Viele Geschichten fangen mit einen «Es war einmal» an, meine nicht. Meine Geschichte soll mit einem «Und sie lebte glücklich bis an ihr Lebensende“ anfangen. Das dachte ich zumindest. Mein Leben war gut. Ich war ein schüchternes, nettes, anständiges, dunkelhaariges, Mädchen. Ich hätte mich nicht beschweren können. Ich hatte alles, was ich brauchte. Eine Familie, die mich liebte, ein Dach über dem Kopf, gute Freunde, mittelmässige Noten, eben alles, was ich brauchte. Mein Leben fühlte sich monoton an, aber für mich reichte das. Aber irgendetwas in mir sagte das Gegenteil. Ich wusste nicht, was es war, ich wusste nicht mal, wie ich dieses Gefühl beschreiben könnte. Jetzt weiss ich es. Ich kann mich genau an diesen Tag erinnern.
Dieser ach so schöne Tag, der durch Ihn zerstört wurde. Nur durch Ihn wurde ich aber geheilt. In unserer Schule gab es seit einiger Zeit einen süssen neuen Schüler. Er hatte rabenschwarze dicke Haare, wunderschöne meeresblaue Augen und mit seinem immer fröhlichen Lachen war er schnell beliebt geworden. Man wurde magisch von ihm angezogen. Was mich betrifft war ich mir unsicher. Er hatte etwas, was mich nicht magisch, sondern dunkel anzog. Aber ich liess es und konzertierte mich auf mein Leben. Die Schule wurde immer, wie schwieriger und ich kam nicht nach, wollte aber meine Eltern nicht enttäuschen, weil sie schon genug Schwierigkeiten mit meiner Schwester hatten. Ich war lieber in der Schule als zuhause, denn da fühlte ich mich wie vom Dunklen verschluckt. Mit jedem Tag, den ich zu Hause verbrachte, fühlte ich mich immer mehr, als ob ich ertrinken müsste, als stünde ich im Meer und mich eine dunkle Macht runterziehen würde, so dass ich bis zum Hals im Wasser stünde. In der Schule lief es nur schlechter. All meine Freunde, denen ich zutiefst vertraute, wandten sich gegen mich, weil ich die Zeit für sie nicht mehr finden konnte. Immer mehr fühlte ich mich, als würde ich ertrinken. Nur mein Herz brannte, es brannte so, als würde es in jeder Sekunde verbrennen und zu Asche werden.
Und da kam Er ins Spiel. Ich musste anfangen Nachhilfe zu nehmen. Erstaunlicherweise war es genau der neue Junge, der mir Nachhilfe gab. Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Etwas Komisches passierte mit mir, wenn wir zusammen waren. Als ob das ganze Wasser aus dem Meer verschwinden würde und mein Herz wie neu geboren werden würde. Ich fühlte mich wie in einem Märchen. Doch wie in jedem Märchen gab, es auch bei mir einen Bösewicht und das war genau Er. Wir waren mit unserem Motocross unterwegs gewesen und machten eine Pause an einem Flüsschen. Genau an diesem ach so schönen Tag beichtete er mir es. Ich fühlte mich, als würde mich eine Welle überschwemmen und ich ertrank völlig. Mein Herz verbrannte und zurück blieb nur noch die Asche. Er, ausgerechnet er, war der Sohn des berüchtigtsten Mafiabosses des Landes. Er würde umziehen müssen und das Reich seines Vaters übernehmen. Er würde der neue berüchtigte Sträfling des Landes werden. Der einzige Grund es mir zu sagen war, weil er mich wollte, er wollte mich als seine Freundin denn… er… liebte mich. Ich war verschollen, wütend und verletzt. Wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und ging. Ich fiel in ein Loch voller Dunkelheit. Übelkeit wurde zu meinem neuen Freund, Appetitlosigkeit zu meiner neuen Familie und die Schule zu meinem neuen Alptraum. Tag für Tag, bis zu seinem Abschied. Als ich im Unterricht sass, wurde mir schlagartig übel. Ich konnte nicht mehr in diesem Zimmer bleiben. Ich musste raus, raus an die frische Luft ohne all diese Blicke, die sich in meinen Rücken bohrten, ohne dass meine Hände zitterten, ohne dass ich ertrank. Ich stand auf. Alle Blicke richteten sich auf mich, während der Lehrer aufhörte zu sprechen. Ich stand da, verloren in der Dunkelheit. Die Übelkeit nahm die Oberhand und ich musste aus dem Zimmer fliehen. Ich flog förmlich die Treppe runter. Raus durch eine Tür, die ich nicht wahrnehmen konnte. Als ich draussen ankam, konnte ich es nicht mehr halten. Ich musste mich mehrmals übergeben.
Und da kam er legte mir einen Briefumschlag auf meine Hand und ging. In diesem Couvert lagen die Worte, die alles verändern würden. Manche denken, dass es mehrere Seiten voller Liebeserklärungen waren. Aber so war es nicht. Drinnen befanden sich nur zwei Angaben. Eine Adresse und unsere Geschichte in einem Satz. Er lautete: «Nur mit dir verschwand das Wasser aus meinem Meer und mein Herz wurde neu geboren» Und da in diesem exakten Moment wusste ich, dass mein Leben nie wieder gleich sein würde, denn nur mit ihm und niemand anderem fühlte ich genauso. Dieser eine Satz beschrieb unsere Liebe. Denn mein ganzes Leben wurde ich gefangen gehalten von genau dem Gefühl nicht genug für jemanden zu sein. Dann tat ich das, was ich nie für möglich gehalten hatte. Ich rannte zurück ins Schulzimmer packte meine Sachen und verschwand nach Hause. Dort packte ich das Notwendigste in eine Tasche, tankte und schaute nicht/nie mehr zurück.
Und jetzt, da fahre ich mit meinen langen offenen Haaren im Wind, auf meinem Motocross, auf dem dunklen, von Lampen beleuchteten Highway, einfach davon, weg von all dem, was mir nicht passt. Und genau da lasse ich alles zurück. Alles, was ich einst geliebt habe und jetzt nur noch als Staub und Asche in meinem Herzen liegt. Und da fahr ich, mit und für Ihn. In meine neue Welt. In meine neue Freiheit. In mein (neues) «Es war einmal».
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