"Ein genialer Raubzug" - Eine Geschichte von Seraina Braun - Young Circle

«Ein genialer Raubzug» – Eine Geschichte von Seraina Braun

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«Ein genialer Raubzug» – Eine Geschichte von Seraina Braun

Ein perfekt geplanter Raub, sechs Minuten Zeit und Kronjuwelen im Wert von Millionen. Ein junger Dieb erlebt den Coup seines Lebens – angespannt, nervös und mitten im Chaos der Flucht. Doch am Ende zählt nur eines: Sie sind entkommen.

18. Oktober 2025

In weniger als 24 Stunden werden die französischen Kronjuwelen aus der Galerie d’ Apollon uns gehören. Dann werde ich mich nach Algerien absetzen und ein neues Leben anfangen. Unser Plan war so simpel und einfach, dass er einfach wieder genial war. Ich würde sogar sagen, der genialste aller Pläne.

«Okay Jungs, die ganze Sache soll innerhalb von sechs Minuten über die Bühne gehen.» Der Boss ging, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vor uns auf und ab. «Es stehen über 88 Millionen und unser aller Freiheit auf dem Spiel, seid also besonders vorsichtig, versucht, keine Gewalt anzuwenden und haltet euch haargenau an unseren Plan.» Mit dem Stift fuhr er nochmal unseren Fluchtweg entlang und sagte zum wiederholten Mal: «Prägt euch alles genau ein.»

Wenige Minuten später standen wir bereit. Die orange Warnweste schränkte meine Beweglichkeit in der Schultergegend beträchtlich ein, aber ich wagte es nicht, nach einer anderen Grösse zu fragen, wir waren zu kurz davor, den Raub des Jahrhunderts durchzuführen, als dass ich das jetzt noch hinauszögern durfte. Der Boss verteilte uns die Walkie-Talkies. Die Stimmung hier unten war angespannt, es fühlte sich an, als wäre die Luft um uns herum zu einer festen Masse geworden, die jegliche Geräusche verschluckte. Als der Boss mir das Walkie-Talkie reichte, sah er mir so tief in die Augen, dass ich glaubte, er könnte bis in mein Innerstes sehen. Sein Atem streifte meine Wange, als er mir zuraunte: «Nur keine Angst, mein Junge», die Stimme so ruhig und gleichzeitig kalt wie Eis, dass sie mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte.

Als er sich endlich abwandte, war mir speiübel. «Passt alle gut auf unseren Jüngsten hier auf», sagte er dann laut an alle gewandt und ich wand mich innerlich. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Der Mann neben mir, Pierre, deutete etwas an, das wohl ein Lächeln sein sollte, wobei es eher eine Art, Oberlippe-nach-oben-ziehen war. Der bullige Hüne erfüllte jedes Klischee eines Schwerverbrechers. Quer über sein Gesicht verlief eine wulstige Narbe, sein Schädel war kahlgeschoren, während ein dunkler, von grauen Strähnen durchzogener Bart von seinem Kinn bis zu den Schläfen reichte. Seine buschigen Augenbrauen verliehen seinem Blick etwas Grimmiges und seine Augen waren zwei stechende kleine, schwarze Punkte in tiefen Höhlen. «Okay», zog der Boss die Aufmerksamkeit wieder auf sich, «ist alles bereit?» Es war mucksmäuschenstill, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Alle richteten sich etwas gerader auf. Ich schluckte und versuchte dasselbe, sofern dies in meiner zu engen Weste möglich war. «Gut, dann kann es ja losgehen», sagte der Boss mit einem siegesgewissen, boshaften Lächeln auf den schmalen Lippen. Ja, es konnte losgehen.

Mein Atem ging schnell und mein Herz drohte, meinen Brustkorb zu sprengen. Ich klammerte mich hinter Pierre am Sitz des Motorrollers fest und versuchte, die Polizei-sirenen zu überhören. Nicht mehr als sieben Minuten hatten wir gebraucht, um in den Louvre einzusteigen und mit dem hübschen Diebesgut auf den beiden Motorrollern zu flüchten. In dem Moment hörte ich etwas scheppern, etwas aus Metall. Ich wagte es, einen Blick über die Schulter zu werfen und erst jetzt fiel mir auf, dass ich meine Warnweste verloren hatte. Ich schluckte, hoffentlich war das nicht mein Ticket in den Knast. Aber bevor ich weiter über das Essen oder die Betten im Gefängnis nachdenken konnte, bemerkte ich, woher das Geräusch vorhin gekommen war. Eine silber-goldene Krone, die von der Kaiserin Eugénie, wenn ich mich nicht täuschte, rollte mit so viel Wucht gegen eine Hausmauer, dass sie in der Mitte auseinanderbrach. Schade, dieses Schmuckstück hatte mir besonders gut gefallen. Schnell drehte ich mich wieder nach vorne und zog meine Kapuze tiefer in die Stirn. Ich konnte mir ein fettes, zufriedenes Grinsen nicht verkneifen, als wir schliesslich, mit 88 Millionen in der Tasche, endlich die A6 Richtung Marseille erreichten. Dieser Raub würde ganz bestimmt in die Geschichte eingehen.


                                     

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