"Der Gedanke" - eine Geschichte von Annelie Sanz-Velasco - Young Circle

„Der Gedanke“ – eine Geschichte von Annelie Sanz-Velasco

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„Der Gedanke“ – eine Geschichte von Annelie Sanz-Velasco

Akt 1, Szene 1: [Im Fernsehstudio]

[Moderatorin]: Guten Abend liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Ich bin Manuela Sigmund und begrüsse Sie herzlich zur ‘Wochenzusammenfassung’. In unserer heutigen Sendung haben wir die Ehre einen Mann von gutachtlichen Errungenschaften begrüssen zu dürfen. Bitte Herr Doktor Freud stellen Sie sich uns kurz vor.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Guten Abend. Vorab vielen Dank für die Einladung. Ich bin seit vielen Jahren in der Forschung tätig, dies im Bereich der Programmierung von Algorithmen, welche lebendige Wesen wie Menschen vorausschauen sollen können. Dies aber nicht nur am einzelnen Individuum -damit beschäftigen sich Kollegen-, sondern in meinen wichtigsten Arbeiten ging es vielmehr um die Simulierung von Situationen, bei denen es sich um das Zusammenspiel vieler einzelner Faktoren handelte.

[Moderatorin]: Und dies, wird Ihnen zugeschrieben, sei sehr erfolgreich geglückt. Können Sie uns dies an einem Beispiel vereinfacht darstellen, dieses System.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, nickend]: Sie können sich das sehr abgerundet an dem Beispiel einer Schachpartie vorstellen. Sie haben eine Situation und nun werden alle möglichen Züge berechnet, welche wiederum neue Situationen ergeben, in der es erneut eine Anzahl an Zügen zu ermitteln gibt. Dies ist, wie Sie sich vorstellen können, bereits an einem einfachen Schachspiel eine enorme Aufgabe. Der entscheidende Vorteil ist: Es gibt Regeln und die Möglichkeiten sind riesig, aber dennoch limitiert.

[Moderatorin]: Und nun überführen Sie dieses Prinzip auf lebende Organismen? Ist dies nicht fast als Beleidigung zu verstehen gegenüber einem Komplexen Wirken wie dem menschlichen Bewusstsein?

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an. Mein System ist bei weitem nicht unfehlbar. Aber das trifft ja auch auf den Menschen zu. Nun, wie Sie ganz richtig andeuten, möchte ich keinesfalls eine Persönlichkeit auf ein durch Maschinen voraussehbares Objekt reduzieren. Dazu gibt es zwei wichtig anzusprechende Aspekte: Einerseits war dies Grund für meine Abweichung zu meinen Kollegen, welche sich mit der Berechnung des individuellen Verhaltens auseinandersetzen. Mir war dieses Vorgehen zu ungenau. Es ist schwierig eine einzelne Person zu durchschauen, gedenke denn vorauszuschauen. Wie denn, wenn es diese Person nicht selbst vermag, dessen Zukunft einzuschätzen? [legt kurze Pause ein]  

Zum zweiten Punkt. Dies ist aber nicht der Fall bei Menschengruppen. Basierend auf geschichtlichen Verhaltensmustern mit Ergänzung jetziger Umweltsituationen wie Einflüsse und noch vielen weiteren Daten, scheint es doch möglich, Optionen des Vorgehens für diese Menschengruppen zu ermitteln.

[Moderatorin]: Das scheinen Unmengen an Daten zu sein, die sie aufwendig und lange haben sammeln und ordnen müssen. Etwas schroff gefragt: Inwiefern lohnt sich dies Herr Doktor Freud? Wie wollen sie unsere Welt revolutionieren? 

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, traurig lächelnd]: Ja, das war eine in der Tat aufwendige Arbeit. Hat sie sich also gelohnt, fragen Sie. Langezeit habe ich mir die Frage gestellt, hat sie diese Welt verdient. [atmet kurz auf]

Schauen Sie: Sie sind tätig in einer Nachrichtenagentur. Sie wissen wie viel Unrecht getan wird, wie viele Menschen leiden. Mein System ist so verteufelt, wie jeder wissenschaftliche Erfolg. Alles hat seine guten Seiten, aber wir wollen ehrlich sein, so auch die schlechten. Alles kann missbraucht werden. Daher habe ich auch, und das gestehe ich hier und heute Abend, die Vorbeugung getroffen, mein Lebenswerk an mein Leben zu binden.

[Moderatorin, verdutzt]: Können Sie dies genauer erläutern?

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Das ist einfach getan. Mein System ist für jeden ausser mir gesperrt. Dies ist nicht etwa durch die Erfassung meines Fingerabdrucks oder eines Passworts getan, sondern durch einen gewissen meiner Gedanken. Ich glaubte nicht an die Welt. Aber wieviel Last können die Menschenseelen noch tragen. Wenn ich diesen Gedanken preisgebe, könnten die Wege eingelegt werden, welche die wenigsten möglichen Opfer abverlangen würden. Wir wüssten wie am zeiteffizientesten Kriege stillgelegt werden könnten, welche Kooperationen zwischen Forschern zu den besten Medikamenten führen würden. Sie könnten die Welt wahrhaftig verbessern. Und ich denke hier kommt eine letzte Chance. Weil, wenn das Gegenteil unternommen wird, dann ist es aus. Wenn man bewusst moralisch falsche Unterfangen wählt. Dann will ich nicht mehr unter diesen Menschen weilen. Darum werde ich meinen Gedanken preisgeben. Heute und jetzt.

Akt 1, Szene 2: [der Raum wurde abgedunkelt, nur ein schwaches Licht lässt den Wissenschaftler erkennen]

[Der Gedanke]: Hast du mich gefragt! Vielleicht will ich gar nicht preisgegeben werden. Vielleicht will ich frei sein!

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Aber so offenbartest du dich doch für mich und eben durch mich auch dieser Welt. Oder etwa nicht?

[Der Gedanke]: Wer gab dir das Recht mich zu fesseln, mich für deine Sinne zu gebrauchen, zu überdenken oder gar umzusetzen.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Aber so höre doch: Kommst du nicht irgend geringeres her als von mir höchstpersönlich? Was gehört mir denn, wenn nicht einzig mein Verstand? [die ferne Stimme der Moderatorin schreit, er habe den Verstand verloren, zeitgleich flackert leicht ein Licht aus der Richtung der Stimme] Bist du nicht Teil meiner selbst?

[Der Gedanke]: Das ist ein und mein Wiederspruch. Meine Überzeugung sagt mir: Nein! Und somit: Wäre ich auch Teil von dir, so wäre ich es nicht, da meine Überzeugung die deinige wäre. Du wärst und bist davon überzeugt, dass ich nicht dein bin!

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Aber… [wird durch den Gedanken unterbrochen]

[Der Gedanke]: Nun entbinde mich doch. Lass mich fliehen! Der Welt gut bekommen würde ich ohnehin nicht. Missbrauchen würde mich jemand. Und Schuld wäre dein Wille des Besitzens.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Ja, aber so höre doch! Wenn du mich nur besuchest, wenn nichts zu mir gehört, was ich als mich sah und definierte, zu was werde ich dann?

[Der Gedanke]: Was schenkt dir Besitz ohnehin?

[Sirenen sind leise vernehmbar im Hintergrund]

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Was du nicht sagst. Ist nicht Besitz bereits das Geschenkte? Und sage mir, ich verzweifle: Ist dies und gerade dies auch nicht mein, sondern Dein? Oder noch jemand anderes?

[Das Licht geht an. Notärzte stürmen die Bühne. Das Licht geht aus.]

Und wenn du nicht mein bist. Wenn ich dich losliesse. War ich dann etwas und bin jetzt ein nichts? Alles an mir war doch gedachter oder geschenkter Gedanke. He, wo bist du? Komm zurück! Du konntest jedem helfen. Gib es zu! Bist du der einzige deiner Art? [Das Licht geht an. Der Wissenschaftler fällt vom Stuhl zu Boden. Das Licht geht aus.]

Akt 2, Szene 1: [im Krankenhaus: Der Wissenschaftler liegt in einem Bett. Der Raum ist jedoch wieder abgedunkelt, dass nur die nötigsten Umrisse seiner Gestalt erkennbar sind.]

[Der Gedanke]: Hallo! Wie geht es Dir?

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, flüsternd]: Bist Du es? Mein lang ersehnter Gedanke?

[Der Gedanke]: Hör mal, nur weil Du nicht länger Leid erträgst, nur weil Du nicht länger unter ihnen leben willst, reisse nicht all die Hoffnungsträger in ihren Untergang. Denn die Welt war weder bereit für Dich noch für mich.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Du hast Recht. Nicht länger konnte ich diese Dummheiten ertragen. Aber gerade die Hoffnungsträger, hätten die Stunde ihres Lebens schlagen hören.

[Der Gedanke]: Ich wiederhole: Die Welt kann uns nicht gebrauchen. Noch nicht.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Und was machen wir bis dahin? Und wo warst du eigentlich in der ganzen Zeit?

[Der Gedanke]: Ich war tun was Gedanken ebenso tun. Aber ich kann Dir nicht sagen, was es war. Ich bin jetzt anders.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Es gibt also mehr von euch. Du bist ein anderer…

[Der Gedanke]: Aber nein doch, ich bin anders, nicht ein anderer. Und ich kann Dir deshalb nicht berichten, wo ich war, gerade weil ich anders bin. Ich bin ein Gedanke, nicht die Erinnerung.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, mehr zu sich selbst murmelnd als zu dem Gedanken sprechend]: Ich bin ein nichts. Ich war ein nichts. Keinen Besitz. Aber was dann. Eine empfangende Hülle. Aber ist dann niemand was. Wie werde ich was? Will ich was sein?

[Ein Licht flackert auf. Eine Ärztin beugt sich über das Bett: eine ferne Stimme redet auf den Wissenschaftler ein]: Herr Johannes Freud! Können Sie mich hören? Bitte…

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, grübelnd]: Ja, will ich denn etwas sein? Vorausgesetzt ich könnte natürlich. Ist doch schön. Keine Verantwortung, die sich mir auferlegt. Keine Rechenschaft für mein sein. Sag mal, Gedanke?

[Ein Licht flackert erneut auf. Die ferne Stimme, lauter werdend]: Herr Doktor Freud geben Sie mir ein Zeichen. Zwinkern Sie mit dem Auge!

[Der Gedanke]: Hm?

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Sag mal, Gedanke? Vermagst Du mir einen Rat zu geben?

[Der Gedanke]: Vielleicht.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Nun gut. Früher einmal, ich weiss nicht mehr wann. Da bedeutete ich der Welt viel. Ich konnte sie verändern. Da war ich alles.

[Der Gedanke, wirft ein]: Nun übertreib mal nicht.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Jetzt bin ich nichts.

[Der Gedanke]: Ich sagte doch, Du solltest nicht übertreiben.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, fast schreiend]: Aber was bin ich denn?

[Der Gedanke]: Du könntest ein Gedanke sein. So wie ich!

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Ich könnte ein Gedanke sein. So wie du? Ich glaube… Ich glaube das wäre fabelhaft. Leitest du mir den Weg.

[Nochmals flackert ein Licht auf. Die ferne Stimme]: Der Puls wird langsamer! Der Atem ist flacher! Wir müssen sofort reanimieren!

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler]: Aber warte einen Moment! Kommen wir zurück, wenn die Welt bereit ist?

[Der Gedanke]: Vielleicht sind wir dann anders und können der Welt ohnehin nicht helfen. Vergiss die Welt, dann bist Du nicht mehr gebunden und kannst mit mir gehen. Folge mir.

[Herr Doktor Freud, Wissenschaftler, lachend]: Ja, ich komme doch! So warte auf mich!

Akt 2, Szene 2: [Im Krankenhaus, die Lichter sind alle an, der Wissenschaftler liegt tot im Bett, die ferne Stimme gehört der Oberärztin]

[Die Oberärztin, im Kommandoton schreiend]: Noch einmal! Wir versuchen es noch einmal!

[Ein weiteres Mal wird durch den leblosen Körper ein Stromschlag gejagt.]

[Die Oberärztin]: Es ist vorbei. Tut mir leid.

Akt 3, Szene 1: [Im Fernsehstudio]

[Moderatorin]: Guten Abend liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Ich bin Manuela Sigmund und begrüsse Sie herzlich zur ‘Wochenzusammenfassung’. Letzte Woche empfingen wir den grossen Wissenschafter Herrn Doktor Johannes Freud. Dieser verstarb letzte Woche kurz nach einer ambulanten Eskortierung aus unserem Studio. Diese tragische Wendung bedauern wir hier als Team, sowie ich, welche diesen interessanten Menschen persönlich kennenlernen durfte. Wir wollen um dessen Ehre eine Schweigeminute einlegen.

[eine Schweigeminute wird eingelegt]

Im Übrigen sind sich die Ärzte noch um die genauen Umstände des Todes von Herrn Doktor Johannes Freud nicht im Klaren. Wir werden berichten, sobald dies feststeht. Wie uns der Herr Freud kurz vor seinem Tode verriet, war sein Werk in der Tat an sein Leben gebunden. Seit einer Woche versuchen Kollegen, Forscher, Bekannte und Familie sein System in Gang zu bringen. Viele Kritiker äussern sich schon, man hätte es mit einem Psychopathen zu tun gehabt, welcher sich diese Geschichten nur ausgedacht hatte…

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