumwuchernden Pflanzen, sprachen aber dagegen. Langsam lief ich auf das kleine Häuschen zu, bis ich vor der Tür stand. Meine Hand umgriff die Türfalle und drückte sie herunter. Erstaunlicherweise öffnete sich die Tür quietschend. Viele Pflanzen und kleine Bäume waren in Töpfen im Raum verteilt. In einem kleineren, angeschlossenen Raum befand sich ein Apotheker-Schrank und ein Schreibtisch. Der Schrank hatte mindestens einhundert kleine Schubladen, alle handbeschriftet. Darin waren hauptsächlich getrocknete Blätter, Blüten oder Fläschchen. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Bücher, eine Destille, ein Mörser und weitere Flakons. Ich trat näher heran und griff vorsichtig nach einem ledernen Buch.
17.08.1837
Seit ich mit der Gärtnerin das erste Mal im Gewächshaus war, verbringe ich fast die ganze Zeit hier. Sie hat mir vieles beigebracht und seitdem versuche ich auch neue Rezepte zu erfinden. Es macht mir so viel Spass! Morgen versuche ich ein Heilmittel zu finden, dass meiner Mutter hilft, denn sie ist seit einigen Monaten erkrankt.
Ich blätterte durch Einträge des Tagebuches und begleitete diese Frau, wie sie ihre Mutter behandelte, Menschen aus der Nachbarschaft hilft und sie immer mehr von einem Studium in diesem Bereich träumte. In den letzten Einträgen schrieb sie von ihren Vorbereitungen nach Amerika auszuwandern und dort zu studieren. Die letzte Seite handelte sich von dem Abschied ihrer kleinen Apotheke im Gewächshaus und wie schlecht sie sich fühlte, ihre Schwester allein zulassen, ohne etwas zu sagen.
Etwas fand ich seltsam, die Schwester der Frau hiess genauso wie meine Grossmutter. Konnte es sein, dass sie meine Grosstante war?
In den nächsten Tagen probierte ich diese Rezepte aus und eignete mir immer grösseres Wissen an. Ich liebte das Gewächshaus, die verschiedenen Düfte und Pflanzen. Bei einem Abendessen erzählte ich von meiner neuen Beschäftigung und bat Vater dies beruflich machen zu können. Er lachte nur – eine Frau und Medizin?
Gerade als ich Holunderbeeren in einem Kessel über der Feuerstelle erhitzte, hallte ein Schrei über das Grundstück. „Emmeline Eleanore Rosewood!“, schnell löschte ich das Feuer und rannte zum Cottage. Meine Mutter stand mit geweiteten Augen vor mir. „Adelaide das Kind auf dem Cottage in der Nähe, leidet unter heftigem Keuchhusten und ihre Mutter hat mich um Hilfe gebeten. Anne, unsere Magd und ich schauen jetzt vorbei. Könntest du bitte ausnahmsweise das Abendessen aufwärmen?“, ich nickte nur, während ich darauf wartete, dass Mutter genug weit weg war. Dann sprintete ich los Richtung Gewächshaus. Ich griff nach dem Rezeptbuch und rannte zurück in unser Haus.
Während auf dem Kochtopf ein Eintopf köchelte, blätterte ich Seite für Seite des Rezeptbuches um. Endlich fand ich ein Rezept gegen starken Husten.
Nach dem Abendessen schlich ich mich aus dem Haus, um den ersten Teil des Sirups vorzubereiten. Hagebutten, Honig aus der Küche und Thymian lagen auf dem Tisch, während ich Ingwer hackte. Ich liess die Zutaten über Nacht im Wasser stehen, um damit morgen weiterzuarbeiten.
Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass Mutter schon wieder bei Adelaide war, da es ihr noch schlechter ging. Diese Nachricht weckte neuen Ehrgeiz in mir. Schnell lief ich über den Hof zum Wald, durch die Bäume bis zum gläsernen Häuschen. Dort erhitzte ich die eingeweichte Masse mit dem Honig und fügte ein paar Heilkräuter hinzu. Nach endlosen Stunden, in denen der Sirup langsam vor sich hin köchelte, liess ich die Flüssigkeit abkühlen. Dann füllte ich den Sirup in ein Flakon und rannte los. Ich überquerte die Wiese, um das naheliegende Cottage zu erreichen. Ich klopfte an die Tür und nach einer Weile öffnete sich die Tür und ich hörte sofort rasselnden Husten. „Hallo, Emmeline. Ich denke deine Mutter wird noch eine Weile bei uns sein.“ Ich erklärte ihr, dass ich hier war um ein von mir gemachtes Heilmittel gegen Keuchhusten vorbeizubringen. Etwas skeptisch erlaubte sie mir, mit den Worten: „Es kann ja nicht schaden.”, Adelaide den Sirup zu geben.
Unglaublicherweise funktionierte dieser wie Magie: Das kleine Mädchen war nach einigen Tagen und weiteren selbst gebrauten Stärkungsmitteln wieder gesund. An einem Abend, an welchem Adelaide bei uns zum Tee war und Vater das Wunder meiner Heilmittel mit eigenen Augen gesehen hat, erlaubte er mir, als eine der ersten Frauen in London Medizin zu studieren.
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