Die Dämmerung legte sich wie ein Schleier über den steinigen Waldweg und allmählich wurde es dunkel. Es war still, fast schon zu still. Bis auf ein leises Vogelgezwitscher und das Rascheln in den Büschen hinter mir, war absolute Stille. Ich sass auf einer Bank am Waldrand und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Mein Herz fühlte sich so schwer an, aber ich wusste nicht warum. Seit Monaten fühlte ich mich, als hätte ich etwas verloren, was früher einmal selbstverständlich gewesen war. Ein Licht, das in mir geleuchtet hatte, ohne dass ich es bemerkt habe. Aber jetzt war alles weg und ich verspürte lediglich eine grosse Einsamkeit.
Auf einmal kam ein kalter Windstoss auf, der mich kurz zusammenzucken liess. Ich schlang die Arme um meine Beine, legte den Kopf auf meine Knie und kniff beide Augen fest zusammen. Alles, was ich jetzt brauchte, war jemand, dem ich mein Herz ausschütten konnte. Wie aus Reflex flüsterte ich: «Vater, wo bist du?»
Aber Nichts geschah. Eine Träne nach der anderen lief meine Wange hinunter und ich zitterte am ganzen Körper. Einen kurzen Moment hielt ich den Atem an und plötzlich vernahm ich eine sanfte Stimme: «Ich bin da, fürchte dich nicht.» Daraufhin fühlte ich ein Hauch von Nähe. Es war wie eine Hand, die sich mir nähert, ohne mich zu berühren. Ich wusste nicht, woher diese Stimme oder dieses Gefühl kam. Aber ich fühlte, dass ich nicht mehr allein war. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht war es Gott. Ich wusste es nicht. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte ich den Wunsch, es herauszufinden. Und dieser Wunsch fühlte sich an, wie der erste Funke von Licht.
Als ich den Wald verliess, lag die Dämmerung bereits wie ein dünner Schleier über den Feldern. Die Luft war kühl und jeder Schritt fühlte sich so an, als würde ich mich von etwas entfernen, das ich noch nicht ganz verstand. Meine Gedanken kreisten wild durcheinander. Wie ein Echo hörte ich die Stimme, die ich vorher vernommen hatte, leise nachhallen. «Ich bin da, fürchte dich nicht.»
Dieser Satz schwebte durch meinen Kopf, ganz sanft und gleichzeitig beunruhigend. Was sollte diese Aussage bedeuten? Habe ich mir das nur eingebildet? Aber wenn ich mir das nur eingebildet haben sollte, warum habe ich mich dann für diesen Moment so getragen gefühlt? So geborgen, geliebt und sicher, als hätte mich jemand in den Armen gehalten, den ich nicht sehen konnte. Ich blieb kurz stehen, atmete tief ein und versuchte meine Gedanken beiseitezuschieben. Doch je mehr ich es versuchte, desto mehr erkannte ich, dass ich diese Aussage nicht einfach vergessen konnte.
Der Weg nach Hause führte über einen steinigen Waldweg und an den dunkeln Häusern des Dorfes vorbei. Mein Blick schweifte über die Fenster. Alles war dunkel. Niemand schien noch wach zu sein. Ein kurzer Blick auf mein Smartphone verriet mir, dass bereits 23.50 Uhr war. Kein Wunder, dass an einem Donnerstag zu dieser Zeit keiner mehr wach war. Mein Gefühl sagte mir, dass ich diese Nacht nicht mehr viel Schlaf bekommen und es morgen bereuen würde, so lange wachgeblieben zu sein. Dieses Ereignis beschäftigte mich jedoch so stark, dass ich gerade nicht an einen ruhigen Schlaf denken konnte.
Zehn Minuten später erreichte ich unser Wohnquartier. Mit einem schnellen Griff in meine Tasche holte ich den Hausschlüssel heraus. Als ich vor der Haustüre angekommen war, liess ich meinen Blick über die Fenster unseres Hauses schweifen. Alles war dunkel. Grosse Erleichterung breitete sich in mir aus. Ich hatte gehofft, dass keiner mehr wach war. Weder meinen Eltern noch meinen Geschwistern wollte ich in diesem Zustand begegnen. Sicherlich war mein Gesicht gerötet von den vergossenen Tränen und die Mascara unter meinen Augen verschmiert. Ich redete mir ein, dass alle schon schlafen und mir keiner auf dem Weg in mein Zimmer begegnen würde. Ich hoffte es jedenfalls.
Vorsichtig steckte ich den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn langsam, um kein Geräusch zu verursachen. Nachdem ein leises Knacken zu hören war, öffnete ich die schwere Holztüre und betrat das dunkle Haus. Mit zittrigen Händen suchte ich nach dem Lichtschalter. Wenige Sekunden später erhellte warmes Licht den Eingangsbereich. Ich atmete den vertrauten Geruch des Hauses ein und fühlte mich direkt etwas besser. Hinter mir schloss ich die Türe, lehnte mich dagegen und lauschte. Doch da war nichts. Nur Stille. Und irgendwo in dieser Stille war, kaum wahrnehmbar, ein Echo. «Ich bin da.»
Je länger ich diesem Echo lauschte, desto einsamer fühlte ich mich. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Nicht unbedingt aus Angst, sondern aus einer seltsamen, unerklärlichen Sehnsucht. Ich wusste nicht, wer oder was diese Stimme war. Aber ich wusste, dass dies erst der Anfang war. Dieser Funke im Dunkeln würde mich nicht mehr loslassen. Etwas in mir wollte unbedingt herausfinden, was dahintersteckte.
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