"Dich, den ich nie kannte" - Eine Geschichte von Sakura Eckle - Young Circle

«Dich, den ich nie kannte» – Eine Geschichte von Sakura Eckle

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«Dich, den ich nie kannte» – Eine Geschichte von Sakura Eckle

Manche Begegnungen dauern nur Sekunden – und bleiben doch für immer. Ein Mädchen sieht jeden Dienstag und Freitag denselben Jungen im Bus, und zwischen Blicken und Lächeln entsteht eine stille Verbindung. Doch als sie ihn endlich kennenlernen möchte, ist es bereits zu spät.

Da war dieser Junge. Jeden Dienstag und Freitag sah ich ihn im 16:24 Uhr Bus. Er hatte schwarze Haare, strahlende Augen und trug meist einen Pullover mit grossen Schriftzügen. Ich würde sein Aussehen als attraktiv beschreiben. Aber das war es nicht, was mir so an ihm gefiel, es waren seine Blicke und das nette Lächeln, das er mir zuwarf, wenn sich unsere Blicke kreuzten. Jeden Dienstag hatte er ein Buch in der linken Hand und jeden Freitag trug er einen Sportsack bei sich.  Später fand ich heraus, dass er in einem Fechtclub war.

Da er immer an der gleichen Bushaltestelle zustieg, wusste ich auch bald, wo er ungefähr wohnte. An einem Mittwochnachmittag war ich sogar so weit gegangen und bin an seiner Bushaltestelle ausgestiegen und habe nach ihm ausschaugehalten. Sein Gesicht vor Augen streifte ich durch die Strassen und fragte mich bei jedem Haus, ob es wohl seines wäre. Der Himmel über mir war blau, die Temperatur weder zu warm noch zu kalt und die Luft roch angenehm frisch. Trotz des schönen Wetters begegnete ich keiner Menschenseele. Als sich meine Umgebung langsam in goldenes Licht färbte, merkte ich, wie lange ich schon durch die leeren Strassen streifte. Ich kehrte um und lief enttäuscht zurück. Angekommen bei der Bushaltestelle steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und suchte mir eine Playlist aus. Sobald die Musik in meinen Ohren erklang, hob ich meinen Kopf und sah zur gegenüberliegenden Bushaltestelle. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, die Zeit stehe still. Der Wind blies sanft, die Welt war in dieses schöne Licht getaucht und er stand an der anderen Bushaltestelle. Mein Herz raste und ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Er lächelte zurück und hob die Hand zum Gruss. Er bewegte die Lippen, schien etwas zu sagen, doch ich hörte ihn wegen meinen Kopfhörern nicht. Als er bemerkte, dass ich ihn nicht zu verstehen schien, ging er auf mich zu. Aber sobald er einen Fuss auf die Strasse gesetzt hatte, um sie zu überqueren, fuhr sein Bus ein. Gerade noch rechtzeitig zog er sein Bein ein. Entschuldigend lächelnd fuhr er mit dem Bus davon.

Zu spät hob ich die Hand zum Abschied.

In den nächsten Tagen ging mir dieser Junge nicht mehr aus meinem Kopf. Ich sah ihn überall, fragte mich, wie seine Stimme klang und nach was er roch. Frustriert fuhr ich mir durch die Haare. «Du machst mich noch verrückt!», murmelte ich. «Wie?», überrascht blickte eine Freundin von mir von ihrem Laptop auf. «Ach nichts», antwortete ich beschämt. Wie konnte ich nur vergessen, wo ich gerade mit wem war? «Ich wollte dir noch sagen, dass ich ab morgen mit dir auf den 16:24 Uhr Bus komme», sagte sie. Ich sollte mich eigentlich freuen, doch nicht einmal ein Lächeln konnte ich mir abringen.

So fuhren wir jeden Tag zusammen mit dem Bus. Auf seine Blicke und sein Grinsen antwortete ich nicht mehr. Es war mir zu peinlich geworden. Nach einigen Wochen hörte er vollkommen auf und blickte stattdessen immer aus dem Fenster. Es tat weh. Und ich bereute mein Verhalten zutiefst. So sehr, dass ich eines Abends, als ich mich im Bett hin und her wälzte, beschloss, ihn an seiner Bushaltestelle zu treffen, um mit ihm zu reden.

Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch…

Drei Wochen vergingen und ich sah ihn kein einziges Mal mehr. Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen und ich wurde immer besorgter, verzweifelter. In den nächsten zwei Wochen verbrachte ich jede freie Minute bei seiner Bushaltestelle, machte dort sogar meine Hausaufgaben. Ich wollte ihn unbedingt nochmals sehen.

Diesen Jungen mit den warmen, leuchtenden Augen.

Diesen Jungen mit den glatten rabenschwarzen Haaren.

Diesen Jungen mit dem Buch in der linken Hand, jeweils jeden Dienstag.

Diesen Jungen mit dem Sportsack an jedem Freitag.

Jener, der fechtet, den 16:24 Uhr Bus nimmt, Pullover mit Schriftzügen trägt und das schönste Lächeln hat.

Dieser Junge ist tot.

Ja, richtig gelesen. Dieser Junge ist tot.

Nach 5 Wochen des Wartens lief ich eines Tages an einer Gedenkstätte vorbei. Sein Gesicht lächelte mich von einem Foto, das hinterlegt worden war, an. Mein Herz sank und langsam näherte ich mich dem Bild. Mir war auf einmal kalt, so kalt. Mein Körper zitterte unkontrolliert. Sein Bild war umsäumt mit Sträussen, Kerzen und Briefen. Unter dem Bild stand ein Datum, das seines Todestages. Aber noch viel wichtiger war sein Name, der daneben Stand. Zum ersten und letzten Mal nahm ich ihn in meinen Mund. Sprach ihn laut aus. Er fühlte sich genau richtig an, jeden einzelnen Buchstaben liess ich wie Schokolade auf meiner Zunge zergehen. Was übrig blieb, war jedoch ein bitterer Geschmack.

Eine fremde Hand legte sich auf meine Schulter. «Kannten Sie ihn?», fragte mich die Person, zu der die Hand gehörte. Der Kloss in meinem Hals war mittlerweile so gross und schwer, dass es brannte. «Nein, das tat ich nicht», antwortete ich gepresst. Ein Schluchzer entwich mir und ich sank langsam vor seinem Bild zu Boden.

Ich wünschte, ich hätte dich kennengelernt.

Ich wünschte, wir hätten eine gemeinsame Zukunft gehabt.

Ich wünschte, ich hätte herausgefunden, wie du riechst und wie deine Stimme klingt.

Ich wünschte, ich könnte dich wieder im Bus sehen, unsere Blicke würden sich treffen und dann würden wir lächeln.

Ich wünschte, ich hätte gesehen, wie du fechtest und gehört, wie du mir erzählst, was du gerade liest.

Dich, den ich nie kannte.
                                     

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