Drrrrrr drrrrrr. Verschlafen tastete ich nach dem Wecker, drückte die Taste runter und das unangenehme Surren verstummte. Verschlafen zog ich mich an, putzte die Zähne und wusch mir das Gesicht. Ich öffnete meine Zimmertür und vor der Tür lag ein schwarzer Umschlag mit einem silbernen Diamanten drauf. Ich hob ihn auf und schlenderte noch benommen vom Schlaf die Treppe runter in die Küche.
Dort begrüsste mich meine Mutter mit einem herzlichen „Guten morgen Liebling“. Ich zeigte ihr den Brief und fragte sie, ob der von ihr sei. Anstatt mir zu antworten, starrte sie den Brief nur wortlos an. „Mum? Alles okay?“, fragte ich sie.
„Mum, ich hab dich was gefragt!“, sagte ich und schaute sie eindringlich an. „Äh, ja was denn Schatz?“ „Ich habe dich gefragt, ob du wüsstest, von wem der Brief sei.“, antwortete ich genervt über ihre Begriffsstutzigkeit. Ich streckte ihr den Brief entgegen. Doch sie wich einen Schritt zurück. „Ist wirklich alles okay bei dir?“, fragte ich sie. Sie wirkte überhaupt nicht mehr wie die Mutter die ich kannte. Die Frau, die sich von nichts und niemandem aus der Rolle bringen lies. Sie wurde nicht einmal wütend, als ich einmal ihre Lieblingstasse fallen gelassen hatte. Die Tasse war ein Erbstück meine Ur-Oma. Und ihr müsst wissen, meine Mutter hängt sehr an Erbstücken. Aber genau diese Frau stand jetzt vor mir, mit einer Mischung aus Furcht, Enttäuschung und Wut in ihren Augen. „Dieser Brief bringt nur Unglück“, sagte sie wütend. „Ich werde sie dafür bestrafen und dich bekommt sie sicher nicht“. Ich schaute sie verwirrt an. Es macht überhaupt keinen Sinn, was sie da redete. Ich packte sie an beiden Schultern und schüttelte sie, in der Hoffnung, dass sie so wieder sich selbst wird. Es funktionierte, denn sie schaute mich endlich wieder mit ihrem gewohntem Blick an. „Wer wird für was bestraft? Und wer bekommt mich nicht?“. Sie antwortete nicht auf meine Frage, sagte aber mit ihrer gewohnt ruhigen Stimme: „Tut mir leid, dass ich eben so durch den Wind war Liebes.“ Sie schaute mich mit einem liebevollem Blick an. „Da ich gestern Spätschicht hatte, habe ich wohl zu wenig Schlaf bekommen.“ Mit einem leisen Seufzer setzte sie sich auf die Küchenbank.
Mum arbeitet in einem Altersheim. Sie liebt ihren Job, hat es aber echt schwer, da sie mich und Alina, meine kleine Schwester, ja ganz alleine aufzieht. Von meinem Vater weiss ich nichts. Wenn ich mit Mum darüber sprechen will, wechselt sie immer das Thema oder sagt, sie sei beschäftigt. Meine Oma erzählte mir mal, dass er kurz vor meiner Geburt verschwunden sei. Wohin und wieso konnte sie mir nicht sagen.
„Wegen diesem Brief“, unterbrach Mum meine Gedanken. „Nein, ich weiss nicht von wem der ist. Vielleicht ist er von Alina. Frag sie doch mal.“, riet sie mir. „Sie hat bei einer Freundin übernachtet, weil ich am Abend ja nicht da war.“, erklärte sie. „Wann kommt sie denn nach Hause?“ „Sie sollte jeden Moment auftauchen.“ Gerade als sie das sagte, klingelte es an der Tür. „Wenn man vom Teufel spricht…“, entgegnete ich lachend.
Alina hüpfte fröhlich lachend mit einem riesengrossem Plüscheinhorn in den Armen in die Küche. „Haalloooo“, rief sie und rannte in meine ausgestreckten Arme. „Hallo kleine Maus“, sagte ich mit einem Lächeln. „Du sollst mich nicht so nennen!“ Alina schaute mich trotzig mit den gleichen bernsteinfarbenen Augen an, wie sie auch meine Mutter hat. „Ich gehe schon in die erste Klasse“, sagte sie stolz. „Für mich wirst du immer meine kleine Maus sein.“ Ich verstrubbelte ihre dunklen Locken, löste mich aus ihrer Umarmung und zeigte ihr den Brief. „Ist der von dir?“, fragte ich und musste über ihren bewundernden, fast ehrfürchtigen Blick lachen. „Der ist wunderschön“, flüsterte sie und strich mit ihren zarten Fingern über den glänzenden Diamanten. Ich vermutete, dass er nicht von ihr ist.
Mit einem kurzen Seitenblick zur Küchenuhr stellte ich fest, dass es schon fast halb elf war. Und ich war immer noch im Pyjama. Ich ging nach oben in mein Zimmer und bemerkte, dass ich immer noch diesen Brief in der Hand hielt. Jetzt wollte ich aber wirklich wissen, von wem der Brief sei und wie er überhaupt in mein Zimmer gekommen war. Um das herauszufinden musste ich den Brief eigentlich nur öffnen. Und genau das tat ich auch.
𝒟ℯ𝒶𝓇 𝒦𝒾𝓇𝒶,
𝒲ℯ𝓃𝓃 𝒹𝓊 𝒹𝒾ℯ𝓈ℯ𝓃 ℬ𝓇𝒾ℯ𝒻 𝓁𝒾ℯ𝓈𝓉, 𝒾𝓈𝓉 ℯ𝓈 𝓈ℴ𝓌ℯ𝒾𝓉. 𝒟𝓊 𝓌𝒾𝓇𝓈𝓉 ℯ𝒾𝓃ℯ 𝒟𝒾𝒶𝓂ℴ𝓃𝒹.
𝒟𝒶 𝒹𝓊 ℯ𝒾𝓃ℯ 𝒩𝒶𝒸𝒽𝒻𝒶𝒽𝓇𝒾𝓃 𝒷𝒾𝓈𝓉,
𝓌𝒾𝓇𝒹 𝒹ℯ𝒾𝓃 𝒩𝒶𝓂ℯ ℬ𝓁𝒶𝒸𝓀 𝒟𝒾𝒶𝓂ℴ𝓃𝒹 𝓈ℯ𝒾𝓃.
𝒲𝒾𝓇 𝓀ℴ̈𝓃𝓃ℯ𝓃 𝒹𝒾𝓇 𝓊̈𝒷ℯ𝓇 𝒹𝒾ℯ𝓈ℯ𝓃 ℬ𝓇𝒾ℯ𝒻 𝓁ℯ𝒾𝒹ℯ𝓇 𝓀ℯ𝒾𝓃ℯ 𝒢ℯ𝓃𝒶𝓊ℯ𝓇ℯ𝓃 ℐ𝓃𝒻ℴ𝓇𝓂𝒶𝓉𝒾ℴ𝓃ℯ𝓃 𝒢ℯ𝒷ℯ𝓃, 𝒹𝒶 𝒹𝒾ℯ 𝒢ℯ𝒻𝒶𝒽𝓇 𝒷ℯ𝓈𝓉ℯ𝒽𝓉, 𝒹𝒶𝓈𝓈 ℯ𝓇 𝒾𝓃 𝒻𝒶𝓁𝓈𝒸𝒽ℯ ℋ𝒶̈𝓃𝒹ℯ 𝒢ℯ𝓁𝒶𝓃ℊ𝓉.
ℳℴ𝓇ℊℯ𝓃 𝓌𝒾𝓇𝓈𝓉 𝒹𝓊 ℯ𝒾𝓃ℯ𝓃 𝓌ℯ𝒾𝓉ℯ𝓇ℯ𝓃 ℬ𝓇𝒾ℯ𝒻 𝒷ℯ𝓀ℴ𝓂𝓂ℯ𝓃.
ℳ𝒾𝓉 𝒽ℯ𝓇𝓏𝓁𝒾𝒸𝒽ℯ𝓃 𝒢𝓇𝓊̈𝓈𝓈ℯ𝓃,
𝒫𝓊𝓇𝓅𝓁ℯ 𝒟𝒾𝒶𝓂ℴ𝓃𝒹,
𝒟𝒾𝓇𝓉𝓎 𝒟𝒾𝒶𝓂ℴ𝓃𝒹
Zuerst dachte ich, es sei nur ein Streich. Aber als in den nächsten zwei Tagen wieder solche Briefe kamen, wurde ich langsam misstrauisch.
In den Briefen stand eine Zeit, ein Datum und ein Ort für ein Treffen. Im letzten Brief stand ausserdem, dass es sehr wichtig sei und ich unbedingt zum Treffen erscheinen solle.
Da Mum wahrscheinlich sowieso ein riesiges Theater um diese Briefe machen würde, entschied ich mich, ihr nicht zu erzählen, dass ich um Mitternacht in den alten Bunker am Waldrand ging. Ich legte lediglich einen kleinen Zettel auf den Tisch, auf dem stand, dass ich bei Stacy übernachten würde. Ich wusste, in welche Gefahr ich mich da begab und mit einem mulmigen Gefühl im Magen stieg ich die rostige Kellertreppe zum Bunker hinunter. Wenn ich so zurück denke, bin ich nicht wirklich froh über meine Entscheidung.
Im Moment sitze ich gerade mit einer Hand angekettet auf einem Stuhl und schaue in bernsteinfarbene Augen. Die selben Augen wie sie auch mein Mutter hat, nur dass diese Augen mich nicht freundlich und liebevoll anschauen, sondern mich intensiv anstarren. „Du bist zu spät!“ Ich zucke zusammen, denn diese tiefe Stimme aus der dunklen Ecke, ist die Stimme meines Onkels. Jetzt erkenne ich auch die Frau, die vor mir steht. Es ist meine Tante. Die Zwillingsschwester meiner Mutter.
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