"Die Flucht" - Eine Geschichte von Aurelia Abegg - Young Circle

«Die Flucht» – Eine Geschichte von Aurelia Abegg

Member Stories 2026

«Die Flucht» – Eine Geschichte von Aurelia Abegg

Als Iolani und ihre Freunde plötzlich entdeckt werden, bleibt ihnen nur eine einzige Möglichkeit: fliehen. Durch dichten Wald gejagt, müssen sie alles riskieren, um ihren Verfolgern zu entkommen. Doch als der Weg sie zu einer gefährlichen Schlucht führt, entscheidet sich, ob sie wirklich entkommen können.

“Sie haben uns gefunden!“, schrie meine beste Freundin Glen. Ich schreckte hoch und fiel dabei fast über den Couchtisch. “Wo sind sie gerade?“, fragte Trent gestresst. “Ich habe sie in den Wald gehen sehen, also haben wir noch etwas Zeit”, antwortete Glen. “Packt eure wichtigsten Sachen zusammen, wir müssen fliehen!“, wies Trent uns an, “Ich kümmere mich um Koa.”

So schnell ich konnte stopfte ich ein paar Kleidungsstücke in meinen Rucksack, dann eilte ich zur Küche. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich seine Maximalkapazität schon weit überschritten hatte, doch ich warf trotzdem noch eine Tafel Schokolade rein.

Fünf Minuten später standen wir alle im Wohnzimmer. Wir – Glen, Trent, Koa und ich, Iolani. “Wo gehen wir jetzt hin?“, fragte Koa. “Erstmal weg, dann sehen wir weiter.” Und so taten wir es. Mit einem letzten Blick auf unser altes Zuhause gingen wir aus der Tür. Dichter Wald empfing uns, wer noch nie hier gewesen war, hätte sich wahrscheinlich hoffnungslos verlaufen, doch wir wussten, wohin. Alles verlief ruhig, bis wir nach etwa einer halben Stunde Fussmarsch ein Geräusch hörten. Wie eingefroren standen wir da. Trent legte seinen Finger auf die Lippen, als ob wir nicht schon selbst gemerkt hätten, dass wir besser kein Geräusch machen sollten. Und da, für einen Bruchteil eines Augenblicks sah ich sie. Auf schwarzen Motorrädern rasten sie durch die unberührte Natur, genau auf uns zu. “Iolani, was ist los?“, zischte Glen. Stumm zeigte ich auf unsere Verfolger. “Da”, hauchte ich. Nun schien Koa sie auch gesehen haben, seine Kinderaugen weiteten sich. “Was machen wir jetzt? Wir können die niemals abhängen.”

“Etwas weiter vorne ist doch die Schlucht. Ich weiss, es klingt etwas wahnwitzig, aber es gibt doch diesen alten Baumstamm, der rüberführt. Wenn wir schnell genug sind, schaffen wir es vielleicht noch”, schlug Glen vor. Trent verzog das Gesicht. “Ich bin zwar kein Fan der Idee, aber eine andere Option haben wir nicht, oder?” So schnell es ging schlichen wir durch das Unterholz. Plötzlich hörten wir einen Motor aufheulen. Wie auf Kommando gaben wir alle Vorsicht auf und begannen zu sprinten. Zweige schlugen mir ins Gesicht, ich stolperte über Wurzeln, doch irgendwann kam ich keuchend an der Schlucht an. Ein Fluss führte hindurch, sein lautes Rauschen übertönte Trent fast, als er rief: “Wer geht zuerst?” “Ich”, antwortete ich aus einem wagemutigen Impuls heraus. “Nun dann, Iolani’s first”, sagte Glen und wies zum Baumstamm. Besagter war von Moos bedeckt, welches vom Regen letzte Nacht noch feucht war. Wenigstens war der restliche Stamm trocken, doch umso genauer ich hinschaute, umso mehr fielen mir die Wurmlöcher und morschen Stellen auf. Ich schüttelte den Kopf. Angst brachte nichts. Ich setzte meinen Fuss auf das Holz und begann schwankend, zu laufen. Unter mir tobte der Fluss. Täuschte ich mich, oder war das Wasser höher als sonst? Nein, nein, das bildest du dir nur ein. Und dann geschah es. Wie in Zeitlupe sah ich den Baumstamm auf der anderen Seite langsam abrutschen, bis er unter mir wegkippte. Ich sah ihn fallen, bis die Strömung ihn verschluckte. Aber warte, dachte ich, wenn der Baumstamm weg ist, worauf stehe ich dann? Und ich wurde wieder in der Realität katapultiert. Meine Haare peitschten mir ins Gesicht, die Wasseroberfläche kam immer näher. Da tauchte ich ein und für einen Moment war es ruhig. Die Schwerkraft liess nach, ich schien zu schweben. Ich fühlte etwas neben mir einschlagen, ich wandte den Kopf und sah Glen, Koa und Trent, die wohl in den Fluss gesprungen waren. Dann durchbrach ich die Oberfläche.

Die Strömung riss mich hin und her, ich schnappte nach Luft. Zusätzlich wurde ich gegen einen Felsen geschleudert, ein dumpfer Schmerz machte sich in meinen Rippen breit. “Iolani! Nimm meine Hand!“, hörte ich Trents Stimme. Er hielt sich an einem Felsen fest, der nur wenige Meter von einer Sandbank entfernt war. Glen war ebenfalls bei ihm. Ich ergriff die ausgestreckte Hand und Trent zog mich zum Felsen. “Wo ist Koa?“, schrie er. Ich sah mich um. Zuerst sah ich nur Wasser, dann erblickte ich den kleinen Kopf, der immer weiter von uns wegtrieb. Ohne lange zu überlegen warf ich mich zurück in die Strömung. Nach wenigen Zügen war ich bei ihm. Jetzt kam der Rückweg. Ich strampelte mit den Beinen, doch wir schienen nicht voranzukommen. Plötzlich berührte mich etwas an der Schulter. Es war ein Ast, den Glen, die offenbar zu Sandbank geschwommen war, mir reichte. Ich packte ihn und sie und Trent zogen mich und Koa zur Sandbank. Ich wollte einfach nur schlafen, aber unsere Verfolger liessen uns keine Pause. Sie standen mit ihren Motorrädern oben an der Schlucht und sahen auf uns herab. Egal, was wir taten, sie sahen uns und würden uns folgen. Wir mussten irgendwie auf die andere Seite kommen, denn kämpfen war keine Option. Ich schaute den Fluss hoch und hinunter. Da fiel mir eine Stelle im Wasser auf, an dem es nicht ganz so hoch zu sein schien. Wenn wir es schaffen würden, dahin zu kommen, könnten wir so den Fluss überqueren und auf der anderen Seite die Schlucht hochklettern. “Trent!“, wollte ich ihn darauf aufmerksam machen, doch er hatte es auch schon gesehen. Er informierte die anderen über unseren Plan, ohne Zeit zu verlieren warfen wir uns ins eisige Wasser. Weil wir mit der Strömung schwammen, hatten wir die Stelle nach kurzer Zeit erreicht. Als wir den Fluss überquert hatten, kam der schwierige Teil. Das Hochklettern. Ich ging zuerst. Ich habe meine ganze Kindheit damit verbracht, auf Bäume zu klettern, wird wohl nicht so schwierig sein. Ich irrte mich. Nach wenigen Metern brannten meine Muskeln wie Feuer, bei jedem Zug hatte ich Angst, hinunterzufallen und die anderen mit mir zu reissen. Immer wieder lösten sich Steine unter meinen Füssen. Doch unter den feinseligen Augen unserer Verfolger zogen wir uns schlussendlich über die Kante. Nun waren wir sicher. Vorerst…



                                

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