Als ich den Dachboden betrat, wollte ich nur meine Winterjacke holen, weil Mom unten schon ungeduldig wartete. Es war verlockend mich hier oben in eine Ecke zu verkriechen. Einzig der Gedanke an die Spinnen hielt mich davon ab. Selbst der Besuch bei den eingebildeten Spencers war mir lieber. Mom bestand darauf, dass wir zu ihnen gingen.
Während ich die Jacke mit Sicherheitsabstand zu mir ausschüttelte, nahm ich im Augenwinkel ein Glitzern wahr. Es zog gegen mein Zutun zunehmend meine Aufmerksamkeit auf sich. Bis ich es schließlich nicht mehr ignorieren konnte. Eine kleine Holzbox erwartete mich. Neugierig öffnete ich sie. Eine Taschenuhr – toll. Dafür hatte ich gerade einen Wutanfall von Mom riskiert. Ich seufzte über mich selbst, weil ich meine Zeit dennoch damit verschwendete, sie aufzuziehen. Schwindel überkam mich. Ein unangenehmes Ziehen in meinem Kopf.
Ich stand plötzlich wieder auf der Treppe zum Dachboden. „Was zum…“ Ich sah mich geschockt um. Die Wanduhr zeigte fünf Minuten früher. War ich gerade durch die Zeit gereist? Mir fiel eine feine Gravur auf der Rückseite der Uhr auf.
„Für den richtigen Moment.“
Zehn Minuten später sass ich auf dem weissen Sofa der Spencers. Dylan vor mir. Als er mich ansah, grinste er. Ich hasste dieses Grinsen. Eher das Gefühl, dass es in mir auslöste. Seit Monaten versuchte ich zu ignorieren, dass ich immer mehr für ihn empfand. Wir stritten ständig. Er neckte mich, ich konterte. Doch vor einem Monat hatte er einen Jungen verjagt, der mich provoziert hatte, nur um mir danach unter die Nase zu reiben, dass nur er gemein zu mir sein durfte.
„Müsst ihr nicht ein Projekt machen?“ Gabriellas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ach nee, die Bio-Präsentation hatte ich ganz vergessen.
Nach einer Stunde waren wir fertig, also ich war fertig. Dylan lag nämlich nur auf seinem Bett, beschäftigt, ein Kissen an die Decke zu werfen und es wieder aufzufangen.
„Danke für deine tolle Mitarbeit“, sagte ich sarkastisch.
„Gern geschehen.“
Ich verdrehte die Augen. „Lern deinen Teil bis Freitag auswendig. Ich muss meinen Notenschnitt halten und den lasse ich mir von dir nicht versauen.“
„Streberin.“ Dylan deutete auf mich.
Die nächsten Tage benutzte ich die Uhr oft. Anfangs war es ziemlich cool. Einmal im Matheunterricht, als ich eine falsche Antwort gab, liess ich absichtlich einen Stift fallen, bückte mich und zog die Uhr auf. Und plötzlich sass ich wieder gerade auf dem Stuhl. Ich konnte meine falsche Antwort beheben.
Ein anderes Mal stolperte ich. Beim zweiten Versuch ging ich normal weiter, als wäre ich nicht gerade noch kurz davor gewesen, in die Pflastersteine zu beissen.
Aber nach ein paar Tagen fiel mir auf, dass ich Dinge vergass. Erst nur Kleinigkeiten, dann Gespräche. Ich schob es auf Schulstress. Doch das Gefühl blieb.
Eine Woche später, liefen Dylan und ich nach der Schule zur Bushaltestelle und besprachen unseren Vortrag. Dann sah Dylan seinen Bus kommen. „Ich muss los, versau den nächsten Vortrag nicht, Riley“, sagte er und lief auf die Strasse.
Ich hörte ein Hupen.
Ein Auto kam um die Ecke, viel zu schnell. Der Aufprall war laut. Ich erstarrte.
Die Uhr. Mit zitternden Händen zog ich sie auf.
Das Ziehen war dieses Mal extrem schmerzhaft.
Dylan stand wieder neben mir. Der Bus kam.
„Dylan, warte!“ Ich zog ihn zurück.
„Ich wusste nicht, dass du mich so in deiner Nähe haben…“ Das Auto raste vorbei, als er gerade seinen provokanten Satz beenden wollte. Er wurde ganz still, als er begriff, was beinahe passiert wäre. Erleichtert lachte ich auf, das Lachen wich aber schnell einem Schluchzen, meine Knie gaben nach. Dylan fing mich auf, ich schlang meine Arme fest um ihn.
„Ich dachte, du hasst mich“, murmelte er nah an meinem Ohr. Ich sah ihn an. „Nein, ich dachte, du hasst mich“, sagte ich. Dylan strich mir eine Träne von der Wange. „Niemals könnte ich“, flüsterte er, bevor er seine Lippen auf meine legte. Vorsichtig, fast unsicher.
Auf dem Heimweg merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich hatte eine riesige Lücke im Kopf. Dort hätten Erinnerungen sein sollen. Dylan fragte mich, ob alles okay sei. Ich sagte, dass ich nur Kopfschmerzen hatte. Zu Hause sah ich mir die Uhr genauer an. Unter der Gravur entdeckte ich weitere Worte, die ich vorher nicht bemerkt hatte. „Zeit verlangt Erinnerung.“
Mir wurde kalt. Jedes Zurückdrehen der Zeit kostete mir Erinnerungen. Ich dachte an die Male, die ich die Uhr benutzt hatte. Für Dinge, die jetzt plötzlich unbedeutend wirkten. Die Uhr nahm Stücke meines Lebens.
Ich versteckte sie in meiner Schublade und schwor, sie nie wieder zu benutzen. Doch die Erinnerungslücken wurden grösser. Alte Fotos fühlten sich fremd an. Geschichten von Mom klangen wie Erzählungen über jemanden Fremden.
Beim Abendessen sagte sie: „Weisst du noch unseren Urlaub am Meer?“
Ich lächelte schwach, denn ich erinnerte mich nicht.
Vielleicht konnte ich alles rückgängig machen. Mit zitternden Händen nahm ich die Uhr aus der Schublade.
„Ein letztes Mal“, flüsterte ich. Ich zog sie auf.
Die Welt zerbrach in Licht und Geräuschen. Dann wurde alles still. So unendlich still.
Wieder sass ich auf dem Dachboden. Vor mir stand die kleine Holzkiste. Verschlossen.
Ich erinnerte mich an alles – Dylan, die verlorenen Erinnerungen, die Warnung. Dylan würde nicht wissen was zwischen uns passiert war. Ich verzog den Mund zu einem traurigen Strich.
Ich nahm die Kiste nach draussen, lief zum See in der Nähe und warf sie, ohne zu zögern hinein. Meiner Mom sagte ich, dass ich noch etwas zu erledigen hatte, bevor wir zu den Spencer fuhren. Erneut. Zwischen Dylan und mir würde wieder alles wie immer sein.
Am nächsten Tag traf ich Dylan. Es war ganz normal zwischen uns.
„Warum schaust du mich so an?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nur froh, dass alles normal ist.“
„Normal ist langweilig“, sagte er.
Vielleicht hatte er recht. Aber normal bedeutete auch, dass jeder Moment nur einmal existierte. Und genau deshalb war er wichtig.
Während wir weiter gingen, wusste ich, dass ich Fehler machen würde. Jeder tut das.
Dieses Mal würde ich mich an sie erinnern.
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