"Die Sturmspitze" - Eine Geschichte von Emely Merz - Young Circle

«Die Sturmspitze» – Eine Geschichte von Emely Merz

Member Stories 2026

«Die Sturmspitze» – Eine Geschichte von Emely Merz

Mit einem Drachenei im Rucksack beginnt für Zephyra ein gefährlicher Aufstieg zur Sturmspitze. Dort, hoch über dem Meer und umgeben von Nebel und Wind, entscheidet sich, ob der kleine Drache rechtzeitig schlüpfen kann. Doch der Weg nach oben verlangt Mut, Ausdauer – und ein wenig Hoffnung.

Das Drachenei wog schwer in meinem Rucksack und ich umklammerte die Lederriemen noch fester.

Der Wind heulte durch die Höhlengänge der Insel und als wir aus dem Schutz der Felswände traten, ragte vor uns die Sturmspitze auf und verschwand in den Wolken. Nebelschwaden waberten um den Felsen.

«Ist das wirklich eine gute Idee?» Kits Stimme zitterte ein wenig.

Wellen brachen sich krachend am Gestein.

Nein, dachte ich, sprach es aber nicht aus. «Es ist unsere einzige Chance.» Der nasse Fels glitzerte in den wenigen Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch den Nebel fanden. «Er muss heute schlüpfen.»

Vorsichtig Stieg ich die Steintreppe zum Steg hinunter.

«Pass auf dich auf, Zephyra.»

Das kleine Ruderboot schwankte, als ich mich reinsetzte. «Werde ich.» Vorsichtig legte ich das Ei unter die Sitzbank. Das Licht der glänzenden Schale färbte das Holz bläulich. Ich hob meinen Blick zu Kit. «Versprochen», ich musste es schaffen.

Kit blieb oben vor dem Höhleneingang stehen. In seinen Augen spiegelte sich Besorgnis.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, versuchte, so ihm ein wenig Hoffnung zu schenken. Das hier musste ich allein erledigen.

Während ich ruderte, dachte ich an die letzten drei Monate zurück. Kit und ich hatten das Drachenei durch die halbe Welt geschleppt, nur um ihm das Schlüpfen zu ermöglichen. All das durfte nicht grundlos gewesen sein.

An der Sturmspitze angekommen band ich das Boot mit einem Seil an einen Felsen. Meinen Umhang verstaute ich im Boot, dafür schulterte ich den Rucksack. Die Kälte hüllte sich um mich. Tief atmete ich ein und wieder aus. Der Aufstieg würde mich wieder wärmen.

Zum Glück hatte der Regen letzte Nacht aufgehört.

Mithilfe der Ruder lenkte ich das kleine Boot näher zur Felswand. Ich klammerte mich an das Gestein und begann mit dem Aufstieg. Immer höher und höher.

Als ich endlich einen Blick nach unten wagte, bereute ich es sogleich. Von den kleineren Felsen ragten nur noch die Spitzen unter mir aus dem Nebel. Schwer atmend presste ich meinen Körper stärker an die Felswand.

Wie weit noch?

Wieder tat ich einen Schritt. Suchte nach Halt. Als ich meinen Fuss absetzte, trat ich auf einen losen Stein. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Halt suchend krallte ich meine Finger fester um den kleinen Vorsprung. Unter mir erklang das Plätschern des losen Steins.

Über mir sah ich schon die Kante des Plateaus. Ich durfte jetzt nicht abstürzen. Nicht wenn ich so nah war.

Hilflos tastete ich nach einem Absatz oder einer Spalte, um wieder Halt zu finden.

Endlich setzte ich meinen Fuss in einen Riss im Felsen und zog mich höher.

Nur noch wenige Meter.

Mit letzter Kraft zog ich mich nach oben und blieb schwer atmend auf dem Felsen liegen. Weitere Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die dichten Nebelschwaden. Vorsichtig spähte ich über die Kante: nichts als Nebel. Er verschluckte jedes Geräusch. Die Stille jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken.

Mühsam richtete ich mich auf, bevor ich zur Mitte des Plateaus ging.

Im Kreis um eine Kuhle angeordnet waren verschiedene Runen in den Boden gemeisselt. Sorgfältig holte ich das Ei aus dem Rucksack. Es leuchtete nur noch schwach und matt. Sanft legte ich es in die Vertiefung. Und trat einige Schritte zurück.

Nichts.

Das Glühen verdunkelte sich sogar noch weiter.

Ich war zu spät.

Als ich mich schon umdrehte, erhellte ein helles Glühen die Umgebung.

Das Ei glühte heller und heller.

Wind wirbelte im Kreis, zog Strähnen aus meinem Zopf und vertrieb den Nebel.

Die Eierschale brach. Gleissendes Glühen brach zwischen den Rissen hervor.

Mit einer Hand schirmte ich meine Augen ab.

Dann erlosch das Leuchten.

Zurück blieb ein Drachenbaby.

Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen.

Vorsichtig tat er seine ersten Schritte und schlug mit den Flügeln.

Wir hatten es geschafft!

Eine Böe flaute auf und schob den Nebel beiseite. Die Sonne stand mittlerweile schon hoch am Himmel.

In der Ferne erklangen Flügelschläge. Ich richtete meinen Blick in ihre Richtung. Mindestens ein Dutzend Drachen war auf dem Weg hierhin. Auf dem Weg, ihren neuen Artgenossen zu begrüssen.



                                

Hier geht’s zu den weiteren Member Stories:

Bewertung