Ich hatte der Bewohnerin die Haare gebürstet, als es Zeit für die Frisur war. «Möchten Sie, Frau Berner, dass ich Ihnen die Haare flechte?» fragte ich eine einfache Frage.
Ich bemerkte, dass sie die Zopf Frisur liebte. Ich hatte ihre Fotoalben durchgesehen, die ihre Nichte für sie gemacht hatte, und auf vielen Bildern hatte sie einen langen Zopf, der bis zu ihrem Bauch reichte, aber jetzt reicht ihr Haar nicht einmal bis zur Schulter. Ich versuchte es trotzdem und nahm all die wenigen Haare, die sie noch hatte.
Trotz ihrer Demenz fragte ich sie jeden Tag, ob sie einen Zopf möchte, um sicherzugehen, dass sie nicht wütend oder traurig wird. Manchmal können schon kleine Details eine Erinnerung geben.
Ich warf einen Blick in den Spiegel und wartete auf ihre Antwort.
«Ja.» Ich hörte sie kaum, ihre Stimme so leise, ihr Körper so zerbrechlich. Sie hatte kaum gegessen, lehnte fast immer ab. Ihre Nebendiagnose war Depression. Daher war es natürlich, dass sie nicht essen, duschen oder aufstehen wollte, weshalb es eine schwere Aufgabe war, sie zu motivieren, mit mir etwas zu machen. Also hatte ich mir als Ziel gesetzt, sie zu motivieren und mit ihr Gesprächen zu führen.
Ich beobachtete sie im Spiegel, als sich unsere Blicke trafen. Ihre Augenbrauen waren nach unten gezogen, ihre Augen voller Traurigkeit, und ihre Lippen hatten, seit ich hier arbeite, kein Lächeln gezeigt.
Also schenkte ich ihr mein grösstes Lächeln, welches genug für uns zwei war, um sie aufzumuntern. «So, Frau Berner, wir sind fertig, bitte folgen Sie mir.» Ich verliess das Badezimmer und drehte mich um. Sie lief schief und ging zum Tisch. Ich bot ihr meine Hände an, die sie ablehnte. Ich lächelte und zog den Stuhl für sie heran.
«Ich habe Ihnen Frühstück gemacht, Frau Berner.» Sie ignorierte mich, schien sehr verwirrt zu sein, und sah das Essen nicht einmal an.
Langsam setzte sie sich. Ich schob sie nur ein wenig nach vorne, damit das Essen nicht verschüttet wurde.
«Das sind Ihre Morgenmedikamente, die nehmen Sie jeden Morgen», bestätigte ich. Frau Berner griff nach den Medikamenten und nahm einen Schluck ihres Kaffees, der warm war, sodass der Dampf hinausflog.
Ich schob den Stuhl, der vor Frau Berner ist, um mich zu setzen. «Wenn ich darf.“ Ich lächelte, aber Frau Berner antwortete nicht.
Also sass ich langsam auf dem Stuhl, wenigstens zu versuchen, sie zum Essen zu motivieren.
«Ich habe Ihnen ein leckeres Frühstück gemacht, das Brotstücke mit geschnittenem Käse darauf.» Ich schob ihr das Essen näher zu ihr. Sie warf mir einen finsteren Blick zu. «Ich habe keinen Hunger.» Ich nickte, ich kann sie nicht zwingen. «Möchten Sie wenigstens ein bisschen Kaffee trinken?» Das tat sie.
Ich gab ihr die Stille, die sie wollte, und betrachtete ihr Zimmer, als ich bemerkte, dass sie viele Bilder von Rosen hatte, meist rote, und sogar ihre Nichte angewiesen hatte, ihr jeden Samstag Rosen zu bringen.
Nach etwa einer Minute brach ich die Stille. «Sie haben viele Rosen hier, Frau Berner.» Sagte ich neugierig. «Hat das eine besondere Bedeutung?» Ich erwartete keine Antwort, ich hoffte nur, dass sie endlich sprechen würde.
Frau Berner schluckte ihren Kaffee herunter und lächelte, zum ersten Mal ein echtes Lächeln.
Ich traute meinen Augen nicht; zum ersten Mal konnte ich bei dieser traurigen, tragischen Frau ein echtes Lächeln erleben, und ich war so stolz auf mich.
«Ja, Rosen haben für mich eine besondere Bedeutung.» Sie starrte die Rosen an, ihre Augen glänzten, und all die Traurigkeit schien mit einem Mal aus ihrem Körper zu verschwinden, sie war wie ein anderer Mensch. Ich war von dieser Antwort überwältigt. «Darf ich fragen, warum?»
«Lewis», sagte sie, ohne zu zögern, und starrte ins Nichts, grinste einfach. «Mein Liebster, mein Klassenkamerad, mein erster Freund.» Fräulein Berner kicherte. Für einen Moment schien sie sich an alles zu erinnern, und ihre Demenz war nicht mehr vorhanden.
Ich hielt sie nicht auf, liess sie einfach weitersprechen.
«Als der sowjetische Krieg begann, starben meine Eltern, und ich wurde zu meiner Tante und meinem Onkel geschickt.» Ich dachte daran, das Gespräch zu beenden, um sie nicht trauriger zu machen. Das war kein gesundes Thema. Ihre Eltern waren ein Tabuthema; sie waren der Grund für ihre Depression.
«Die Sonne scheint heute noch stärker; wollen Sie vielleicht spazieren gehen?» Ich versuchte das Thema zu wechseln.
«Sie wollten das Land verlassen und nach Österreich ziehen, aber ich wollte Lewis nicht verlassen. Ich konnte ihn nicht verlassen. Wir versprachen uns, nach dem Krieg zu heiraten. Er konnte nicht weg, weil er Soldat an der Front war, also schrieben wir uns jeden Tag Briefe.» Es schien, als würde sie mich nicht einmal hören.
«Nun, ich schrieb ihm jeden Tag.» Sie sprach weiter, ich liess sie reden, ich hatte sie schon lange nicht mehr so viel reden hören.
«Er schickte mir jeden Samstag einen kleinen Brief, nicht so lang wie meine– die 10 Seiten lang sind, jedoch gab er sich die Zeit und las jede Seite, beantwortete all meine Fragen und schrieb, obwohl er damit beschäftigt war, für unser Land zu kämpfen, und schickte mir Rosen währenddessen; einer seiner Freunde brachte mir immer frische Rosen und sagte, sie seien von ihm. Meistens schickte er rote Rosen.» Sie lächelte, schnupperte an den Rosen und genoss den Moment.
Da bemerkte ich, dass Fräulein Berner nie verheiratet gewesen war und keine Kinder gehabt hatte.
«Was ist mit ihm passiert?» fragte ich langsam und beobachtete ihre Reaktion, vorsichtig mit meinen Worten.
«Er hörte auf zu schreiben, deshalb glaubte ich, dass er tot ist.» Das erklärte einiges.
«Als der Krieg endete, beschloss ich, mit meiner Tante und meinem Onkel nach Österreich zu ziehen, aber bevor ich ging, musste ich noch einen letzten Bericht schreiben, den mir mein Chef aufgetragen hatte.» Stimmt, Frau Berner war früher Journalistin, sie liebte das Schreiben, und man konnte sehen, dass es sie glücklich machte.
«Ich musste schreiben, wie mein Lewis die Tochter eines Bankbesitzers geheiratet hat.»
Frau Berner nahm einen Schluck vom Kaffee, welchen sie dann zurückspuckte: «Es ist zu kalt.»
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