"Die Tänzerin" - Eine Geschichte von Lise-Alice Stifft - Young Circle

«Die Tänzerin» – Eine Geschichte von Lise-Alice Stifft

Member Stories 2026

«Die Tänzerin» – Eine Geschichte von Lise-Alice Stifft

Der erste grosse Auftritt kann alles verändern. Als eine junge Tänzerin die Bühne betritt, verliert sie sich vollkommen in Musik und Bewegung und taucht in eine magische Welt aus Licht, Schnee und Klang ein. Eine poetische Geschichte über die Kraft der Kunst und den Moment, in dem Fantasie und Realität verschmelzen.

Der hohe Saal füllte sich nach und nach mit immer mehr Zuschauern. Sie strömten durch die prachtvoll geschmückten Eingangstüren in die einladende Wärme, liessen die eisige Winterluft hinter sich. Dicke Mäntel und Schals, auf denen sich die letzten Schneeflocken auflösten, wurden während heiteren Gesprächen abgelegt. Neugierige Augen folgten dem goldigen Licht, an mehreren Stockwerken von Balkonen vorbei, hoch an die malerisch verzierte Decke, bis zum mächtigen Kronleuchter. Künstlerisch gemalte Muster in Pastelltönen, blau, beige und rosa, erstreckten sich über die ganze Decke, schlängelten sich an den gewölbten Wänden herunter, um mit dem karmesinroten Stoff der Parkettsitze zu kontrastieren. Ich stand gebeugt am Rand der Bühne in den Kulissen und spähte aufgeregt um die Ecke des Bühneneingangs. Nur meine Stirn und Augen lugten hervor und beobachteten die von Weihnachtsglück erfüllte Menschenmenge. Mein Geist fühlte sich umfassen an, meine Wahrnehmung betäubt.

Das erste Mal war es, dass ich bei einer richtigen Vorstellung mittanzen durfte. Miss Amita sagte immer der wilde Fluss des träumerischen und leidenschaftlichen in meiner Seele würde mich irgendwann zu nahe an sich locken, dass es nicht lange dauern würde, bis ich einen Schritt in das strömende Wasser wagen und merken würde wie herrlich anziehend es auch ist. Sie sagte ich würde mich in meiner Fantasie verirren; dass ich zuerst lernen musste den Rückweg zu finden. Jedes Mal breitete sich dann das Gefühl in mir aus etwas tiefgehendes begriffen zu haben, auch wenn ich ihre Worte nie richtig verstand.
Anscheinend war ich nun bereit für die grosse, dunkle Bühne, wo ich in keiner Zeit in eine andere Welt tauchen würde.  
Ein Knistern der Aufregung fuhr über meine Haut als die Lichter gedimmt wurden und der Kronleuchter erlosch. Stille legte sich über die Zuschauer.  Mein Herz hämmerte gegen meine Brust, als wolle es aus ihr herausspringen. Hinter mir hörte ich nervöses Geflüster.

Ein paar schnelle Schritte brachten mich in die Mitte der Bühne. Es war still, ganz still. Ich hörte mein Atmen in der Dunkelheit, bis ein heller Lichtstrahl auf mich und mein leichtes Kleid herableuchtete. Ich badete in schneeweissem Licht, um mich herum alles nur Dunkelheit, als wäre die Welt verschwunden und ich nun in einem leeren Universum, welches noch auf die Erschaffung seiner Realität wartete. Eine sanfte Melodie begann sich durch den Raum zu schlängeln. Von einem Ohr zum anderen schlich sie sich, begann meinen Körper unter ihren Bann zu ziehen. Meine Arme und Beine begannen sich zu bewegen, wie die einer Marionette, deren Fäden von der Musik geführt wurden. Die leere Dunkelheit um mich herum begann sich langsam mit einer getanzten Geschichte zu füllen. Die Bühne und die Zuschauer verschwanden in der Unendlichkeit des Kosmos, ich hörte nur noch den musischen Klang des Orchesters. Der langsame Rhythmus der Kontrabässe verschmolz mit den leichten Tönen der Harfe und der Melodie eines Cellos zu einem harmonischen Lied. Es erhellte mir den Weg durch das wandelnde Universum, leitete mich in eine wunderhübsche, weisse Welt. Zarte Schneeflocken glitten in Zeitlupe um mich herum zu Boden, meine Bewegungen folgten dem schwachen Wind. Die scharfen Grenzen der Realität verblassten langsam in der kalten Schönheit. Ich wurde von der höher werdenden Melodie mitgetragen, sie machte mich leicht und liess mich schweben. Alles um mich war klar und doch verschwommen, statisch und gleichzeitig fliessend. Die Welt verformte sich, beugte sich dem energischer werdenden Fluss aus Tönen. Immer schneller wurden die Schneeflocken vom Wind um mich herum gepeitscht, während die Musik lauter wurde. Sie pulsierte durch meine Adern, wild und ungebändigt wie der aufkeimende Schneesturm. Das Licht erstickte in einem Wirbel aus leidenschaftlicher Freiheit und liess mich ins dunkle tanzen. Ich füllte das grenzenlose Nichts mit meiner Energie, bis nach und nach tausende kleine Lichter wie Feen um mich herumsegelten. Eine langsame Welle der Musik überkam meine leuchtende Welt und trug mich höher und höher. Ich wurde geblendet, bis ich in warmem Licht badete.
Bis das Universum frei von rationalen Grenzen und voll elysischem Chaos war.
Bis ein Himmel in tausend Farben vor mir aufging und glückliche Tränen weinte.
Bis sich der bezaubernde Klang einer Geige aus dem Zusammenspiel hunderter Instrumente hervorhob und mich alles Unwichtige vergessen liess.
Bis die Musik mir zuflüsterte, es sei Zeit zu gehen… Ich hörte das immer lauter werdende Klatschen aus einem Opernsaal einer anderen Welt und liess mich von dem Geräusch zurück nach Hause führen.  
                                     

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