"Der Wind der mich rief " - Eine Geschichte von Alessia Harisberger - Young Circle

«Der Wind der mich rief » – Eine Geschichte von Alessia Harisberger

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«Der Wind der mich rief » – Eine Geschichte von Alessia Harisberger

Als Liora mit ihrer Familie in das alte Haus ihrer verstorbenen Oma zieht, bemerkt sie schnell, dass mit dem Wald hinter dem Haus etwas nicht stimmt. Immer wenn sie sich ihm nähert, hört sie ein geheimnisvolles Wispern im Wind, das sie warnt. Als ihr kleiner Bruder Liam plötzlich in Gefahr gerät, erkennt Liora, dass der Wind mehr ist als nur ein Geräusch – vielleicht ist er der unsichtbare Beschützer, den ihre Oma ihnen hinterlassen hat.

Ich stand vor dem alten Haus von Oma Wilma. Das Haus war schief, das Dach war von Moos übersäht und wenn man die Veranda betrat, knarzten die alten Holzbretter, als wollten sie jeden Schritt kommentieren. Das Haus, das ich geerbt hatte, stand direkt am Waldrand.

 Ich bin Liora Müller und bin 13 Jahre alt. Meine Oma ist vor 2 Wochen gestorben und hat mir ihr Haus vermacht. Da unser Vermieter uns sowieso rausschmeissen wollte, haben wir das Erbe angenommen und sind nun in Oma Wilmas windschiefes Haus eingezogen. Wir, das sind mein Bruder Liam, meine Eltern und natürlich ich.

 Mama, Papa und Liam hatten gerade die restlichen Umzugskartons aus dem Auto geholt und kamen nun zu mir. « Alles okay, Liora?», fragte mein Papa. « Was? Ja klar. Komm, ich helfe euch», antwortete ich , nahm meinem Papa einen Karton ab und trug ihn ins Haus. Ein altbekannter Geruch stieg mir in die Nase. Es roch nach Kräutern und Holz. Ich ging weiter ins Wohnzimmer und stellte dort den Karton ab. « So, kann ich noch etwas helfen?», fragte ich. « Nein, Papa und ich werden jetzt beginnen einzuräumen aber Danke. Wenn du und Liam wollt, könnt ihr ein bisschen die Gegend erkunden?», schlug Mama vor. « Ja!», schrie Liam, der auch hereingekommen war. « Na gut, komm Liam», sagte ich und ging voraus zur Haustür. Mein kleiner Bruder hüpfte hinter mir her. Als wir draussen standen, fragte Liam: « Können wir in den Wald gehen?» Ich wollte gerade von mir aus antworten, als der Wind durch die Baumkronen rauschte und ich ein leises Wispern vernahm:  «Wald, Gefahr!», flüsterte es. Verdattert blieb ich stehen und sah mich um, konnte aber niemanden sehen. « Nein, komm Liam, wir gehen erst zum Bach», entschied ich etwas verwirrt. « Okay, aber später will ich in den Wald!», meinte Liam und hüpfte davon. Ich hingegen fragte mich, ob ich mir das Wispern nur eingebildet hatte, oder ob ich es wirklich gehört hatte. Da ich niemanden sehen konnte, kam ich zum Schluss, dass ich mir alles nur eingebildet hatte. Schnell lief ich Liam nach zum Bach.

Es war schon spät als Liam und ich nach Hause kamen. Wir waren den ganzen Nachmittag am Bach. Das  Wispern ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf. Müde aber glücklich fielen Liam und ich am Abend in unsere Betten. Die nächsten Tage verliefen ruhig. Liam und ich gingen morgens in die Schule und nachmittags erkundeten wir die Gegend. Nur eins war komisch, immer wenn ich oder meine Familie sich dem Wald näherten, hörte ich das Wispern wieder. Jedes einzelne mal wisperte es: «Nicht in den Wald… Gefahr!» Mittlerweile war ich mir sicher, dass ich es mir nicht nur einbildete. Es war fast so, als würde der Wind zu mir sprechen, denn immer, wenn ich das Wispern hörte, wehte auch ein starker Wind, und als das Wispern wieder verstummte, war alles wieder ruhig. Obwohl mir die ganze Sache nicht geheuer war, erzählte ich niemandem davon. Nicht einmal Liam erzählte ich davon. So vergingen weitere Tage. An einem Nachmittag war ich mit Liam allein, Mama war einkaufen und Papa arbeitete. Liam war nach draussen gegangen, um dort zu spielen. Ich sass auf Omas altem Schaukelstuhl und las ein Buch. Doch plötzlich heulte der Wind draussen auf. Fast so, als wollte er mich warnen. Ich trat vor die Tür. Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich rannte los und hörte plötzlich das Wispern, so klar und deutlich wie nie zuvor.» Liam… Gefahr… Wald… « Ich wusste sofort, wo ich hinmusste. Ich rannte Richtung Wald, und hörte ein angsterstickter Hilferuf. Ich erkannte die Stimme meines Bruders und rannte noch schneller. Endlich sah ich meinen Bruder. Er stand auf einer kleinen Brücke, deren Holz schon sehr morsch aussah. « Ich komme nicht weiter Liora! Hilf mir!», schrie Liam und ich konnte die Tränen in seinen Augen erkennen. Liam verlagerte kaum merklich sein Gewicht auf das rechte Bein. Das reichte schon: Das Brett unter Liam knackte und brach unter ihm weg. Sein rechtes Bein steckte fest. Liam begann haltlos zu weinen. « Hilf mir Liora!», schrie er verzweifelt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch der Wind schob mich regelrecht zur Brücke. Ich hörte das Wispern wieder: « Schnell, Gefahr, nicht allein», wisperte es. Ich rannte die letzten Meter zur Brücke, denn plötzlich hatte ich ein komisches Gefühl. Vorsichtig ging ich bis zu Liam. « Keine Angst, ich hole dich da raus», flüsterte ich ihm zu, um ihm Mut zu machen. Ich zog an seinem Bein, nichts geschah. Da hörte ich ein Knacken hinter uns im Unterholz und fuhr herum. Ich sah einen Schatten, der immer näherkam. Irgendetwas sagte mir, dass das nichts Gutes sein konnte. « Liam, das könnte jetzt weh tun. Tut mir leid!», sagte ich und versuchte so ruhig wie möglich zu klingen. Ich packte Liam unter den Armen und zählte innerlich bis drei. Dann zog ich so fest wie möglich. Liam schrie, aber er war draussen. Auch er schien die Gefahr zu spüren. Wir rannten, Tränen rannen mir über die Wangen. Der Schatten verfolgte uns, er kam immer näher.  Da passierte etwas mit dem niemand gerechnet hatte: Der Wind bildete eine Art Tornado um uns herum. Sofort zog sich der Schatten ins Unterholz zurück. Liam und ich rannten so schnell wir konnten. Wir hielten erst wieder an, als wir auf der grossen Wiese, die den Wald und das Haus voneinander trennte, standen. Erst als ich wieder klare Gedanke fassen konnte, wurde es mir klar: Meine Oma hatte uns offenbar nicht nur das Haus vermacht, sondern gleichzeitig einen zuverlässigen Beschützer.


                                     

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