Als Morgana erwachte, fühlte es sich an, als hätte jemand beschlossen, jeden einzelnen Knochen ihres Körpers zu zählen – und dabei besonders gründlich zu sein.
Für einen Moment blieb sie einfach liegen und starrte zur dunklen Decke über ihr, während der Schmerz langsam durch ihre Glieder wanderte und sie gleichzeitig feststellte, dass ihre Handgelenke kalt waren.
Kalt und schwer.
Metall.
Sie hob leicht den Kopf.
„Ah“, murmelte sie trocken. „Das erklärt einiges.“
Der Raum war rund, aus schwarzem Stein gebaut und so alt, dass selbst eine Fee Schwierigkeiten gehabt hätte zu sagen, wie lange er schon existierte. Entlang der Mauern standen Grabsteine – ein halbes Dutzend, vielleicht mehr – deren Namen so stark verwittert waren, dass sie eher wie vergessene Erinnerungen als wie echte Inschriften wirkten.
Und an einen dieser Grabsteine war Morgana angekettet.
Sie zog einmal testweise an den Fesseln.
Die Ketten reagierten nicht einmal mit Höflichkeit.
„Das ist unpraktisch“, stellte sie fest.
Dann hörte sie Schritte.
Langsam.
Ruhig.
Die Art von Schritten, die jemand machte, der wusste, dass niemand in diesem Raum ihm entkommen konnte.
Morgana lächelte leicht.
„Du weisst“, sagte sie in den Schatten hinein, „die meisten Leute bringen wenigstens Wein mit, wenn sie jemanden entführen.“
Die Schritte hielten kurz inne.
Dann trat eine Gestalt ins Licht.
Der Mann war gross, schlank und bewegte sich mit einer Art ruhiger Selbstsicherheit, die Morgana sofort verriet, dass er entweder sehr gefährlich oder sehr überzeugt von sich selbst war – und sie hatte im Laufe ihres langen Lebens gelernt, dass diese beiden Eigenschaften erstaunlich oft zusammen auftraten.
Sein Mantel war dunkel, fast schwarz, und mit silbernen Linien bestickt, die im schwachen Licht wie Sternbilder schimmerten.
Seine Augen waren ungewöhnlich hell.
Wintergrau.
Klar.
Und sehr wachsam.
„Du bist also wach“, sagte er.
Morgana musterte ihn einen Moment.
Dann seufzte sie.
„Zayren.“
Der Mann zog eine Augenbraue hoch.
„Ich bin überrascht, dass du meinen Namen kennst.“
„Bitte“, sagte Morgana und lehnte sich gegen den Grabstein hinter sich. „In den letzten Jahren ist es erstaunlich schwierig geworden, dich nicht zu kennen. Der Mann, der Herzen aus Menschen herauszieht und sie in Glasflaschen aufbewahrt, entwickelt zwangsläufig einen gewissen Ruf.“
Zayrens Blick wanderte zu den Ketten.
„Du wirkst erstaunlich entspannt für jemanden, der gefangen ist.“
Morgana zuckte leicht mit den Schultern.
„Ich war schon in schlechteren Situationen.“
„Zum Beispiel?“
Sie überlegte kurz.
„Einmal wurde ich von einem Drachen verschluckt.“
Zayren blinzelte.
„Und?“
„Es war überraschend eng.“
Ein sehr kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Dann griff er in seinen Mantel.
Als seine Hand wieder auftauchte, hielt sie eine kleine Glasflasche.
Darin pulsierte ein goldenes Licht.
Morgana richtete sich ein wenig auf.
„Oh.“
Ihre Stimme war plötzlich deutlich interessierter.
„Das ist neu.“
Zayren drehte die Flasche langsam zwischen seinen Fingern.
„Du erkennst es.“
„Natürlich.“
Das Licht darin bewegte sich sanft.
Wie ein Herzschlag.
Zayren beobachtete sie genau.
„Ich habe lange gebraucht, um dieses Herz zu finden.“
Morgana lehnte den Kopf leicht zur Seite.
„Hast du?“
„Fünf Jahre.“
Die Stille im Raum wurde plötzlich dichter.
„Vor fünf Jahren“, fuhr Zayren fort, „verschwand eine Fee aus dem Silberwald von Aeltherin.“
Morgana lächelte schwach.
„Das klingt nach mir.“
„Sie war bekannt dafür, Dinge zu stehlen, die ihr nicht gehörten.“
„Auch das klingt nach mir.“
Sein Blick fiel wieder auf die Flasche.
„Und ihr Herz wurde nie gefunden.“
Morgana betrachtete das Licht darin einen Moment lang.
Dann sah sie wieder zu ihm auf.
„Du hast also wirklich geglaubt, ich hätte es verloren.“
Zayrens Stimme wurde etwas ruhiger.
„Du hast es jemandem gegeben.“
„Das stimmt.“
„Warum?“
Morgana zuckte mit den Schultern.
„Neugier.“
Zayren runzelte leicht die Stirn.
„Du gibst dein Herz weg… aus Neugier.“
„Du würdest überrascht sein, wie langweilig Unsterblichkeit manchmal sein kann.“
Zayren schwieg.
Dann hob er die Flasche etwas höher.
Das Licht darin begann stärker zu pulsieren.
„Dieses Herz reagiert auf dich.“
„Natürlich.“
„Warum?“
Morgana lächelte langsam.
Die Ketten an ihren Handgelenken klirrten leise, als sie sich ein wenig aufrichtete.
„Das ist eigentlich ganz einfach.“
Zayren wartete.
„Weil es meines ist.“
Die Flamme in der Flasche flackerte.
Für einen Moment sagte keiner von ihnen etwas.
Dann schüttelte Zayren langsam den Kopf.
„Das erklärt nicht alles.“
Morgana betrachtete ihn einen Moment lang, als würde sie überlegen, wie viel Wahrheit ein Mensch in einer einzigen Nacht verkraften konnte.
Dann lachte sie leise.
„Du hast all die Jahre Herzen gesammelt, Zayren“, sagte sie ruhig.
Seine Augen verengten sich leicht.
Morgana lehnte sich gegen den Grabstein, als wäre sie vollkommen entspannt.
Und dann sagte sie:
„Und trotzdem hast du nie bemerkt, dass ich der Grund war, warum sie überhaupt aufhörten zu schlagen.“
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