"Die ersten Amseln" - Eine Geschichte von Ria Louis - Young Circle

«Die ersten Amseln» – Eine Geschichte von Ria Louis

Member Stories 2026

«Die ersten Amseln» – Eine Geschichte von Ria Louis

Ich öffne das Fenster. Der Frühling nimmt Einzug. Die Sonne scheint in mein Gesicht und der Gesang der Vögel erfüllt das Wohnzimmer meiner Oma. Mit ihren klaren Stimmchen pfeifen die Amseln eigenartige und doch fröhliche Melodien. «Miriam?» ruft Oma. Ich soll zu ihr kommen, um ihr beim Packen zu helfen. Doch zuerst strecke ich meinen Kopf aus dem Fenster und atme die süsse Luft ein. Endlich wird es wieder wärmer. Ich schliesse das Fenster und gehe über den knarzenden Holzboden in die Küche.
Meine Oma hat Demenz. Sie selbst sagt, dass es sich anfühlt, als sitze eine Maus in ihrem Kopf, die an ihren Erinnerungen und Gedanken knabbert. Sie kann sich an vieles nicht mehr erinnern, doch meinen Namen vergisst sie nie. Das erfüllt mich jedes Mal mit Freude und auch mit ein wenig Stolz, dass ich so eine gute Beziehung zu ihr habe. Am liebsten machen wir kleine Ausflüge zusammen, wie heute, wir wollen zum See gehen.
In der Küche steht meine Oma vor dem offenen Kühlschrank. «Miriam, weisst du, wo die grüne Trinkflasche ist?» Lächelnd dreht sie sich um und schaut mich mit ihren warmen braunen Augen an. Ich lache, «definitiv nicht im Kühlschrank!». Oma lacht auch.
«Nein, was machst du denn da?!» ruft sie plötzlich aus, als ich die Flasche auffüllen will. Sie dreht den Wasserhahn zu und schaut sich verwirrt um. «Wo hab ich denn…», sagt sie und dreht sich wieder zu mir. «Nein!» ruft sie nochmals aus, «so geht das nicht, das Wasser können wir nicht trinken, das ist giftig!». Ein unangenehmes Gefühlt breitet sich in mir aus. Jetzt muss ich einfach ruhig bleiben und das tun, was Oma sagt. Sie ist ganz verwirrt und kann keinen richtigen Gedanken mehr fassen. Das kommt öfters vor und ist eigentlich ganz normal. Aber ich habe gehofft, dass wir heute losgehen können, ohne dass es ein Problem gibt. «Warum ist das Wasser denn giftig?» frage ich. «Jetzt muss ich die Medikamente nehmen.» sagt sie und geht davon. Ich entscheide mich dazu, das Wasser doch in die Flasche zu füllen, vermutlich hat sie diesen Gedanken schon längst wieder vergessen. Als ich das schwere Teil gerade in die Tasche packen will, kommt Oma wieder in die Küche. Sie bleibt einen Moment stehen und starrt mich einfach nur an. «Wollen wir…» beginne ich. «Halt!» ruft sie. «Was machen Sie mit der Flasche, ich habe doch gesagt: dieses Wasser nicht!». Das Blut weicht aus meinem Gesicht. «Oma ich…» versuche ich sie zu beruhigen, aber sie scheint nun wirklich nicht mehr bei Bewusstsein zu sein. «Wer sind Sie überhaupt?!!» ruft, ja fast schreit sie, «verschwinden Sie von hier!». Omas Gesicht ist zu einer schrecklichen Grimasse verzogen. Schnell flüchte ich aus der Küche ins Wohnzimmer. Oma kommt mir nicht nach.
Ein dumpfer Schmerz pflügt durch mein Herz und Tränen laufen über meine Wangen. So schlimm war es noch nie. Sie hat mich nicht mal mehr erkannt! Es tut mir weh, sie so zu sehen. Sie ist völlig gefangen in ihrer eigenen Vorstellung. Überwältigt lasse ich mich auf einen der weichen Sessel fallen und versinke in den Kissen. Meine Emotionen überwältigen mich fast. Ich weiss nicht, ob ich Angst haben soll. Diese Wut in ihren Augen. Hätte ich doch nur die Wasserflasche nicht aufgefüllt.
Oma war nicht immer so. Früher war sie sehr schlau, schon fast gerissen. Doch irgendwann ist es ihr immer schlechter gegangen. Jetzt überfällt mich die Trauer. Es ist, wie wenn meine richtige Oma weg wäre. Ich wusste, dass das passieren kann. Aber jetzt, heute, hätte ich nicht damit gerechnet. Das ist der Zahn der Zeit, denke ich, die Krankheit nimmt mir Oma weg. Die Hoffnung verlässt mich. Es kann nur noch schlimmer werden.

Plötzlich höre ich den alten Holzboden knarren. «Miriam?» höre ich leise Omas Stimme. Ich drehe mich zu ihr um. «Mach doch bitte das Fenster auf, die Amseln pfeifen so schön.» lächelt sie.

Ich öffne das Fenster. Der Frühling nimmt Einzug. Die Sonne scheint in mein Gesicht und der Gesang der Vögel erfüllt das Wohnzimmer meiner Oma. Mit ihren klaren Stimmchen pfeifen die Amseln eigenartige und doch fröhliche Melodien. «Miriam?» ruft Oma. Ich soll zu ihr kommen, um ihr beim Packen zu helfen. Doch zuerst strecke ich meinen Kopf aus dem Fenster und atme die süsse Luft ein. Endlich wird es wieder wärmer. Ich schliesse das Fenster und gehe über den knarzenden Holzboden in die Küche.

Meine Oma hat Demenz. Sie selbst sagt, dass es sich anfühlt, als sitze eine Maus in ihrem Kopf, die an ihren Erinnerungen und Gedanken knabbert. Sie kann sich an vieles nicht mehr erinnern, doch meinen Namen vergisst sie nie. Das erfüllt mich jedes Mal mit Freude und auch mit ein wenig Stolz, dass ich so eine gute Beziehung zu ihr habe. Am liebsten machen wir kleine Ausflüge zusammen, wie heute, wir wollen zum See gehen.

In der Küche steht meine Oma vor dem offenen Kühlschrank. «Miriam, weisst du, wo die grüne Trinkflasche ist?» Lächelnd dreht sie sich um und schaut mich mit ihren warmen braunen Augen an. Ich lache, «definitiv nicht im Kühlschrank!». Oma lacht auch.

«Nein, was machst du denn da?!» ruft sie plötzlich aus, als ich die Flasche auffüllen will. Sie dreht den Wasserhahn zu und schaut sich verwirrt um. «Wo hab ich denn…», sagt sie und dreht sich wieder zu mir. «Nein!» ruft sie nochmals aus, «so geht das nicht, das Wasser können wir nicht trinken, das ist giftig!». Ein unangenehmes Gefühlt breitet sich in mir aus. Jetzt muss ich einfach ruhig bleiben und das tun, was Oma sagt. Sie ist ganz verwirrt und kann keinen richtigen Gedanken mehr fassen. Das kommt öfters vor und ist eigentlich ganz normal. Aber ich habe gehofft, dass wir heute losgehen können, ohne dass es ein Problem gibt. «Warum ist das Wasser denn giftig?» frage ich. «Jetzt muss ich die Medikamente nehmen.» sagt sie und geht davon. Ich entscheide mich dazu, das Wasser doch in die Flasche zu füllen, vermutlich hat sie diesen Gedanken schon längst wieder vergessen. Als ich das schwere Teil gerade in die Tasche packen will, kommt Oma wieder in die Küche. Sie bleibt einen Moment stehen und starrt mich einfach nur an. «Wollen wir…» beginne ich. «Halt!» ruft sie. «Was machen Sie mit der Flasche, ich habe doch gesagt: dieses Wasser nicht!». Das Blut weicht aus meinem Gesicht. «Oma ich…» versuche ich sie zu beruhigen, aber sie scheint nun wirklich nicht mehr bei Bewusstsein zu sein. «Wer sind Sie überhaupt?!!» ruft, ja fast schreit sie, «verschwinden Sie von hier!». Omas Gesicht ist zu einer schrecklichen Grimasse verzogen. Schnell flüchte ich aus der Küche ins Wohnzimmer. Oma kommt mir nicht nach.

Ein dumpfer Schmerz pflügt durch mein Herz und Tränen laufen über meine Wangen. So schlimm war es noch nie. Sie hat mich nicht mal mehr erkannt! Es tut mir weh, sie so zu sehen. Sie ist völlig gefangen in ihrer eigenen Vorstellung. Überwältigt lasse ich mich auf einen der weichen Sessel fallen und versinke in den Kissen. Meine Emotionen überwältigen mich fast. Ich weiss nicht, ob ich Angst haben soll. Diese Wut in ihren Augen. Hätte ich doch nur die Wasserflasche nicht aufgefüllt.

Oma war nicht immer so. Früher war sie sehr schlau, schon fast gerissen. Doch irgendwann ist es ihr immer schlechter gegangen. Jetzt überfällt mich die Trauer. Es ist, wie wenn meine richtige Oma weg wäre. Ich wusste, dass das passieren kann. Aber jetzt, heute, hätte ich nicht damit gerechnet. Das ist der Zahn der Zeit, denke ich, die Krankheit nimmt mir Oma weg. Die Hoffnung verlässt mich. Es kann nur noch schlimmer werden.

Plötzlich höre ich den alten Holzboden knarren. «Miriam?» höre ich leise Omas Stimme. Ich drehe mich zu ihr um. «Mach doch bitte das Fenster auf, die Amseln pfeifen so schön.» lächelt sie.


                                     

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