Ich heiße Soraya, bin vierzehn Jahre alt und komme gerade vom Schwimmtraining nach Hause. Meine Muskeln brennen und meine Schritte hallen müde durch den Flur. Meine Eltern sind noch am arbeiten. Als ich die Tür zu meinem Zimmer schliesse, fühlt sich die Stille plötzlich ungewöhnlich an. Ich lasse mich aufs Bett fallen und starre an die Decke. Nur kurz die Augen schliessen, denke ich. Nur einen kurzen Moment.
Als ich sie wieder öffne, bin ich nicht mehr in meinem Zimmer.
Ich stehe mitten in einem Wald. Hohe komplett farbige Bäume ragen in den Himmel, ihr Blätterdach filtert das Licht in tausend grüne Schattierungen. Die Luft riecht nach Moos und feuchter Erde. Zwischen Farnen und unbekannten Pflanzen tanzen Sonnenstrahlen über den Boden. Alles wirkt friedlich – und doch seltsam lebendig, als würde der Wald mich beobachten.
Ein leises Rascheln. Bevor ich reagieren kann, spüre ich ein Gewicht auf meiner Schulter. Mein Atem stockt. Vorsichtig drehe ich den Kopf – und blicke in die goldenen Augen eines Falken. Sein
Gefieder schimmert im Licht. „Du musst keine Angst haben», sagt eine ruhige Stimme. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass es der Falke ist, der mit mir spricht. „Warum kann ich dich verstehen?», flüstere ich. Der Falke neigt leicht den Kopf. „Weil du bereit bist zuzuhören.» Seine Antwort ist geheimnisvoll und trotzdem völlig einleuchtend. „Ich will dir etwas zeigen, eine Botschaft. Du wirst sie erkennen, wenn du sie fühlst!» Bevor ich weiterfragen kann, fordert er mich auf, meine Arme auszubreiten. „Du musst deinem Gleichgewicht vertrauen aber vor allem dir selbst.» Mein Gehirn schreit „unmöglich, Menschen können nicht fliegen. Ich werde fallen!“. Doch der Falke unterbricht mein Kopfkino „Vertrauen bedeutet nicht, keine Angst zu haben, es bedeutet trotz der Angst zu springen.» Ich atme tief ein. Vor mir ragt eine riesige Klippe, die mit farbigen Pflanzen überwuchert ist. Dann schließe ich kurz die Augen – und lasse los.
Im nächsten Moment trägt mich der Wind über die Klippe. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmt mich. Freiheit. Leichtigkeit. Stärke. Ich lache, erst unsicher, dann voller Freude.Vor uns erscheint ein gewaltiger Regenbogen. Seine Farben leuchten intensiver als alles, was ich je gesehen habe – Rot wie Mut, Orange wie Neugierde, Gelb wie Freude, Grün wie Hoffnung, Blau wie Vertrauen, Violett wie Kreativität. Plötzlich taucht vor meinem inneren Auge eine Szene auf und ich vergesse das wunderbare Gefühl für einen Moment: Ich sitzte an meinem Pult und höre, wie jemand aus meiner Klasse schon wieder einen blöden Spruch über meine Sitznachbarin macht. Ich sage nichts und hasse mich dafür… Ich will nicht mehr die Stille in der Ecke sein und mitlachen, damit ich nicht auffalle.
Ich will mutig sein, für mich und andere einstehen und mich von Nichts und Niemandem runtermachen lassen. Das werde ich auch!
Die Szene verblasst und somit auch diese perfekte Welt.
Als ich meine Augen öffne, starrt mich meine Zimmerdecke an. Sonnenstrahlen scheinen in mein Zimmer und berühren mein Gesicht. Ich verstehe, dass das alles nur ein Traum war. Und doch hat er etwas mit mir gemacht, denn… heute in der Schule werde ich meine Vorsätze umsetzen.
Als ein Mitschüler aus meiner Klasse wieder mal einen jüngeren Jungen beleidigt, schaue ich nicht zu, sondern stehe auf und verteidige den Jungen. Ich bin überrascht, meine Stimme zittert nicht, sondern hallt laut und stark durch den Raum.
Hier geht’s zu den weiteren Member Stories: