"Die Begegnung im Zug" - Eine Geschichte von Sarina Ruoss - Young Circle

«Die Begegnung im Zug» – Eine Geschichte von Sarina Ruoss

Member Stories 2026

«Die Begegnung im Zug» – Eine Geschichte von Sarina Ruoss

Nach einem anstrengenden Tag freut sich Kim auf eine ruhige Zugfahrt nach Luzern. Doch ihr Laptop streikt genau dann, als sie die Zeit eigentlich zum Arbeiten nutzen wollte. Als plötzlich drei Fremde ihr Abteil betreten, ist ihre Ruhe endgültig vorbei. Einer von ihnen, Noah, scheint jedoch ein Talent für technische Probleme zu haben – und vielleicht hinterlässt die kurze Begegnung mehr Eindruck, als Kim erwartet hätte.

Kim ist genervt. Der Tag war lang und sie ist heilfroh, dass sie im Zug ein ruhiges Abteil gefunden hatte. Ihre Tante hat sie übers Wochenende zu sich ein geladen, deshalb fährt Kim mit den Voralpen Express in Richtung Luzern.

Als ob der Tag nicht schon genug anstrengend war, streikt jetzt auch noch ihr Laptop. Eigentlich wollte Kim diese Fahrt nutzen, um an ihrem Konzept zu arbeiten. Doch so wie es aussieht, kann sie sich das abschminken. Mit gerunzelter Stirn starrt sie auf das Fenster, dass beim Öffnen ihres Word-Dokuments erschienen ist: Aus Sicherheitsgründen kann ihr Dokument nicht geöffnet werden. Was denn für Sicherheitsgründe? Sie sollten für das Drama «Die Räuber» eine moderne Interpretation entwerfen und diese in einer Präsentation vorstellen. Kim hatte sich auf die Aufgabe gefreut. Mit neuen Ideen entwickeln hatte sie kein Problem. Doch ihr Laptop anscheinend schon.

Ihre Haare kratzen in ihrem Nacken. Wo ist nur dieser blöde Haargummi? Sie kramt vergeblich in ihrer Tasche, bis ihr auffällt, dass sie ihn die ganze Zeit um ihr Handgelenk trug. Hastig bindet Kim sich die schulterlangen Haare zusammen. Natürlich, passen nicht alle Haare in ihre Frisur und die vordersten Strähnen fallen ihr wieder ins Gesicht.

Energisch drückt sie auf der Tastatur herum. Ihr IT-Wissen hält sich in Grenzen, doch die wichtigsten Shortcuts hat sie mittlerweile doch ganz gut im Griff. Sie versucht es mit Neustarten, schliesst den Explorer mit ihren Dateien darauf und synchronisiert das Programm. Doch vergeblich.

Inzwischen hält der Zug in Biberbrugg und währenddessen der Zug in den Bahnhof einrollt, stellt Kim ihren Laptop auf das kleine Tischchen vor sich. Vielleicht hebt sich der Fehler ja wie aus Zauberhand wieder auf, wenn sie den Bildschirm nur lange genug mit ihrem Blick hypnotisierte.

Als die Türen aufgehen, strömen mindestens ein duzend Passagiere in den Zug und füllen die Abteile. Da bleibt eine junge Frau mit pink gefärbten Haaren neben Kims Abteil stehen. Sie hat zwei Typen im Schlepptau und ihre Augen wandern suchend über die freien Sitzplätze. «Ist hier noch frei?», fragt sie in Kims Richtung, als sie sah, dass die anderen Abteile voll sind. Kim nickt widerwillig, nimmt ihre Tasche vom Nachbarsitz und schiebt sie unter die Sitzbank. Na toll. Ausgerechnet die drei wollen sich in ihr Abteil setzen. Fairerweise muss man sagen, es ist nicht Kims Abteil, aber sie hätte es schon gerne für sich allein gehabt. Gedankenverloren zieht sie ihr Handy aus der Hosentasche und öffnet Instagram.

Ihr neuer Sitznachbar zieht gerade seine Jacke aus, als sein Arm ihren Ellenbogen trifft. Kims Handy fällt mit einem Scheppern zu Boden. Mit einem hörbaren Seufzen bückt sie sich und hebt das Handy vom verstaubten Boden auf. Kein Hick, kein Kratzer hat sich auf dem Display verewigt. Ein kaputtes Handy ist das Letzte, was Kim jetzt brauchen kann. «Oh, sorry. Das wollt ich nicht.», entschuldigt er sich. Kim zeigt ihm das Display. «Ist noch ganz», sagt sie und will sich wieder ihrem Feed zuwenden.

In diesem Moment fällt sein Blick auf Kims Bildschirm. «Probleme mit deinem Laptop?» fragt er sie und deutet mit dem Finger auf die aufgepoppte Fehlermeldung. «Wie? Ach so, ja kann man so sagen. Keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe.», entgegnet Kim genervt. Jetzt musste ihr dieser Typ auch noch unter die Nase reiben, dass ihr Laptop spinnt. Sie will sich einfach von diesem Tag entspannen und einen Kaffee trinken.

Offensichtlich interessiert er sich ungemein für die Fehlermeldung auf ihrem Laptop. «Darf ich mal was versuchen?», sagt er plötzlich und noch bevor Kim etwas entgegnen kann, hat er den Laptop auf seinem Schoss und beugt sich über den Bildschirm. Der Typ ist einen Kopf grösser als Kim und trägt seine Haare eher kurz. Eine seiner Augenbrauen sieht irgendwie falsch platziert aus. Jetzt schaltet sich die junge Frau mit den pinken Haaren ein und schaut Kim entschuldigend an. «Tut mir echt, leid. Noah kann sich nicht zurückhalten, wenn es um technische Probleme geht. Eigentlich ist er gar nicht so unhöflich.» sagt sie und zieht ihre roten Lippen nach. Kim kann nichts anderes tun, als zu nicken, und überlegt dabei, ob Rot und Pink wirklich so gut zusammenpassen. Sie ist perplex und überrumpelt von der ganzen Situation. Ein gutaussehender Typ mit einer schrägen Augenbraue löst gerade ihre Fehlermeldung in Luft auf, schräg gegenüber sitzt die schrille junge Frau mit pinken Haaren und der dritte im Bunde zockt lautstark an seinem Handy.

Kim schielt zu ihrem Sitznachbar hinüber, der immer noch konzentriert auf ihren Laptop starrt. «Und? Hast du äh… etwas gefunden?», fragt Kim vorsichtig. Ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, antwortet er: «Das Problem ist, dass du so viele Dateien gespeichert hast. Wenn ich dich wäre, würde ich mal ausmisten.»

Als der Zug schon fast stillsteht, zieht die Pinkhaarige an Noahs Arm und drängt: «Jetzt komm, wir müssen aussteigen.» Doch er ignoriert sie und gibt Kim stattdessen ihren Laptop zurück. «Äh, danke. Das ging aber schnell.», bedankt sie sich. Er schnappt seine Jacke und wendet sich zum Gehen. «Ich nehme Bezahlung auch in Kaffee.», sagt er noch, bevor er mit seinen Freunden den Zug verlässt. Kim schmunzelt.


                                     

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