Der Wald roch nach feuchter Erde und kaltem Moos. Es hatte geregnet. Ihre Stiefel versanken tief im Schlamm und erzeugten ein unangenehmes Geräusch. Ein zu lautes Geräusch. Schweiss lief an ihrer Schläfe und ihrem Hals hinab. Ihr dünnes, zerrissenes Hemd war dreckig und nass und klebte unangenehm auf ihrem Rücken. Sie konnte die Anstrengung in ihren Muskeln spüren, aber die erdrückende Angst raubte ihrem Körper jede Illusion von Kontrolle.
Ihre Beine wurden spürbar schwerer. Ihr Atem ging mit jedem Schritt ungleichmässiger. Trotzdem rannte sie weiter. Ihr Geist liess es nicht zu, daran zu denken, wie lange sie schon rannte. Eine Minute? Eine Stunde? Ein Tag? Sie wusste es schlichtweg nicht. Vor lauter Panik nahm sie kaum noch etwas wahr. Sie hatte nur ein Ziel. Weg von diesem Ding.
Äste peitschten ihr ins Gesicht, zerkratzten ihre Arme und hinterliessen kleine Schnitte. Ihre Haare hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und verfingen sich in hohen Sträuchern. Sie atmete stossweise durch ihre zusammengebissenen Zähne. Hinter ihr knackte es im Unterholz. Es kam auf sie zu.
Sie wusste nicht, was es genau war. Nur, dass man vor Dingen wie diesem weglief. So war es ihr beigebracht worden. Erst laufen, dann fragen. Und so tat sie es. Sie lief.
Ihr Fuss setzte erneut auf dem schlammigen, mit Laub besetzten Boden auf. Diesmal jedoch war kein Schmatzen zu hören. Sie schlug hart auf dem Boden auf. Die Luft wurde aus ihren Lungen gepresst. Ein Keuchen entwich ihr. Ein scharfer Schmerz schoss von ihrem Knöchel ihr ganzes Bein hoch.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Dornen hatten sich durch ihren Sturz um ihr Sprunggelenk gewickelt. Mit tauben Fingern versuchte sie ihren schmerzenden Knöchel zu befreien. Ohne Erfolg.
Ein Knacken. Sie erstarrte in ihrer Bewegung, den zittrigen Atem angehalten, das Blut in ihren Ohren rauschend. Ein weiteres Knacken, dieses Mal lauter, näher. Sie hob ihren Dolch in die Richtung, woher das Geräusch herkam. Sie wartete. Da war es wieder. Dann sah sie es. Eine gewaltige schlangenartige Kreatur schob sich zwischen den Ästen hervor. Doch ihr Körper war nicht von Schuppen bedeckt, sondern von Federn. Ihr Dolch sah im Vergleich zu diesem Monster beinahe lächerlich aus. Er war vermutlich weder lang noch scharf genug, um die Haut dieses Dings zu durchbohren. Sie schloss ihre Augen. Das war also das Ende. Nicht im Kampf. Nicht heldenhaft. Einfach hier im Schlamm liegend.
Äste und Zweige knackten und Laub raschelte. Es schlang sich um sie, gross und warm. Sie wagte sich weder zu bewegen noch die Augen aufzumachen. Die Schlange wickelte sich vollständig um sie wie eine Decke, wärmte sie. Die Federn bewegten sich mit jedem Atemzug des Wesens. Es hielt sie fest, aber nicht wie eine Beute. Eher wie etwas Zerbrechliches.
Alles, was sie wahrnahm, waren weiche Federn auf ihrer Haut und eine Wärme, die nicht von ihr ausging. Und einen Herzschlag, langsam und stark. Auf eine Art und Weise beruhigend, die sie sich selbst nicht erklären konnte.
Sie öffnete die Augen einen Spalt breit. Sie sah ein völlig entspanntes Wesen, um sie gewickelt, den Kopf in ihren Schoss gebettet Ihre Federn leuchteten förmlich in einem mystischen Lila und warfen das Licht, das durch das Blätterdach brach, zurück. Es hob seinen Kopf, um die Umgebung zu erkunden.
Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, die fluoreszierenden Algen auf den Bäumen leuchteten, in der Luft tanzten gelbe Glühwürmchen, aber nicht nur gelbe, sondern auch pinke, rote, blaue und grüne. Aber sie wusste, dass es keine Glühwürmchen waren. Geschichten besagen, dass diese Lichter Geister seien.
Wesen, die über das Schicksal der Menschen wachten. Die kleinen Farbpunkte schwirrten hauptsächlich um Sträucher, aber ein paar gesellten sich auch zu ihr, setzten sich auf ihre Arme und ihren Kopf. Eine wohlige Wärme durchfuhr sie als die Insekten sich auf ihren Schnitten niederliessen. Doch die Schnitte waren verschwunden, nur noch dünne weisse Linien, die schliesslich auch verblassten, sodass nichts mehr an sie erinnerte. Als die kleinen Wesen ihre Arbeit vollrichtet hatten, erhoben sie sich wieder, um zurück zu den Büschen zu schwirren.
Sie versuchte die gesamte Szene in sich aufzusaugen und sich innerlich ein Bild zu machen. Es schien, als hätte sich der vor wenigen Stunden düstere und beängstigende Wald in etwas Wunderschönes verwandelt. Es wirkte, als wäre der Wald lebendig.
Ihr Blick wanderte wieder zu dem Wesen, welches in ihrem Schoss lag und friedlich die Augen geschlossen hielt. Sie hob die Hand, um das mystische Geschöpf zu streicheln. Langsam und gleichmässig fuhr sie mit ihren Fingern über die empfindlichen Federn. Vielleicht waren die Geschichten über den Wald nie wahr gewesen.
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