"Die verlassene Stadt, die niemand betreten will" - Eine Geschichte von Giulia Sara Isabella Bianco - Young Circle

«Die verlassene Stadt, die niemand betreten will» – Eine Geschichte von Giulia Sara Isabella Bianco

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«Die verlassene Stadt, die niemand betreten will» – Eine Geschichte von Giulia Sara Isabella Bianco

Was als harmloser Ausflug in eine verlassene Stadt beginnt, wird für Noémi und ihre Freunde schnell zu etwas Unheimlichem. Ein seltsames Licht im alten Einkaufszentrum, ein anonymes Telefonat und plötzlich weiss jemand genau, wo sie waren. Als sie am nächsten Tag von einem Fremden zur Rede gestellt werden, wird klar: Die Stadt war nie wirklich verlassen.

„Bist du dir sicher, dass das nicht gefährlich ist?“ fragte Chris. Noémi sah ihn misstrauisch an. „Natürlich ist das sicher. Hör auf, so ein Angsthase zu sein.“ Im Hintergrund hörte man Livias Lachen. Dieses warme Geräusch, das einen direkt ansteckte mit guter Laune. Aaron guckte ständig nach hinten, um zu checken, ob die Gruppe allein war.

„Nun gut, wie sieht der Plan heute aus?“ Livia räusperte sich, während die beiden Knaben ein Schwertgefecht aus Stöcken nachspielten. Noémi seufzte. „Ich würde sagen, heute schauen wir das Einkaufszentrum an.“ Aaron hörte sofort auf. „Ehrlich jetzt? Das Einkaufszentrum ist riesig, da werden wir uns bestimmt verlaufen.“ „Es hat einen Trampolinpark.“ Chris’ Augen leuchteten auf. „Wir sind dabei.“ Kaum war dies gesagt, bewegte sich die Gruppe in Richtung des Einkaufszentrums.

Die Stadt sah alt und zerstört aus. Die Häuser verloren ihre Farbe, Strassenmarkierungen waren kaum noch sichtbar und die Luft fühlte sich so an, als würde sie atmen. Plötzlich fiel eine Dachdiele runter. Chris sprang schnell zur Seite. „Alles in Ordnung?“ Chris nickte und Livia lächelte, obwohl sie sich erschrocken hatte.

Einige Minuten später befand sich die Gruppe im Inneren des Einkaufszentrums. Es war riesig und dabei, langsam zu verrotten. Jeder sah sich kurz um. „Wer will alles in den Trampolinpark?“ rief Noémi. Chris und Livia hüpften Noémi hinterher, während Aaron in die Dunkelheit starrte. „Alter, komm hoch!“ rief Chris vom oberen Stockwerk. „Ich komme ja schon!“ Kaum gesagt, war Aaron oben bei seinen Freunden. Alle hüpften rum, spielten Fangen und verzehrten die Snacks, die sie sich nach der Schule holen gegangen sind. Es verging eine gewisse Zeit, doch niemand wusste genau, wie lange. Irgendwann entschied sich die Gruppe dazu, Verstecken zu spielen. Mädchen gegen Jungs. Die ersten Runden waren knifflig, bis sich alle an die Umgebung gewöhnt hatten.

Noémi versteckte sich gerade unter einer alten Turnmatte, da sah sie ein Licht in der Ferne. Grell. Eine Farbe, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Das Licht wirkte so, als würde es sich bewegen. Als würde es sich im Kreis drehen. Gerade, als sie in die Richtung der Lichtquelle laufen wollte, packte Chris sie am Arm. „Ha, habe ich dich endlich! Du bist echt gut in diesem Spiel. Na komm, die anderen wollten weiter.“ Noémi sah ein letztes Mal zurück, folgte dann aber schliesslich Chris.   

Die Gruppe lief weiter im Einkaufszentrum umher. Noémi hingegen schlurfte hinterher. Livia bemerkte dies und ging zu ihr hin. „Hey, alles klar bei dir? Du wirkst seit der Trampolinhalle anders?“ Noémi seufzte kurz. „Ja, keine Ahnung… beim Verstecken spielen habe ich so komische Lichter in der Ferne gesehen.“ Livias Gesicht wurde innerhalb von Sekunden blass. „Lichter? Bist du dir sicher?“ Die Jungs blieben stehen und lauschten den Mädchen. „Ja, ich weiss, was ich gesehen habe.“ Livia schaute zu den anderen. „Vielleicht sollten wir für heute gehen. Ich fühle mich gerade nicht so wohl.“ Alle nickten. Sie stürmten aus dem Einkaufszentrum und sprangen auf ihre Fahrräder. Dann fuhren sie so schnell wie möglich zurück in ihre Nachbarschaft.

Es vergingen einige Stunden. Noémi lag mittlerweile erschöpft auf ihrem Bett und schaute eine Serie auf ihrem Telefon. Plötzlich bekam sie einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Noémi rollte die Augen und drückte auf den Ablehnen-Knopf. Die Nummer rief sie nochmals an. Dieses Mal ging Noémi ans Telefon. „Ja? Wer ist da?“ Es folgte eine Stille von etwa 10 Sekunden. Dann hörte sie ein schweres Atmen. „Wir wissen, dass du heute in der verlassenen Stadt warst. Noémi.“ Noémi lief es eiskalt den Rücken runter. „Wer… wer bist du? Das ist nicht lustig!“ Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte laut auf. „Mach dir keine Sorgen. Du wirst mich früh genug kennenlernen.“ Dann folgte ein Piepston. Noémi starrte auf den mittlerweile schwarzen Bildschirm.

Der nächste Morgen fühlte sich seltsam an. Die Atmosphäre wirkte unnormal ernst. Noémi konnte kaum wach bleiben. Doch kurz bevor sie die Augen schloss, klopfte es an der Tür.

„Noémi. Bitte pack deine Sachen und komm mit.“

Noémi war plötzlich hellwach. Wie befohlen packte sie ihre Sachen, die Blicke ihrer Klassenkameraden brannte auf der Haut.

Im Büro des Schulleiters standen Livia, Chris und Aaron. Alle mit ihren Schultaschen, alle mit demselben, verwirrten Blick.

Neben dem Schulleiter stand ein fremder Mann. Ein Polizist? Sicherheitsbeamter? Keiner wusste es.  Er starrte direkt auf Noémi. „Schön, euch zu sehen. Ich bevorzuge diese Art von Gesprächen. Nicht die von den gestrigen Telefonaten.“ Noémi schaute geschockt zu Livia rüber.

Der Mann legte eine Mappe auf den Tisch. Daraus kamen Fotos vom Einkaufszentrum und von ihnen selbst.

„Die Stadt war nie so verlassen, wie ihr dachtet“, erklärte er ruhig. „Sie wurde gebaut, um etwas zu schützen.“

„Das Licht?“, flüsterte Noémi, bevor sie sich stoppen konnte.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er erklärte, dass die Kameras nie deaktiviert worden waren. Dass das Projekt vor Jahren eingestellt wurde. Dass niemand erwartet hatte, dass sich das Phänomen wieder stabilisieren würde.

„Es ist mehr als ein Licht. Es verbindet. Dieses war jahrelang inaktiv. Bis ihr gestern dort wart.“ Die Gruppe wirkte verwirrt.

„Wir möchten euch eine Möglichkeit anbieten“, fuhr er fort. „Ihr lasst euch nie mehr in der Stadt blicken, und wir haben keine Probleme. Keine Anzeige, nichts.“

„Und wenn wir nein sagen?“, fragte Livia. Zum ersten Mal verschwand das Lächeln. „Dann werdet ihr vergessen, was ihr gesehen habt.“ Der Mann nahm die Mappe, klopfte dem Direktor kurz auf die Schulter und ging zur Tür.

„Ich überlasse euch die Entscheidung. Wählt weise.“ Die Tür fiel ins Schloss. Der Raum fühlte sich schwer an. Keiner sagte etwas für zwei Minuten. Doch dann bemerkte Noémi etwas.

Das war kein Zufall gewesen. Und egal, was sie entschieden –
die Stadt war noch lange nicht fertig mit ihnen.  

                                     

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