Ich blinzle etwas verwirrt. Meine Gedanken rasen. Was ist passiert? Wie bin ich hier gelandet? Warum bin ich überhaupt hier? Grelle Farben brennen sich in meine Augen. Was ist das hier für ein Ort? Der Untergrund ist nass. Erst jetzt bemerke ich, dass ich auf dem Boden liege. Hastig richte ich mich auf. Ich klopfe meine Kleidung ab, als mir auffällt, dass mein Lederoberteil fehlt. Meine Augen wandern über meinen Körper. Meine geschwärzten Unterarmschienen sind verschwunden, genau wie meine Lederhose und mein Gurt, mit Dolch und Schwert. Vorsichtig sehe ich auf meine Hände. Keine Handschuhe mehr zu sehen. Stattdessen liegt ein grosser, schwarzer Stoff, der mir unbekannt ist, auf meiner Haut. Die Ärmel reichen mir bis zu den Handgelenken. Ausserdem habe ich eine Art eingenähte Tasche auf Höhe meines Bauches und eine Kapuze. An meinen Beinen ist ein blauer Stoff. Der ist ebenfalls sehr breit und endet knapp über dem Boden. Wo ist meine Rüstung? Meine Waffen? Und wo steckt Nyra? «Nyra?» rufe ich laut. Die fremden Wesen mustern mich misstrauisch. Keine Spur von Nyra.
Ich gehe auf einen riesigen, quadratischen Klotz zu. Plötzlich erklingt ein ohrenbetäubender Laut. Ich zucke zusammen und sehe mich um. Mein Herz rast. Was für eine Bestie klingt so? Der Boden vibriert. Etwas Rotes auf vier Rädern hat den Ton verursacht. Darin sitzt eines der unbekannten Lebewesen. Es fährt direkt auf mich zu und gestikuliert wütend. Mir wird schlagartig klar, ich bin nicht mehr in Eryndor. Instinktiv renne ich. Keine Ahnung wohin. Alles in mir schreit: Lauf! Ich möchte mein Schwert ergreifen, aber es ist natürlich nicht da. Wie ein Drache ohne einen Funken Feuer stolpere ich zwischen all den neuen Eindrücken hindurch.
Völlig ausser Atem stütze ich mich gegen so einen ähnlichen Klotz, wie ich ihn vorhin gesehen habe. Ich glaube, darin leben die Geschöpfe. Das Material ist hart wie Stein, aber es ist gelb. Ich sehe auf. Vor mir steht eine dieser Gestalten, die hier überall umherwuseln. «Alles okay bei dir?» fragt sie mich. Ich starre sie nur stumm an. Sie spricht meine Sprache? «Hallo?» Sie blickt mich an. «Ähm… wo… wo bin ich?» bringe ich noch ausser Atem hervor. Sie grinst: «Du bist in Chur.» Chur? Wo soll das sein? Als ob sie meine Gedanken gelesen hat, antwortet sie: «Das liegt in der Schweiz.» Schweiz? Meine Neugier siegt. «Wer bist du?» frage ich misstrauisch. «Ich heisse Emilia und du?» Emilia? Was ist das für ein seltsamer Name? «Avelin» sage ich knapp. Emilia legt ihren Kopf schief und grinst leicht. «Avelin? Na gut, wenn du mir deinen Namen nicht nennen möchtest, ist das deine Entscheidung… willst du mir wenigstens verraten, woher du kommst?» Was meint sie? «Wie komme ich zurück nach Eryndor?» «Eryndor», sie lacht, «das klingt wie eine Fantasystadt.» Fantasy?
Mir kommt plötzlich Nyra wieder in den Sinn. «Hast du Nyra gesehen? Sie ist gross, hat goldene Augen und an ihren Flügeln sind Male, die wie meine Tattoos aussehen.» Ich deute auf meine Schulter, als mir einfällt, dass ich ja diese fremdartige Kleidung trage. «Ausserdem hat sie dunkelviolette Schuppen. Um ihre Augen sind sie fast schwarz. Sie ist wie meine Schwester.» Meine Stimme versagt, meine Augen brennen. Rasch wende ich meinen Blick ab. Emilia verharrt stumm. «Du brauchst echt Hilfe…» murmelt sie. «Ja, ich muss doch nach Hause.» sage ich ungeduldig. «Hast du Nyra jetzt gesehen, oder nicht?»
Plötzlich packt sie mich am Handgelenk und zieht mich mit sich. Ein erstickter Schrei entfährt mir. «Sh.» Ich verstumme. Emilia zieht mich in so einen weissen Felsbrocken. Über dem Eingang hängen ein riesiges, rotes H und ein M. Innen ist eine Art Höhle, in der weitere Stoff-Dinger an metallenen Stangen hängen. In einer Ecke sind ähnliche Hosen sauber aufgereiht, wie ich sie anhabe. «Warum habt ihr solche… Hosen? Die sind ja völlig unbrauchbar zum Kämpfen.» Emilia starrt mich ungläubig an. «Jetzt hör mal zu, ich weiss nicht, was für ein Spiel du spielst, aber du benimmst dich echt komisch.» Ich? Komisch? Hat sie sich mal angesehen? «Ich bin nicht komisch.» sage ich trotzig. Ihr skeptischer Blick trifft mich wie ein Pfeil.
Ich sehe mich vorsichtig um und entdecke einen Spiegel. Immerhin etwas, das ich kenne. Wie ferngesteuert marschiere ich darauf zu und begutachte mich darin. Das Einzige, was noch geblieben ist, sind meine silbernen Haare, die mir fast bis zum Po reichen und sorgfältig geflochten sind. Ich streiche sie mir hinter die Ohren. Meine Ohren. Sie haben ihre spitze Form behalten. Erleichtert stosse ich Luft aus. «Du- deine Ohren» höre ich Emilia stottern. Ich drehe meinen Kopf zu ihr. «Was ist damit?» Dann entdecke ich es. Sie hat kleine, runde Ohren. Sie haben nichts Elfenartiges. Ich runzle die Stirn. «Warte… dann hast du das vorhin alles ernst gemeint? Mit deinem Namen? Mit der komischen Stadt… Eryndor?» Sie wirkt aufgebracht, nicht mehr so locker wie vorhin. «Natürlich.» Ganz verwirrt starrt sie mich mit ihren grossen, braunen Augen an. «Sag bloss, ihr habt keine Drachen.» Mein Lachen verstummt abrupt, als sie langsam den Kopf schüttelt. «Keine Drachen? Wie sieht es mit Phönixen aus?» Wieder nur ein Kopfschütteln. Mir steht der Mund offen.
Lärm dringt von aussen zu uns herein. Alarmiert laufe ich aus der Höhle hinaus. Draussen stockt mir der Atem. Meine Augen weiten sich. «Nyra?» keuche ich. Die Geschöpfe um uns herum rennen aufgebracht durcheinander. Einige halten kleine, flache Rechtecke in ihre Richtung. Der winzige Zauberspiegel scheint Nyra gefangen zu nehmen. Ich renne auf sie zu. «Nyra!» rufe ich panisch. Nyra verschwindet direkt vor meinen Augen. Schon wieder. Ein verzweifeltes Jaulen. Grelles Licht. Dann nichts mehr. Ich falle auf die Knie. Tränen strömen über mein Gesicht. «Nein!» schluchze ich. Ihre Verbindung ist weg. Ich fröstle.
Ich schrecke schweissgebadet hoch. Das Herz hämmert mir gegen die Brust. Mein Blick fliegt durch mein Turmzimmer. Nyras Atem ist warm. Eine kleine Rauchwolke kommt aus ihren Nüstern. Langsam beruhige ich mich. Ich halte inne. Ein Gegenstand. Das Etikett: Bündner Nusstorte. Was ist eine Nusstorte? Nichts, das in meine Welt gehört.
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