Zwei Herren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sowohl von innen als auch von außen betrachtet. Der eine klein und hager, der andere hoch und schlaksig. Das Einzige, was ihre Seelen unmittelbar verknüpfte, waren der Schmerz und die Leidenschaft. Der eine Typ trug den Namen Gabrielle, sein Konkurrent und Leidensbruder trug den Namen Silvan, und sie beide wollten ihr Leben dem Schreiben widmen.
Gabrielles Waffe im Kampf gegen die unvorhersehbaren Gelüste der Leser ist seine Imaginationskraft, die strahlte wie der erste Stern, der am noch schwarzen Nachthimmel erstrahlt, sein Gefühl für Charaktere, sein fast perfektes Pacing; seine Werke hatten etwas Neues zu bieten. Hingegen hatte er eine absolute Sauklaue, seine Rechtschreibung war die grausigste und sein Wortschatz war fast schon unterentwickelt.
Silvan auf der anderen Ebene konnte schreiben, als wäre er ein Nachfahre Schillers. Seine Texte waren klar, verständlich, ruhig und absolut ohne einen einzigen Schreibfehler. Doch was seinen Texten fehlte, war die Originalität. Er konnte nur das rezipieren, was er kannte, doch er schaffte es nie darüber hinaus.
Sie studierten beide an der gleichen Universität; Gabrielle studierte Germanistik und Silvan versuchte sich an einem Kunststudium. Tatsächlich kannten sich die beiden, sie haben sich sogar hin und wieder getroffen und sich über ihre Zukunftsvisionen ausgetauscht und sich sogar Tipps gegeben. Doch mittlerweile geschieht das nicht mehr. Silvan konnte mit der Art von Gabrielle nicht ganz umgehen, er fand ihn zu unberechenbar und kindisch, zudem hielt er ihn für ein Großmaul. Gleichzeitig war er zutiefst neidisch auf sein schreiberisches Talent. Gabrielle scherte sich nicht wirklich um Silvan, er hielt ihn schlicht und ergreifend für arrogant und besserwisserisch, so wie er sich immer über ihn echauffierte, wenn er mal wieder das Komma vergaß.
Eines Abends wollten sie ein kleines Duell veranstalten und beide eine Geschichte schreiben und sie von einem ihrer Professoren bewerten lassen, und wer eine bessere Punktzahl hat, gewinnt. Als der Professor Gabrielles Schrift nicht entziffern konnte, wurde Silvan wütend, brach das Duell ab und sprach nie wieder ein Wort mit Gabrielle. Seiner Auffassung nach hatte Gabrielle sich nicht genug Mühe gegeben; er wusste, dass Gabrielle, wenn er es wollte, durchaus leserlich schreiben kann (natürlich keine wundervolle Schrift, aber leserlich).
Doch sahen die beiden, dass ein relativ renommiertes Schreibermagazin einen Wettbewerb veranstaltete. Man bekommt die Möglichkeit, eine Kurzgeschichte einzusenden. Diese werden mit 1–100 Punkten bewertet, und die höchstbewertete bekommt einen Platz in jenem Magazin. Das könnte der Zünder für das Feuerwerk des ersten Erfolges sein. Silvan und Gabrielle waren natürlich Feuer und Flamme und beide machten sich ohne irgendeine verlockende Ablenkung an die Arbeit.
Silvan schrieb seine Geschichte innerhalb eines Tages nieder, ohne Probleme, ohne Zweifel. Er übergab sie daraufhin seinem Professor und bat ihn, ob er nicht Zeit und Überzeugung hätte, um den Text zu korrigieren. Der Professor stimmte zu, fügte jedoch hinzu, dass es noch einige Tage dauern werde. Gabrielles Ungeduld nistete sich gemütlich ein wie ein Storch auf dem Schornstein. So war er dennoch froh, dass sein großherziger Professor seine Freizeit für ihn so zögerlos aufopferte.
Auf der anderen Seite war Silvan im Stress. Er hatte gerade das 17. Mal die erste Seite seines Werkes umgeschrieben, er wusste einfach nicht, wie er anfangen sollte, ihm fehlte einfach die passende Inspiration. Als er aber zufällig mitbekam, wie Gabrielle vor seiner geliebten Freundin angab, dass er nur noch den Text ins Reine schreiben müsse und danach hätte er die Stelle im so verehrten Magazin ohne jeden Zweifel, konnte Silvan nicht anders.
Als Silvan dies hörte, forderte er den nie beendeten Wettbewerb wieder zu reanimieren und ihn wieder auszuführen, nur diesmal offiziell und auch mit Ende in Sicht. Gabrielle meinte daraufhin, dass er ohne Mühe gewinnen werde, so hatte er doch die Schrift längst korrigieren lassen und auch die leserliche Schrift sollte mit etwas Aufwand kein Hindernis darstellen. Aus purer Hochnäsigkeit sagte er zu. Er wollte sehen, wie die Enttäuschung in Silvans Augen aufflackerte, wenn er sah, dass er weniger Punkte hatte als er – endlich Rache für all das ekelige Herabwürdigen seiner Texte und ihm zeigen, dass er besser war, wie Silvan immer äußerte, wenn sie zusammenschrieben. Außerdem könnte er seiner Geliebten endlich beweisen, dass er das Talent hatte, welches sie nie wirklich ganz anerkennen wollte. Sie hatte ihm sogar gestanden, dass sie Silvans Texte etwas besser fand, was dieser wohl kaum auf sich sitzen lassen konnte. Silvan wollte einfach nur, dass das überhebliche Grinsen aus seinem Gesicht verschwindet und er so zeigen konnte, dass strukturiertes Umgehen mit dem Werkzeug mehr Gewicht hatte als irgendein wildes Inferno aus verschwommenen Kindheitserinnerungen.
Als Silvan nach Hause ging, wusste er nun endlich, über was er schreiben wollte: über einen Clown mit dem Talent, Bajonette anzufertigen, der sich jedoch wie ein Krimineller anzog, wenn er auf Geburtstage eingeladen wurde.
Nun war er da, der Tag, an dem sie beide ihre Rückmeldungen bekamen. Für die Menschheit nur ein Dienstag, für die beiden: ein historischer Tag. Gabrielle riss den Umschlag zuerst auf: 68 Punkte. Er konnte die Enttäuschung in seinem Gesicht nicht verbergen. Als Silvan das sah, war er von Genugtuung erfüllt. Gabrielle tat ihm eigentlich leid, also beschloss er, den Umschlag zu zerreißen und sagte daraufhin: „Ich denke, das kann man als 50 Punkte werten, du hast gewonnen.“ Daraufhin schritt er davon. Ihm war klar geworden, dass er diese Bestätigung nicht braucht.
Silvan und Gabrielle sahen sich daraufhin nie wieder. Schade, dass sie nie die Option offen ließen, zusammenzuarbeiten, denn so hätten sie es wohl zu mehr als nur 100 Punkten gebracht.
Leider müssen wir diese Utopie der Kopenhagener Deutung überlassen.
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