"Der Wolf in mir" - Eine Geschichte von Jasmine Probst - Young Circle

«Der Wolf in mir» – Eine Geschichte von Jasmine Probst

Member Stories 2026

«Der Wolf in mir» – Eine Geschichte von Jasmine Probst

Manche Narben entstehen nicht sichtbar – sie wachsen leise in uns.
Diese Geschichte erzählt von einem Mädchen, das in einer schwierigen Kindheit Stärke lernen musste und dabei einen inneren „Wolf“ entwickelte.
Erst später erkennt sie: Der Wolf war nie ihr Feind, sondern ihr Schutz.

Ich erinnere mich nicht nur an Apfelkuchen.
Ich erinnere mich an das Haus.

Ein Haus mit dünnen Wänden.
Mit Worten, die durch Türen krochen.
Mit Sätzen wie:
„Du hast keine Wahl.“
„Du musst funktionieren.“
„Reiß dich zusammen.“

Manchmal roch es nach Zimt.
Manchmal nach kaltem Rauch.
Fast immer nach Spannung.

Ich lernte früh, dass man Gefühle falten kann.
Sauber.
Unsichtbar.
Wie Briefe, die nie abgeschickt werden.

Wenn ich sagte: „Mir geht es gut“,
meinte ich: Bitte hört auf zu fragen.
Wenn ich sagte: „Ist schon okay“,
meinte ich: Ich halte das schon aus.
Wenn ich schwieg,
meinte ich alles.

Ich wollte nicht die Jüngste sein, die man beschützt.
Nicht das Kind, das man übersieht.
Nicht das Problem, das man löst.
Ich wollte einfach nur gesehen werden –
ohne laut werden zu müssen.

Aber in diesem Haus war Lautstärke Macht.
Und Schweigen Überleben.

Also wurde ich still.
Still genug, um niemandem im Weg zu stehen.
Stark genug, um nicht zu zerbrechen.
Zumindest von außen.

Innen jedoch wuchs etwas.

Kein Schrei.
Kein Wort.
Ein Tier.

Es kam in Nächten, in denen ich dachte:
Vielleicht wäre es einfacher, einfach zu gehen.
Vielleicht wäre es ruhiger, nicht mehr hier zu sein.
Nicht mehr falsch.
Nicht mehr zu viel.
Nicht mehr nicht genug.

Doch ich blieb.

Wegen meiner Schwestern.
Wegen diesem letzten Rest Verantwortung.
Weil ich nicht wollte, dass sie lernen,
dass Gehen die einzige Lösung ist.

Also blieb ich –
und der Wolf blieb mit mir.

Er saß in meinem Zimmer, wenn ich schrieb.
Er lag unter meinem Bett, wenn ich weinte.
Er ging neben mir her, wenn ich Geburtstag hatte
und niemand wirklich da war.

Später sagten Menschen:
„Du wirkst so stark.“
„Du brauchst doch niemanden.“
„Du kommst alleine klar.“

Und ich nickte.
Natürlich kam ich klar.
Ich hatte es gelernt.

Ich lernte, Nähe auf Abstand zu halten.
Ich lernte, zu trinken, um Gedanken leiser zu drehen.
Ich lernte, zu rauchen, um etwas in der Hand zu haben,
wenn mir die Kontrolle entglitt.
Ich lernte, Wut nach innen zu falten,
bis sie sich gegen mich selbst richtete.

Manchmal fragte ich mich:
Bin ich böse?
Oder nur müde?

Gut oder schlecht.
Schwarz oder weiß.
Stark oder schwach.

Niemand sprach über das Dazwischen.

Ich wollte perfekt sein.
120 Prozent.
Immer besser.
Nie eine Last.
Nie das Problem.

Aber Perfektion ist ein Käfig ohne Tür.

Und der Wolf begann zu knurren.

Nicht gegen andere.
Gegen mich.

Er flüsterte:
Du bist nicht genug.
Du wirst wieder verlassen.
Vertrau niemandem.
Sie gehen sowieso.

Und ich glaubte ihm.

Bis ich merkte,
dass der Wolf nicht mein Feind war.

Er war geboren aus allem,
was ich nicht sagen durfte.
Aus jeder unterdrückten Träne.
Aus jedem „Nein“, das eigentlich „Ja, ich habe Angst“ bedeutete.
Aus jedem Geburtstag, an dem ich lächelte, obwohl ich zerfiel.

Er war nicht da, um mich zu zerstören.
Er war da, um mich zu schützen.

Doch Schutz kann einsam machen.

Eines Tages stand ich wieder in einer Küche.
Nicht mehr die alte.
Eine andere.
Der Geruch von Apfelkuchen stieg auf.

Und plötzlich verstand ich:

Ich muss nicht mehr lügen,
damit die Welt ruhig bleibt.
Ich muss nicht mehr funktionieren,
damit ich bleiben darf.
Ich muss nicht mehr stark sein,
um geliebt zu werden.

Ich kniete innerlich vor diesem Kind in mir
und fragte:
„Hast du Angst?“

Und diesmal sagte es:
„Ja.“

Die Welt brach nicht auseinander.

Die Wände fielen nicht ein.

Der Wolf hob den Kopf,
kam näher
und legte sich nicht mehr zwischen mich und die Welt –
sondern neben mich.

Vielleicht werde ich immer Narben tragen.
Vielleicht werde ich nie ganz ohne Misstrauen sein.
Vielleicht werde ich immer sensibel auf Stimmen reagieren,
die lauter werden.

Aber ich bin nicht mehr nur das Haus.
Nicht mehr nur die Angst.
Nicht mehr nur das Mädchen, das lügt,
um Frieden zu simulieren.

Ich bin auch die,
die geblieben ist.
Die geschrieben hat.
Die gefühlt hat.
Die trotz allem lieben konnte.

Und der Wolf?

Er geht noch immer mit mir.

Doch er bewacht nicht länger meine Mauern.

Er bewacht mein Herz.

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