"Geister Seele" - Eine Geschichte von Riana König - Young Circle

«Geister Seele» – Eine Geschichte von Riana König

Member Stories 2026

«Geister Seele» – Eine Geschichte von Riana König

Lilli lebt zwischen tausenden Büchern und noch mehr Geschichten – doch ihr eigenes Leben scheint still und gewöhnlich zu sein. Bis eines Tages jeden Abend eine rote Mohnblume vor ihrer Tür liegt. Während sich zwischen geheimnisvollen Briefen langsam eine Liebe entwickelt, entdeckt sie schließlich, dass ihr unbekannter Verehrer nicht ganz zur Welt der Lebenden gehört.

Ich war von mehr Wörtern umgeben als von Sekunden, die ich je leben werde. Leider nicht genug Sekunden um all die Bücher, die rund um mich gestapelt sind, zu lesen. Eine Bibliothekarin zu sein, war schon immer mein Traum. Ich hatte rund um die Uhr Zeit, in die Bücher zu tauchen und die reale Welt für einige Momente zu verlassen.

Erst als der Tag vorbeiflog, erinnerte ich mich daran, dass mein Leben nicht so interessant, romantisch, weder noch abenteuerlich ist, wie in den Geschichten, die in meinem Kopf freien Lauf hatten.

Ich zog durch die Strassen der Stadt, in welcher Träume wahr werden sollten. Vielleicht hätte ich lieber Paris wählen sollen—ich wartete immer noch vergeblich auf die Liebe meines Lebens.

Mein Weg kam zu Ende und ich fand mich vor dem Altbau, in dem ich lebte. Jeder Tritt rauf in den fünften Stock knirschte, ich war mir ziemlich sicher, dass eines Tages das Haus einstürzen wird—leider war es die einzige Option, die ich mir leisten konnte.

Fünfundachtzig Schritte später, stand ich vor meiner Haustür und durchsuchte meine Tasche nach meinen Schlüsseln. Gerade in diesem Moment bemerkte ich sie; eine prachtvolle, rote Mohnblume. Sie lag einfach so da, ohne jeglichen Kommentar. Es kam mir vor, als hätte sie auf meiner Fussmatte auf mich gewartet.

Sofort kam mir die Frage, woher sie kommen möge—jemand musste sie dort platziert haben.  Mit einem Lächeln hob ich die Blume auf und verschwand in meiner Wohnung.

Geküsst vom Sonnenlicht, schaute der Mohn aus der Vase heraus auf mich herab. Es kam mir vor, als würde ich in meinen Liebesromanen leben, nur wusste ich noch nicht, wer der geheimnisvolle love interest ist.

Für den restlichen Abend konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, wer mir solch eine Freude bereitete, bis ich schlussendlich auf dem Sofa einschlief.

Die Tage rasten an mir vorbei, und jeden Tag nach der Arbeit fand ich eine weitere Mohnblume vor meiner Türe. Obwohl es liebenswert war, musste ich herausfinden, wer dahintersteckt—ängstlich, dass es sich um etwas Besorgniserregendes anstelle von etwas Entzückenden handelt. Nach einigen Gedankengängen beschloss ich, dem mysteriösen Geschenkgeber einen Brief zu schreiben. Obwohl ich die Wörter auf Papier perfekt verstand, hatte ich Probleme, meine zu benutzen.  Ich riss ein Blatt Papier aus einem Block heraus und nahm einen Stift aus meiner Schublade heraus, wobei mein Blick auf die Vase, gefüllt mit Mohn, fiel. Ein Schmunzeln blieb mir nicht erspart.

“Vielen Dank für die atemberaubenden Blumen. Ich kann aber nicht aufhören, darüber nachzudenken, wer bist du?”

Als ich aus der Tür huschte, liess ich den Brief auf meiner Fußmatte—dort wo jeweils die rote Schönheit auf mich wartete.

Der Tag schien, als würde er niemals enden, jede Minute fühlte sich wie eine Stunde an. Ich konnte wortwörtlich nicht mehr warten, bis ich endlich nach Hause konnte und mit voller Erwartung eine Antwort vorfinden würde. Als dann die Uhr endlich fünf Uhr schlug, verliess ich die Bibliothek so schnell wie ich es noch nie getan habe und sprintete die Strassen herunter. Zuhause angekommen, sprang ich die Treppen hoch und stand atemlos vor meiner Türe.

Mein Blick senkte sich und ich entdeckte eine weitere Blume, daneben ein gefaltetes Blatt Papier.

Von einem Augenblick in den nächsten war der Brief von meinen Fingern umklammert, als meine Augen die Wörter inhalierten.

Ich bin so lebendig wie der Tod, ich bin wie der Schlag von Tag auf Nacht, ich bin etwas zwischen deinen Träumen und deiner Realität — Kurz gesagt, ich bin Noah. und wer bist du?”

Für einige Momente blieb ich regungslos da stehen und wunderte mich, ob ich nun wirklich in einem Traum lebte oder ob meine Realität einfach nur traumhaft war. Als ich zurück zu meinen Sinnen kam, vergeudete ich keine weitere Sekunde und machte mich darauf, eine Antwort zurück zu schreiben.

Dutzende von Briefen tauschten sich unter uns aus und ich behielt jeden einzelnen davon, gelagert in einer Box direkt neben den Mohnblumen, die mir immer noch täglich geschenkt wurden.

Heute würde es jedoch zu mehr als einem Brief kommen. Obwohl ich so gut wie alles von Noah wusste, hatte ich immer noch keine Ahnung, wie er aussah. Im letzten Brief bat ich ihn darum, uns auf dem Dach des Hauses, in dem wir zufällig beide wohnten, zu treffen.

Ich zog mein Lieblingskleid an, das mit den roten Blümchen und trug meine Haare offen. Mit zittrigen Beinen machte ich mich auf den Weg aufs Dach, wo mich der Sonnenuntergang begrüsste.

Ich schaute mich herum, jedoch keine Sicht von Noah. Ich schlenderte auf dem Dach herum, vermutend, dass er sich verspätet hatte. Die Zeit verging und ich stand immer noch armselig in den Höhen von New York City.

Während ich langsam die Hoffnung verlor, fühlte ich etwas unter meinen Schuhen. Mit einem Blick nach unten bemerkte ich sie—eine Mohnblume, gemeinsam mit einem Buch. Mit einem Lächeln hob ich die beiden Kunstwerke auf, neugierig öffnete ich das Buch, welches komischerweise den Autorennamen trug von dem Mann, in den ich mich heimlich verliebte.

Ein Brief, gekennzeichnet mit meinem Namen, fiel heraus.

So wie jeder Tag endet, endete mein Leben einst auch. Ich war jedoch mehr als nur ein Traum von dir, ich war deine Realität—eine Realität, in welcher ich nicht länger existiere. Es tut mir aufrichtig Leid, das, was wir gemeinsam hatten, so zu beenden. Du verdienst mehr als nur einen Geist.

Mögen meine Worte und der Mohn dir Trost verleihen.

Lilli, wann auch immer du mich suchst, du wirst mich für immer im Sternenhimmel finden.

-Dein Noah”

Zwölf weitere Male las ich den Brief durch, nur um zu realisieren, dass ich mich in einen Geist verliebte. 


                                     

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