«Kollegin Skyler, der Verdächtige befindet sich im Zimmer zwei», teilte mir der schlaksige Polizist mit den blonden Haaren mit. Ich schenkte ihm ein kurzes Lächeln und antwortete: «Vielen Dank, Kollege Tomson. Haben Sie die Akte dabei?»
«Ja», antwortete der junge Polizist und reichte mir eine Mappe. Um sicherzugehen, dass es die richtige Akte war, warf ich einen Blick hinein und las den Namen auf dem ersten Blatt: Asher Loyd. Ich nickte Tomson zu und bedankte mich, dann machte ich mich auf dem Weg zum Zimmer Nummer zwei.
Man hatte mir den Fall zugeteilt, weil feststand, dass die Wolfgang involviert war und ich hier auf dem Polizeiposten die Einzige war, die sich zutraute, gegen diese berüchtigte Bande zu ermitteln. Als ich zum letzten Mal einen solchen Fall übernommen hatte, war es mir sogar gelungen, einen der Wolfwandler zu fangen.
Sobald ich eingetreten war, fiel mein Blick auf den jungen Mann mit den hellbraunen, verstrubbelten Haaren, der auf einem alten Holzstuhl sass. Er sah mich nicht an, so als hätte er gar nicht bemerkt, dass ich da war. Während ich mich setzte, musterte ich ihn kritisch.
Er ist schuldig, schoss es mir durch den Kopf. Es war nicht bloss ein Gefühl, ich war mir ganz sicher. Das passierte mir häufiger, wenn ich jemanden verhörte. Ich wusste nicht, was es war, doch bis jetzt hatte ich mit diesen Vermutungen nie falschgelegen. Aber diese Eingebung allein reichte nicht, ich musste es beweisen können.
Nachdenklich beobachtete ich ihn dabei, wie er den Holzstuhl auf die hinteren Beine schaukelte. Langsam öffnete ich die Mappe, die ich vor mir auf den Tisch gelegt hatte und überlegte, wie ich ihn überführen konnte.
«Gibst du zu, zu der Wolfgang zu gehören und im Industriegebiet ein Feuer gelegt zu haben?», konfrontierte ich ihn. Wie ich es erwartet hatte, antwortete er gelangweilt und ohne mich anzusehen: «Nein.»
«Weshalb warst du dann am Tatort?», gab ich ihm erneut eine Möglichkeit, zu gestehen. Doch er schien kein Interesse daran zu haben, mir die Wahrheit zu sagen, denn er brummte: «Ich war zufällig in der Gegend.»
Dann musste ich wohl etwas anderes ausprobieren. Forschend sah ich den jungen Mann an, der immer noch mit seinem Stuhl schaukelte und mich gekonnt ignorierte. Seine blauen Augen funkelten im schwachen Licht.
Wenn er wirklich zur Wolfgang gehörte, konnte ich davon ausgehen, dass ihm sein Rudel sehr viel bedeutete. Vermutlich würde er die anderen um jeden Preis beschützen. Ich hatte zwar noch nicht so viel mit diesen Wolfwandlern zu tun gehabt, doch ich wusste, dass sie grossen Wert auf Loyalität legten. Wenn es mir gelang, ihn glauben zu lassen, dass sein Rudel ihn verraten hatte, konnte ich ihn womöglich drankriegen.
Während ich seine Akte durchblätterte, nahm der Plan in meinem Kopf Gestalt an. In diesem Moment fand ich, was ich gesucht hatte: Die Kontaktliste, die meine Kollegen von seinem Handy hatten. Das war genau, was ich für meinen Plan brauchte. Schnell überflog ich die Liste seiner meistgenutzten Kontakte. Der Name ganz oben auf der Liste, musste wohl sein bester Freund sein. Wenn ich davon ausging, dass der junge Mann vor mir ein Wolfwandler war, dann war es sein bester Freund bestimmt auch. Denn die Mitglieder der Wolfgang vermieden Kontakt zu Menschen.
Also entschloss ich mich, einen Versuch zu wagen. In einem lässigen Ton meinte ich: «Nun, Asher Loyd, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass uns eine belastende Anschuldigung gegen Sie vorliegt. Eine Person, die behauptet, Sie gut zu kennen, gab zu, mit Ihnen zusammen dieses Feuer gelegt zu haben.»
Sobald ich die Worte ausgesprochen hatte, knallten die Vorderbeine seines Stuhls auf den Boden. Der Blick, den er mir aus seinen blauen Augen zuwarf, schien mich zu durchbohren. Ich blieb ruhig sitzen, auch wenn mein Instinkt mich warnte, dass dieser junge Mann nicht ungefährlich war.
«Wer?», knurrte er in diesem Moment. Einen Augenblick schwieg ich, unsicher, ob ich meinen Plan wirklich durchziehen sollte, doch dann überwand ich mich und antwortete möglichst gelassen: «Ein junger Mann, den wir etwas weiter vom Tatort entfernt festnahmen, weil er sich verdächtig verhielt. Als wir ihm sagten, dass seine Strafe weniger hart ausfallen würde, wenn er uns weitere Informationen geben konnte, nannte er uns Ihren Namen.»
«Sagen Sie mir, wie er heisst, sonst glaube ich Ihnen kein Wort!», zischte Asher Loyd, wobei ihm die Fassungslosigkeit und Wut förmlich ins Gesicht geschrieben waren. Ich sah ihm in die Augen und antwortete: «Sein Name ist Henry.»
Sofort sprang der junge Mann auf, wobei sein Stuhl nach hinten kippte und scheppernd am Boden aufschlug. Wütend rief er: «Wie konnte dieser Mistkerl mich bloss verraten! Wir sind ein Rudel und er hat sich genauso beteiligt wie ich! Es war sogar seine Idee! Warum liefert er mich einfach aus?!»
«Vielen Dank für Ihr Geständnis, würden Sie sich bitte wieder setzen?», fragte ich mit einem selbstgefälligen Lächeln. In diesem Moment blitzte etwas in den Augen des Wolfwandlers auf und er murmelte: «Ihr habt mich reingelegt, oder?»
«Ja, das habe ich. Henry wurde nicht gefasst, und hat auch keine Aussage gemacht. Aber ich werde mich darum kümmern, dass wir ihn ebenfalls kriegen. Schliesslich hatte er die Idee für die Brandstiftung», teilte ich ihm mit, klappte die Mappe zu und erhob mich von meinem Stuhl.
Gerade als ich die Tür erreichte, erklang die Stimme des jungen Mannes hinter mir: «Wartet! Bitte, sucht nicht nach meinem Freund. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass er festgenommen wird. Darf ich Ihnen einen Handel vorschlagen?»
Interessiert drehte ich mich zu ihm um, seine blauen Augen waren auf mich gerichtet und seine hellbraunen Haare glänzten im Licht. Mit einem Nicken bedeutete ich ihm, dass er weitersprechen sollte. Nach kurzem Zögern fuhr er fort: «Ich kann Euch zu Jackson, dem gefährlichsten Verbrecher der Stadt führen, wenn Ihr im Gegenzug Henry aus Euren Unterlagen streicht.»
Kurz zögerte ich, doch sein Angebot war zu verlockend. Denn was war schon ein einzelner Wolfwandler im Vergleich zum gefährlichsten Verbrecher der Stadt. Mit neuer Entschlossenheit meinte ich: «Gut, wo fangen wir an?»
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