Es ist dunkel. Der Wald ist still, aber es ist keine angenehme Stille. Sie drückt schwer auf mich und mein Gemüt. Die Schatten um mich herum scheinen zu warten, doch sie offenbaren nicht, auf was. Nebel wabert um meine dunkel gekleidete Figur und versteckt mich vor jeglichen Blicken. Dennoch fühlt es sich so an, als würde etwas mich beobachten. Die Äste um mich herum sind zu Gestalten verzerrt, die mich angreifen und festhalten wollen.
Ich haste durch das Unterholz, stolpere, rapple mich wieder auf und renne weiter. Niemand ist hinter mir her, trotzdem fühle ich mich verfolgt. Nicht von einer Person, eher von mir selbst. Von meinen Gedanken. Mir ist klar, dass ich nicht ewig davon rennen kann, versuchen tue ich es trotzdem. Es gibt mir eine kleine Auszeit.
Nur gedämpft höre ich meine eigenen, unbeholfenen Schritte auf dem Boden. Der Nebel schluckt die meisten Geräusche, nur mein keuchender Atem ist gut zu hören. Bald muss ich anhalten, ein leichtes Seitenstechen bahnt sich an. Ich verlangsame meine Schritte und laufe jetzt nur noch.
Ich habe Angst. Die Dunkelheit sitzt heute tiefer als in einer normalen Nacht. Sie dringt tief in mich ein und verschlingt mich. In diesem langsamen Tempo haben meine Gedanken den Vorsprung wieder eingeholt und nehmen jetzt Besitz von mir. Ich muss anhalten und lasse mich an einen Baumstamm entlang auf den Boden gleiten.
Meine Schultern schmerzen, vom Gewicht vieler Tage und Wochen heruntergedrückt und belastet. Es ist mir egal. Ich spüre die raue Rinde an meinem Rücken und das feuchte Moos unter meinem Po. Meine Schuhe drücken an den Fersen und die Hose schneidet mir leicht in den Bauch. Eine Haarsträhne hängt mir ins Gesicht und ich schiebe sie mir hinters Ohr. Langsam beruhigen sich mein Atem und Herzschlag wieder.
Eine ganze Weile sitze ich einfach an den Baum gelehnt da. Meine Glieder werden immer schwerer und ich beginne zu frieren. Ich hebe den Kopf, den ich auf meine Knie gelegt hatte, und schaue mich in dem dunklen, nebelverhangenen Wald um. Mein Blick reicht nicht weit, aber ich sehe einige dunkle Baumstämme in die Höhe ragen. Sie alle tragen tausende, nein, hunderttausende Blätter und das jeden Tag ohne Unterlass. Jeden Tag tragen sie dieses Gewicht und dazu noch das von Insekten, Vögeln, Regen oder Schnee. Und niemals beklagen sie sich. Mir fällt auf, wie stark diese Bäume sein müssen. Sie geben nicht auf, mit ihrer stillen Solidarität stehen sie aufrecht in diesem Wald und sind einfach zufrieden mit ihrer Aufgabe.
Mich durchfährt eine Welle an Kraft und Stärke und ich ziehe mich am Stamm hoch, bis ich wieder stehe. Ein letztes Mal schaue ich mich um, lächle die Bäume, Sträucher und das Moos um mich herum an und mache mich auf den Weg zurück. Der Nebel hat sich gelichtet, genauso meine Gedanken. Ich muss ihnen nicht mehr davonrennen, ich gehe in einem gemächlichen Tempo und lächle ab und zu sogar vor mich hin. Es ist schön, wie mich dieser Wald jedes Mal ein Stück heilt.
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