"Der Junge aus meinem Traum" - Eine Geschichte von Alisha Müller - Young Circle

«Der Junge aus meinem Traum» – Eine Geschichte von Alisha Müller

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«Der Junge aus meinem Traum» – Eine Geschichte von Alisha Müller

Seit Jahren träumt Kate immer wieder denselben Traum: ein Haferfeld, warmer Wind und ein Junge, der kurz davor ist, sie zu küssen. Für sie ist es nur ein seltsamer, wiederkehrender Traum – bis eines Tages Sammys Cousin Chris aus seinem Auslandjahr zurückkehrt. Plötzlich beginnt die Grenze zwischen Traum und Realität zu verschwimmen.

Ein warmer Wind wehte durch die kahlen Halme des Haferfeldes. Die Sonne schien nur schwach durch die graue Wolkendecke. Das Feld erstreckte sich über viele Meter und schien beinahe endlos. Mit geschlossenen Augen sog ich die kühle Luft ein.

Mein langes rotes Kleid wehte um meine Beine und meine schwarzen Haare wurden vom Wind zerzaust. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Die Hand glitt langsam meinen Arm hinunter und zog mich in eine Umarmung.

Ich roch einen vertrauten Duft und öffnete die Augen. Vor mir stand er. Wunderschöne blaue Augen, braune lockige Haare und das liebevollste Lächeln der Welt. Er legte seine Hand auf meine Wange und wir kamen uns immer näher. Ich konnte seine Lippen schon beinahe auf meinen spüren.

«Kate!!» Schockartig setzte ich mich im Bett auf. «Kate! Wir fahren in 20 Minuten zur Schule!» rief meine Mutter durchs Haus. Scheisse! Ich habe schon wieder verschlafen! Ich sprang aus dem Bett und rannte zu meinem Kleiderschrank.

Mein Zimmer sah aus wie eine Müllhalde: Kleider, Schulbücher und Papier lagen überall herum. Schnell zog ich eine Jeans an und schnappte mir ein schwarzes T-Shirt vom Boden. Dann packte ich meine Sachen zusammen, schmierte mir etwas Make-up ins Gesicht und rannte die Treppe hinunter. Auf den letzten drei Stufen stolperte ich und fiel fast hin.

Vor dem Haus hupte bereits das Auto meiner Mutter. «Ich komme!» Kurzerhand stopfte meine Wasserflasche in den Rucksack, schnappte meine rote Jacke und rannte hinaus.

«Hier ist sie ja», sagte meine Mutter grinsend, als ich ins Auto stieg. «Hast du wenigstens gut geschlafen?» Naja, theoretisch schon dachte ich. Wäre da nicht dieser verflixte Traum. Seit Jahren träume ich immer wieder dasselbe: den perfekten ersten Kuss in einem Haferfeld, das an die schottischen Highlands erinnert. Immer steht am Ende dieser Junge vor mir.

Wir fuhren durchs Quartier und hielten vor einem blonden Mädchen mit kurzen Haaren, schwarzen Leinenhosen und einem weissen Pulli. Das war Sammy, meine beste Freundin. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder in einem grossen weissen Haus, ganz in der Nähe von meinem. Sie stieg ein und begrüsste uns fröhlich. «Guten Morgen, Kate! Guten Morgen, Miss Carter.» Sie setzte sich hin und wir fuhren los.

Auf dem Schulparkplatz stiegen wir aus. «Danke Mama, wir sehen uns abends» Ich gab meiner Mutter einen Abschiedskuss auf die Wange.

«Okay, was ist los mit dir?» fragte Sammy sofort. Ich seufzte. «Dreimal darfst du raten, was ich heute Nacht wieder geträumt habe.» Sammy quietschte auf. «Oh mein Gott, Kate! Wieder der gleiche Traum? Das ist so romantisch!» «Schhh! Das ist ultrapeinlich», flüsterte ich. «Denkst du nicht, dass der Traum eine Bedeutung hat?» fragte sie. «Nein. Es ist nur ein dummer Traum.» Ich wollte mich gerade umdrehen und ins Klassenzimmer gehen, da hielt sie mich plötzlich zurück. «Warte! Mein Cousin Chris kommt heute von seinem Auslandjahr zurück. Er wohnt jetzt eine Weile bei uns. Er holt mich nach der Schule ab. Willst du mitkommen?» Ich nickte dankbar und wir gingen zusammen ins Klassenzimmer.

Nach der Schule sassen wir auf dem Randstein beim Parkplatz. Plötzlich fuhr ein alter grauer Ford vor uns vor. Die Tür ging auf und ein etwa ein Jahr älterer, hübscher Junge stieg aus.

Sammy rannte sofort zu ihm und umarmte ihn.

Das war also Chris. Aber ganz sicher nicht der Chris, den ich in Erinnerung hatte. Er war unglaublich attraktiv.

Chris und Sammys älterer Bruder nervten uns immer, wenn ich bei Sammy zuhause war. Das war nun aber bereits eine Weile her.

«Hey Kate», sagte er und lächelte. «Hi Chris, wie geht’s?» Er umarmte mich kurz. «Sehr gut. Und dir?» «Auch gut», antwortete ich. In Wirklichkeit ging es mir gerade viel zu gut, dachte ich.

In den nächsten Wochen wurde es nicht einfacher. Immer wenn ich bei Sammy war, erwischte ich mich dabei, wie ich Chris viel zu lange anstarrte.

Eines Abends sass ich allein auf Sammys Bett, während sie kurz im Bad war. Plötzlich kam Chris ins Zimmer. «Sammy ist nicht hier», sagte ich. «Ich weiss», antwortete er ruhig und trat näher. Ich sah ihn verwirrt an. «Ich wollte nicht zu ihr», sagte er.

Jetzt stand er direkt vor mir. «Was wolltest du dann?» Er beugte sich langsam zu mir herunter. «Ich wollte nach dir sehen.» Sein Gesicht war plötzlich ganz nah an meinem. «Ähm… Leute, was macht ihr da?» rief plötzlich Sammy von der Tür. Ich zuckte erschrocken zurück. Chris lächelte nur kurz. «Ich gehe dann besser.» Er drehte sich um und verliess das Zimmer.

Als er weg war, sprang Sammy auf das Bett. «Was war das?!» «Ich… weiss es nicht», sagte ich. «Da war so romantisch! Sorry, ich hätte besser nichts gesagt» entschuldigte sich Sammy. Ich sah sie erleichtert an und nahm sie in den Arm.

In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Plötzlich klopfte es am Fenster. Erschrocken stand ich auf und zog den Vorhang auf. Dort sass Chris. «Komm mit», sagte er. Ich starrte ihn ungläubig an. «Komm schon. Vertraust du mir?» fragte er grinsend.

Schliesslich kletterte ich aus dem Fenster. Wir stiegen ins Auto und fuhren los. Nach einer kurzen Fahrt hielten wir auf einer Feldstrasse. Chris stieg aus dem Auto, nahm meine Hand und zog mich mit sich. Wir liefen, bis wir mitten in einem reifen Haferfeld standen. Der warme Wind wehte durch die Halme. Ich schaute in die wunderschönen blauen Augen von Chris. Seine braunen lockigen Haare wurden leicht vom warmen Wind zerzaust. Ich schloss die Augen und spürte seine Hand auf meiner Wange. Langsam zog er mich näher zu sich.

Genau wie in meinem Traum.

Nur wachte ich dieses Mal nicht auf…


                                     

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