"Der Seelensammler – zwischen Licht und Schatten" - Eine Geschichte von Mia Koch - Young Circle

«Der Seelensammler – zwischen Licht und Schatten» – Eine Geschichte von Mia Koch

Member Stories 2026

«Der Seelensammler – zwischen Licht und Schatten» – Eine Geschichte von Mia Koch

Vier mysteriöse Morde, ein unsichtbarer Täter – und ein Ermittler, der der Wahrheit immer näherkommt. Was Blake nicht weiss: Die Frau, die ihm hilft, den Fall zu lösen, ist selbst Teil davon. Eine düstere Geschichte über Rache, Liebe und die gefährliche Grenze zwischen Licht und Schatten.

Liora:

In jener Nacht starb ich – nur nicht ganz. Sie glaubten, das Kapitel sei beendet, glaubten, ich sei in jener Nacht mit ihnen gestorben. Doch ich war nie wirklich tot. Nur unsichtbar. Jetzt bin ich zurück. Zurück, um mich zu rächen für alles, was sie mir in jener Nacht genommen haben. Sie hätten prüfen sollen, ob ich noch atmete. Denn niemand kehrt aus dem Grab zurück – es sei denn, er hat noch eine Rechnung offen.
Ich kann mich noch genau an ihre Blicke erinnern. Sie wirkten leblos. Sie führten ihre Klingen mit einer solchen Präzision, dass dies nicht ihr erster Mord gewesen sein konnte. Stück für Stück werde ich den Tod meiner Familie rächen. Stück für Stück werde ich die Schatten jener Nacht ausfindig machen und das Licht in ihren Augen zum Erlöschen bringen. Nichts wird sie retten. Ich fürchte die Schatten nicht mehr. Ich habe gelernt, in der Dunkelheit zu atmen.

Ich habe eine Liste. Ja, vielleicht habe ich OCT. Ich meine, wer schreibt schon die Namen derer nieder, welche durch seine Hände von uns gehen werden? Nun ja, ich mach’s. Fünf Namen. Fünf Schatten, welche seit jener Nacht meine Albträume heimsuchen – und nur ein Ausweg.
Vier werden nie mehr das Licht dieser Welt erblicken. Nur einer läuft noch frei herum, und dass wird mein Meisterwerk werden.

Blake:
Vier rätselhafte Todesfälle innerhalb von vier Monaten. Alle am 5. des Monats. Kein Blut, keine Abwehrspuren, keine Zeugen. Und trotzdem lagen dort Tote. Es war, als hätte die Nacht alle Spuren verschluckt. Der Täter hatte nicht nur einen Menschen ausgelöscht, sondern jede Spur seiner Existenz.
Wir haben kaum Hinweise. Mein Team und ich tippen darauf, dass die Delikte schon lange im Voraus geplant wurden. Das Motiv deutet auf Rache hin. Wir gingen davon aus, dass der Täter aufgrund seiner Opfer, stark sein musste. Dies deutete auf einen Mann hin, aber alles andere blieb ein Rätsel.

Ich seufzte laut auf. Durch den Laut aufgeschreckt drehte sich eine junge Frau mit schokoladenbraunem Haar zu mir um, zog eine Augenbraue hoch und musterte mich mit ihren blauen Augen. Ich hatte noch nie zuvor solch blaue Augen gesehen, tief wie das Meer – unergründlich und geheimnisvoll. „Übst du für den Oscar, oder wieso seufzt du so?“, fragte die junge Frau. Ich lachte auf und antwortete ihr: „Nein, das Leben hat nur gerade beschlossen, ein Drama zu veranstalten – und ich habe die Regieanweisungen nicht gelesen.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte. Ein Lachen so schön, dass Blake kurz vergass, warum er überhaupt seufzte. Es war das schönste Lachen, das er je gehört hatte – und er wollte es bis ans Ende seiner Tage hören. „Kann ich dir denn irgendwie helfen?“, fragte sie. Blake erzählte ihr vom Fall und reichte ihr schlussendlich die Tasche mit den Beweisen. Ihre Finger berührten sich kurz, und für einen Herzschlag schien die Welt stillzustehen.

Liora:

Oh shit! Mein Traummann sitzt mir gerade gegenüber und bittet mich um Rat in meinem eigenen Mordfall. Äh… was soll man dazu sagen, wenn man selbst die Täterin ist?

Zwischen Blicken, kurzen Berührungen und langen Gesprächen entstand etwas, dass Liora selbst nicht verstand. Blake sah sie –  nicht das Mädchen, welches in jene Nacht gebrochen wurde. Sein Licht vertrieb ihre Dunkelheit und gemeinsam schufen sie etwas völlig Neues: Liebe. Doch die Realität rief sie zurück aus der Besinnlichkeit dieses Momentes. Die Nacht wartete, und der letzte Name auf ihrer Liste flüsterte nach Rache.

Blake:

Heute ist der 5. des Monats. Zeit für unseren Todbringer. Die vielen Überstunden könnten sich heute endlich auszahlen – wir tappen nicht länger im Dunkeln. Laut unseren Berechnungen gibt es zwei mögliche Orte für den nächsten Mord. Cliff, mein Co-Ermittler, versteckt sich im Osten bei einem stillgelegten Bahnhof, während ich im Norden der Stadt auf unseren Vollstrecker warte. Wenn alles gut läuft, sitzt der Todesbote noch vor Sonnenaufgang hinter Gittern.

Die raue Nachtluft streicht über mein Gesicht. Ich ziehe den Hoodie tiefer ins Gesicht und verschmelze mit den Schatten. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht ein Schatten auf – eins mit der Dunkelheit, als hätte er darin sein Zuhause gefunden. Vor mir sehe ich einen Mann, der eine reglose Gestalt mit sich führt.

Er wirkt schon gezeichnet von dem, was geschehen ist. Als der Bewusstlose wieder zu sich kommt, wendet sich der Schatten ihm zu. Die Figur vor mir wirkt.. kräftig und kontrolliert, sie scheint männlich zu sein, wie wir vermutet haben.

Liora:
Vor mir liegt der Mann, der mir die Fähigkeit zu träumen geraubt hat. Nun lebe ich in einem unaufhörlichen Albtraum. Heute werde ich Richter spielen, ihn zu seinem Schöpfer zurückschicken und mich für alles rächen, was er mir genommen hat. Ein schwacher Laut durchbricht die Stille. Sein Blick zuckt herum, versucht seine Umgebung zu erfassen. Als seine Augen die meinen treffen, weiten sie sich vor Schreck.
 «Falls du dich fragst, ob das ein Albtraum ist – dem ist nicht so.» sage ich. «Aber… du bist vor vielen Jahren gestorben. W…w..wie?» stottert er. «Ihr hättet damals sicherstellen sollen, dass ich nicht mehr atmete. Ich bin durch deine Flammen der Hölle gegangen. Du wirst in meinen verbrennen.“

Blake:

Ein flackernder Schein erhellt die Finsternis, dann bleibt nur noch Rauch – und Schweigen. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Die Stimme gehört Liora. Ich fühle mich wie betäubt, als die Realität über mir zusammenbricht. In meiner Fassungslosigkeit verlagere ich mein Gewicht, was das Knacken eines Zweiges verursacht. Blitzschnell dreht sie sich zu mir. Ihr Blick verzauberte mich – doch zu spät erkannte ich, wieso er so dunkel ist. Ich habe mich nicht in die Augen eines gefallenen Engels verliebt, sondern in die eines Killers.

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