Manchmal da sitze ich nur da und schaue auf das Meer hinaus. Es beruhigt mich und gibt mir Kraft. Es macht mich glücklich. Wie es sich ausbreitet mit Geheimnissen und Geschichten. Mit Dramen und Ängsten. Mit Erinnerungen und Liebe.
Seit ich da bin, ist nichts Spannendes passiert. Ich gehe schwimmen, esse Eis und geniesse jeden Sonnenstrahl. Man hört jede Welle, wie sie bricht und das bedeutet für mich Freiheit. Einfach auch mal nichts machen, keinen stressigen Alltag, in dem man eine Aufgabe hat. Nein, einfach mal Leben. Denn das ist genau das, was mich ausmacht, ich lebe nach dem Motto: «Nichts ist vorbestimmt und ich kann frei leben.»
Heute sitze ich wieder am Sand und spüre, wie der Wind durch mein Haar streicht. Neben mir auf meinem Badetuch liegt mein Tagebuch. Ich liebe es in mein Tagebuch zu schrieben, es hilft mir ein wenig von der Realität abzuschalten. Ich kann alle meine Gedanken und Gefühle hineinschrieben.
Gerade als ich eine Seite aufschlug, um von meinem heutigen Tag zu schreiben, merkte ich direkt, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Seite, die vor mir lag, war bereits vollgeschrieben. Was komisch war, da ich dieses Buch extra für den Urlaub neu gekauft habe.
Langsam begann ich zu lesen.
«Du sitzt wahrscheinlich gerade am Strand und geniesst jeden einzelnen Sonnenstrahlen.»
Woher weiss das Tagebuch, dass ich hier bin? Wer hat das geschrieben? Denn ich war es bestimmt nicht, daran würde ich mich erinnern.
«Du fragst dich sicher gerade, wer das geschrieben hat und woher ich das alles weiss. Doch ich kann dir gerade nicht mehr sagen. Nur so viel; wenn du das liest, bist du noch ganz am Anfang der Geschichte.» Ich merkte, wie mein Herz immer schneller schlug. Meine Hände fingen leicht an zu zittern, als ich die Seite umblätterte. Doch auf der nächsten Seite stand nur ein kurzer Satz:
«Du wirst heute Abend zum Strandfest gehen.»
Ich schaute auf diesen Satz. Die Eltern von Louis organisierten jedes Jahr ein Strandfest, bei dem alle aus der Strasse kamen. Da wird getanzt, gesungen, einfach den Abend genossen. Jedoch wusste Louis noch gar nicht, dass ich die nächsten drei Wochen hier sein werde. Wir sahen uns jedes Jahr, wenn unsere Familien hier gemeinsam Urlaub machten. Aber ich habe ihm noch nicht Bescheid gesagt und ich wusste auch nicht, dass heute schon das Strandfest war. Woher weiss also das Buch, dass ich da heute hingehen werde?
Gerade in dieser Sekunde, vibrierte mein Handy. Es war Louis.
«Hey, du hast mir gar nicht gesagt, dass ihr wieder da seid!» Jetzt fühlte ich mich schuldig, wir sind schon seit mehr als fünfzehn Jahre befreundet und ich habe ihm nicht einmal gesagt, dass wir wieder da sind, weil ich lieber kurz zum Strand wollte.
Da kam schon die nächste Nachricht:
«Kommst du heute Abend auch zum Strandfest?» Ich musste kurz lachen, vielleicht ist das alles nur ein Zufall. Ich schrieb ihm zurück, dass ich auch dort sein werde.
Als die Sonne langsam verschwand, machte ich mich auf den Weg Richtung Strand. Schon von weitem sah man die leuchtenden Lichterketten, welche von Palme zu Palme hingen. Man merkte, dass sie sich sehr viel Mühe gegeben haben, bei der Dekoration. Es war alles so liebevoll geschmückt, man fühlte sich direkt wie zuhause.
«Mara!» Rief mir Louis zu. Ich drehte mich um und sah ihn von weitem, wie er mir zu winkte. Wir redeten eine Weile, lachten und tauschten uns aus, was in der Zeit alles passierte, in der wir uns nicht gesehen haben. Ich tanze gerade zu meinem Lieblingslied und sang so laut, dass man mich richtig gut hörte. «Ich gehe kurz auf die Toilette» log ich, in Wahrheit wollte ich in meinem Tagebuch weiterlesen. Ich schlug es auf und suchte die nächste Seite.
«Du bist gerade am Strand, geniesst die Musik, tanzt mit deinen Freunden und hast einen wunderschönen Abend. Um dich herum sind lachende Menschen und gerade läuft dein Lieblingslied. Du denkst alles ist normal. Doch das täuscht nur.»
Ich kann das nicht mehr, woher weiss das Buch jeden Schritt, den ich mache. Alles ist genauso passiert, wie es in diesem Buch steht. Wie kann das sein? Eine Zeile weiter stand nur: «Pass auf dich auf!» Das alles hier, macht mir langsam Angst.
Zurück bei den anderen, verhielt ich mich normal.
Da schrie jemand aus der Gruppe: «Kommt jemand mit Schwimmen»? Um diese Uhrzeit ins Meer, ist das wirklich eine gute Idee? Ich dachte nicht viel nach und stimmte zu. Ich legte meine Tasche sowie meine Kleider in der Bar hin, und lief barfuss über den kalten Sandboden. Das Wasser war deutlich kälter als ich es erwartet hatte, trotzdem immer noch warm genug, um eine Runde schwimmen zu gehen. Langsam gingen wir weiter hinein und liessen uns auf den Wellen treiben. Die Musik vom Strand wurde immer leiser und ich konzentrierte mich nur noch auf mich und auf die Stille des Meeres. Ich schwamm noch ein paar Meter raus und drehte mich auf den Rücken. Über mir funkelten die Sterne und für einen Moment fühlte es sich an, als wäre alles perfekt.
Doch dann kam eine grössere Welle und ich schluckte viel Wasser. Ich versuchte kurz abzustehen, doch da merkte ich, dass der Sand unter meinen Füssen verschwand. Das Wasser wurde tiefer und das Meer zog mich immer weiter hinaus.
«Mara!» Ich hörte wie Louis mir zu rief. Doch da traf mich schon die nächste grosse Welle und ich schluckte noch mehr Wasser als beim ersten Mal. Ich wurde von Sekunde zu Sekunde schwächer. Auch die stimmen der Menschen wurden immer leiser und ich liess mich einfach treiben.
Dann wurde alles Still.
Ich wachte in meinem Bett auf und sah wie Louis an meiner Bettkannte sass und mich beobachte. Er erklärte mir, dass er mich gerettet hat und hierhergebracht hat. Ich sprang auf und suchte mein Tagebuch. Ich nahm es in die Hände und öffnete die nächste Seite.
«Du wirst merken, dass Louis nicht nur ein guter Freund ist… »
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