"Die Sammlerin der verlorenen Geräusche" - Eine Geschichte von Ashvitha Sathiyaseelan - Young Circle

«Die Sammlerin der verlorenen Geräusche» – Eine Geschichte von Ashvitha Sathiyaseelan

Member Stories 2026

«Die Sammlerin der verlorenen Geräusche» – Eine Geschichte von Ashvitha Sathiyaseelan

Als die Welt eines Morgens plötzlich still wurde, bemerkte eine junge Frau, dass kleine Geräusche mehr erzählen, als man denkt und das Zuhören eine Kraft ist, die sie nicht erwartet hatte.

An dem Morgen, an dem die Welt still wurde, wachte ich von einem Geräusch auf, das gar keines war. Kein Vogel sang. Kein Auto fuhr vorbei. Nicht einmal das Lachen der Kinder, das sonst jeden Morgen durch unsere Straße wehte, war zu hören. Nur ein leises Summen vibrierte irgendwo in meinem Kopf. Zuerst dachte ich, ich träumte noch. Ich hielt den Atem an und wartete darauf, dass ein Vogel zwitschert oder irgendwo eine Tür zuschlägt.

Aber nichts passierte.

Die Stille blieb.

Mit einem mulmigen Gefühl stand ich auf und öffnete die Haustür. Die Straße sah aus wie immer. Die Sonne spiegelte sich in den Pfützen vom Regen der Nacht. Der Asphalt glänzte matt, als hätte jemand ihn frisch gewaschen. Menschen gingen vorbei. Ihre Lippen bewegten sich. Doch ich hörte nichts. Meine Schritte hallten laut auf dem Gehweg, viel zu laut für einen gewöhnlichen Morgen.

„Hallo?“ rief ich vorsichtig. Meine Stimme fühlte sich seltsam fremd an. Die Stille antwortete nicht. Plötzlich fragte ich mich, ob vielleicht etwas mit mir nicht stimmte. Zu Hause erzählte ich meiner Mutter davon. Sie blickte kurz von ihrer Zeitung auf.

„Alles normal, Liebling“, sagte sie und nahm einen Schluck Kaffee. Aber ihr Lachen klang für mich genauso lautlos wie alles andere. Ein kalter Gedanke schlich sich in meinen Kopf. Was, wenn ich die Einzige war, die nichts mehr hörte? Ich konnte den Gedanken nicht ertragen. Also ging ich wieder hinaus. Diesmal blieb ich stehen und zwang mich, ganz ruhig zu werden. Und dann hörte ich es. Ein Rascheln hinter einer Mülltonne. Ein leises Miauen auf einem Dach. Das entfernte Kichern von Kindern irgendwo zwischen den Häusern. Es waren winzige Geräusche. So leise, dass ich sie früher wahrscheinlich nie bemerkt hätte. Ich begann ihnen zu folgen. Ein altes Fahrrad klapperte leicht im Wind. Eine Straßenlaterne summte, als würde sie mir etwas zuflüstern. Schritt für Schritt führten mich diese kleinen Geräusche durch die stillen Straßen. Je weiter ich ging, desto stärker wurde das Summen in meinem Kopf. Schließlich kam ich zu einem alten Haus. Hinter dem Haus stand eine Bank. Dort saß eine Frau. Zuerst sah ich nur das Licht. Dünne, schimmernde Strahlen schwebten zwischen ihren Fingern in der Luft. Sie summten leise, und in ihnen tanzten kleine Funken, wie Erinnerungen.

Erst dann bemerkte ich die Frau selbst. Ihre Augen waren geschlossen. „Wer bist du?“ fragte ich leise. Die Frau öffnete langsam die Augen. Ihr Blick war ruhig, als hätte sie schon lange auf mich gewartet. „Ich sammle“, sagte sie, „was die Menschen verlieren.“ Ich runzelte die Stirn. „Was verlieren sie?“ Sie hob eine Hand, und ein kleiner Lichtfunke schwebte zwischen uns. „Geräusche.“ Ich sah auf die stille Straße. „Warum ist alles so ruhig?“ Die Frau antwortete nicht sofort. „Sag mir“, fragte sie stattdessen, „wann hast du das letzte Mal wirklich zugehört?“ Ich wusste keine Antwort. Die Frau lächelte schwach. „Die Welt ist voller Geräusche“, sagte sie schließlich. „Aber wenn Menschen aufhören zuzuhören, verschwinden sie langsam.“ Der Gedanke ließ mich frösteln. Ich setzte mich neben sie. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich wirklich hin. Das Summen der Laterne. Das Knarren der Bank. Das Rascheln einer Zeitung aus einem Café. Das Quietschen einer Schaukel auf dem Spielplatz. Mit jedem Geräusch wurde das Summen in meinem Kopf wärmer, fast wie ein Herzschlag. „Kann ich helfen?“ fragte ich leise. Die Frau sah mich lange an. Dann nickte sie. Also lauschte ich weiter. Ich hörte Schritte auf einer Brücke. Das leise Gespräch eines Paares. Der Flügelschlag eines Vogels. Und langsam begann die Stadt wieder zu atmen. Ein Hund bellte. Kinder lachten. Eine Katze sprang vom Dach und verschwand in einer Gasse. Die Geräusche breiteten sich aus wie Wellen im Wasser. Als ich mich schließlich wieder zu der Frau umdrehte, war die Bank leer. Nur das leise Summen lag noch in der Luft. Als ich später nach Hause ging, wirkte alles heller. Menschen redeten wieder. Sie lachten, flüsterten, stritten. Ein Mann summte leise ein Lied. Eine Mutter erzählte ihrem Kind eine Geschichte. Vielleicht war alles nur Einbildung. Vielleicht auch nicht. In meinem Zimmer entdeckte ich einen kleinen Zettel auf meinem Schreibtisch. Ich war sicher, dass er vorher nicht dort gelegen hatte. Darauf stand in zittriger Schrift:        

Nächster Besuch: unbekannt.                                                                                   

Seit diesem Tag höre ich genauer hin. Denn manchmal, wenn die Welt plötzlich still wird, spüre ich dieses Summen wieder.

Dann weiß ich:

Die Geräusche sind nicht verschwunden.

Sie warten nur darauf, dass jemand zuhört.
                                     

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