Es gibt eine Bibliothek, nur für die Götter. Diese Bibliothek ist von oben bis unten gefüllt mit Büchern. Dokumenten, Pergamenten. Bücher so dick wie ein Unterarm waren auf unendlich weiten Regalen aufgereiht. Natürlich gab es auch die dünnen Büchlein, die man unter einer Stunde lesen konnte. Und all diese Bücher befanden sich auf einer langen, langen Liste.
Der Bibliothekar dieser Bibliothek war ich – Hypnos, Gott des Schlafes. Ich habe den Job nur angenommen, weil ich Zeus verärgert hatte. Wieder einmal. Darin war ich gut. Um der Wut des Göttervaters zu entkommen, floh ich zu meiner Mutter Nyx und bat sie um Hilfe. Nyx führte mich zu dieser Bibliothek am westlichen Ende der Welt und sagte mir, ich solle ein wenig hier ausharren.
Genau das tat ich. Ich verbrachte viel Zeit mit schlafen. Die Bücher interessierten mich nicht. Was sollte ich schon mit Papier anfangen? Aber irgendeinmal wurde mir langweilig und ich begann zu lesen. Ich nahm einfach ein Buch aus dem Regal, schlug es auf und las es.
Nachdem ich mit dem Lesen fertig war, entschloss ich mich, doch ein wenig zu bleiben. Denn das Buch war gut und ich genoss es sehr. Je mehr Bücher ich las, desto mehr begriff ich.
Die Bibliothek war eine Sammlung der besten Geschichten, die es auf der Welt gab. Jedes Buch war perfekt. Sachbücher, Romane, Theaterstücke. Alle waren wundervoll.
Und so blieb ich einfach. Ich kümmerte mich um die Bücher. Niemand sonst kümmerte sich um sie, und so begann ich sie zu sortieren. Nach Themenbereichen und alphabethischer Reihenfolge. Ich arbeitete Wochen durch, ohne einmal die Augen zu schliessen und zu schlafen. Sehr untypisch für mich.
Meine erste Kundin war Athene, die Göttin der Weisheit und des Krieges. Sie wollte ausgerechnet einen Gedichtband ausleihen, was ich zwar komisch fand, aber nicht weiter hinterfragte.
Nach ihr folgten noch viele mehr. Zuerst waren es nur Götter aus Griechenland, doch schon bald sprach sich der Ruf der Bibliothek herum. Ich hatte das Privileg, mit vielen Unsterblichen zu sprechen, während sie Bücher abholten und wieder zurückbrachten. Unter ihnen waren Odin und Osiris, Merkur und Vishnu. Natürlich gab es noch hunderte mehr. Ich sprach gerne mit allen von ihnen.
Hinter der Bibliothek baute ich mir einen Garten und somit ein kleines Leben auf. Wer brauchte schon den ewigen Machtkampf der Götter, wenn man sich zwischen Büchern verlieren konnte?
Nur etwas störte mich. Ich konnte nie herausfinden, woher die Bücher kamen. Denn es wurden immer mehr. Ich führte Buch über die Bücher, und wenn ich zwischen den Regalen hindurch wanderte, fand ich immer wieder neue Titel. Manchmal auch ganze Regale, die sich langsam von selbst füllten.
Ich wollte unbedingt herausfinden, wer das war. Wer in mein kleines Reich einbrach und es weiter und weiter veränderte. Doch ich schaffte es einfach nicht, den Übeltäter zu erwischen. Nie war ich schnell genug, um den Schritten zu folgen, die ich hörte. Nie sah ich den Schatten, der um die Ecken huschte.
Irgendeinmal war ich so verzweifelt, dass ich mich einfach neben ein neu aufgetauchtes Regal setzte und wartete. Vielleicht nicht die beste Idee als der Gott des Schlafes, aber mir gingen die Ideen aus.
Wie durch ein Wunder gelang es mir, nicht einzuschlafen. Ich sass mit verschränkten Armen auf den Boden und wartete einfach. Und so traf ich endlich das Wesen, dass mir so viel schlaflose Nächte bereitet hatte – eines der schlimmsten Vergehen, die man gegen mich begehen konnte.
Es war ein Schatten, der sich zwischen den Regalen versteckte. Mir machte er jedoch keine Angst.
«Hab’ ich dich!», grinste ich.
Der Schatten lachte. «Ich entschuldige mich für meine heimliche Arbeitsweise.»
«Warum hast du es denn getan?», wollte ich wissen. «Und wie heisst du?», der Schatten trat aus der Dunkelheit, so dass ich ihn sehen konnte.
«Weil ich nicht stören will.», sagte der Schatten. «Das würde mir zutiefst missfallen.»
«Du bist Erebos.», sagte ich, als ich den Schatten erkannte. Erebos war die Verkörperung der Finsternis. Er blieb ein Schatten, auch wenn er aus der Dunkelheit kam.
«Richtig erkannt.», meinte Erebos. Er erzählte mir, warum er tat, was er tat. Die Bibliothek der Götter hatte früher ihm gehört. Er hatte seine Schätze darin gehortet. Schätze, die nun einmal Bücher waren. Irgendeinmal hatte Nyx ihn gefunden. Da es eine Schande gewesen wäre, seine Schätze niemanden preiszugeben, erzählte sie von der Bibliothek der Götter und lockte bald schon alle möglichen Kunden an, bis sie schliesslich mich schickte. Zuerst wollte er all die Störenfriede aufhalten, doch er schaffte es einfach nicht. Und schliesslich gab er es auf und akzeptierte die Veränderung.
«Ist das alles?», wollte ich wissen. Ich hatte mehr erwartet.
«Natürlich nicht.», meinte Erebos. «Ich sammle immer noch Bücher, wie du sehen kannst. Denn selbst die Unsterblichen müssen sich bilden. Schliesslich muss man bewahren, was an Weisheit noch übrig ist. Sonst verliert man es, wie in Alexandria. Und wenn die Götter ihre Weisheit verlieren, ist alles verloren.»
«Ich verstehe.», sagte ich und nickte langsam. Erebos hatte recht. Wissen galt es zu wahren und zu schützen. Ansonsten wäre alles verloren. «Aber warum beschenkst du so viele Unsterbliche? Du bist die immerhin die Finsternis. Du musst das nicht tun.»
«Die Dunkelheit hat einen schlechten Ruf.», meinte Erebos und schüttelte den Kopf enttäuscht. «So wie auch der Schlaf, kommt er zur falschen Zeit.»
«Also tust du es aus purer Freundlichkeit?», wollte ich verwirrt wissen.
«Aus Hingabe.», korrigierte Erebos. «Ich kann meine Sammlung an andere weitergeben und ihnen eine Freude bereiten. Es freut mich, dass andere diese Bücher ebenso wertschätzen, wie ich es tue.»
«Ich schätze diese Bücher sehr.», meinte ich leise.
«Ich weiss.», Erebos lächelte. «Was ich hingegen sehr schätze. Versprich mir, dass du auf meine Bücher aufpassen wirst.»
«Ich verspreche es.»
«Sehr gut. Unser Zyklus wird sich wiederholen. Du könntest mich auf ein Glas Nektar einladen.», schlug Erebos vor.
«Das könnte ich.», stimmte ich zu. «Wir sind Götter. Wir haben ewig Zeit.»
«Das haben wir.», Erebos’ Augen funkelten vorfreudig.
Und so verschwand Erebos so schnell, wie er aufgetaucht war, und liess nur ein neues Buch im Regal zurück.
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