Ich mag mich noch daran erinnern, wie der Zeiger der Wanduhr auf zehn vor zeigte. Tick, tick, tick, so tickte die Uhr im Kreis im Kreis im Kreis umher, und wie ich dort hinblickte, merkte ich, wie sehr sich mein Kopf im Kreis zu drehen begann. Dann atmete ich wieder aus und sah konzentriert zu meinen Schuhen auf dem Boden.
Ich trug Lackschuhe. Schwarze. Die Farbe glich der meiner Hose und der meines Jackets. Alleine mein Hemd war weiss, welches schwer auf meine Brust drückte und mir den Atem stehlen wollte. Fein säuberlich hatte ich mich schon früh am Morgen herausgeputzt und hatte den ganzen Tag alleine auf diesen Augenblick gewartet. Dann blickte ich wieder zur Uhr hoch, die trotz ihrer fortwährenden Bewegung mir still zu sein schien. Es zeigte zehn vor.
Hatte ich alles bereit gehabt? Meine Armbanduhr, obschon ich mein Telephon benutzte? Ich will ja den Eindruck geben, dass ich mir der Zeit bewusst bin. Auch diese zeigte zehn vor. Mein CV? Ja, obschon ich diesen gleich so gut zu Hause hätte lassen können. Persönlich fand ich nie dort etwas Interessantes oder etwas, worüber ich stolz sein konnte – im Gegenteil. Es ekelte mich an, brannte auf meinem Schoss, dass ich ihn am liebsten fortgeschmissen hätte. Aber ich war gefangen, in der Glut, in diesem heissen Feuer. Hier raus konnte ich nicht. Lediglich zum Fenster hinausschauen blieb mir noch übrig, und mich zu fragen, was aus mir geworden ist, und wieso einer mich aufgrund eines noch so unbedeutenden Papieres beurteilen wollte, obwohl wir uns im leben tausend male verändern würden, tausend male wandeln.
Wie ich hinaussah, bemerkte ich, wie zwei Mütter mit ihren Kindern im Park waren. Schoete, schoete, du siehst aus wie ’ne Kröte, schrie ein Junge das Mädchen an, woraufhin dieses antwortete: selber! Ein leichtes Lächeln konnte ich einfach nicht verbergen. Die beiden waren mir einfach zu niedlich, und ich fühlte in meinem Herzen einige alte und verschlossene Erinnerungen aufquellen. Einige aus dieser Zeit, in der wir alle noch wirklich unschuldig waren und alles im positiven Lichte sahen.
Die Mütter redeten miteinander und fuchtelten wild mit ihren Händen umher, und von der Ferne lauschte ich dieser stummen Konversation. Währenddessen hatte der Knabe eine Blume gepflückt und sie dem jungen Mädchen in die Haare gesteckt. Schöte, schöte, Prinzessinnen sind Kröte. Da wandelte erneut ein Lächeln auf mein Gesicht, doch in demselben Augenblick packte ihn das Mädchen an den Haaren und riss ihn auf den Boden, wo die beiden für eine kleine Zeit rangen und ihre bunten Kinderjacken im braunen Schlamm dreckig machten. Dann standen sie erschöpft auf und putzten sich den Dreck von ihrer Kleidung ab.
Wieder blickte ich zur Uhr. Fünf vor. Wieder spürte ich die Kälte in meinen Adern, wieder begann ich innig zu zittern. Mit den Fersen begann ich aufgeregt rhythmisch auf den Boden zu klopfen, dann schaute ich hinaus, fortwährend so klopfend.
Zwei Jugendliche hatten sich getroffen – ein Mädchen und ein Junge. Eng beisammen sassen sie auf einem Bänkchen und blickten den Hügel hinab zum See, wo ferner die weissen Zipfel in die Höhe schossen, die mich zerrten und mir Gewalt antaten, als ob sie mich selber aus der Ferne zu sich rufen würden. Seinen Arm hatte er um ihre Schultern gelegt, und sie ihren Kopf auf seinen Arm gelehnt. Die schwarzen Haare hatte sie zurückgesteckt wie einst – egal. Eigentlich war mir alles egal. Egal, dass ich nicht ein Liebchen bei mir hatte, in dessen Schoss ich abends, auf meinen Knien meine heissen Tränen vergiessen konnte. War nicht mein Kissen schon längst mehr als ein Mensch gewesen, und meine Bettdecke mein innigster Freund?
Dann kam wieder diese Uhr in mein Blickfeld. Immer noch fünf vor.
Ich beschloss zu gehen. Fort, fort, hinaus in die weite Welt. Ja, zum ersten Male, und wie ich das Haus verliess, wehte ein wundersüsslicher Duft der blühenden Blumen in meine Richtung. Blau, grün, weiss, die Natur, ach, alles überwältigte mich, und eine Träne kullerte auf den Boden, und wie ich fortlief, bemerkte ich die grosse Welt um mich. Ich schritt durch das Feld, vorbei an den beiden Kindern, die auf mich zeigten und kicherten, vorbei an den beiden Jugendlichen, die sich küssten, weiter zum Friedhof, wo ich schon Labsal im Tor sah, das sich weiter hinten hinter den Gräbern abzuzeichnen begann.
Plötzlich hielt ich inne – nicht nur einen Moment, sondern ganz. „Oh Gott, noch ist es nicht zu spät!” Zum Handy griff ich nicht mehr, dafür war die Zeit so eng. Zwei vor. Ich könnte es noch schaffen. Und so rannte ich zurück, wie mich meine vom Leben ermüdeten Beine nur tragen konnten. Zurück die Treppen hoch in das Zimmer, den Gang entlang zum Fenster, in das weisse Zimmer, auf den weissen Stuhl mit dem weissen Kaffeetisch. Ich schaffte es noch rechtzeitig und sass ausser Atem wieder hin. Und wie ich wieder zur Uhr blickte und sah, dass es Punkt schlug, öffnete sich die Türe, und die Sekretärin bat mich, hineinzutreten, in den dunklen und kleinen Raum der Submission. Und ich tat es. Ich tat es schellenlaut. Schellenlaut und dennoch so leise.
Gänzlich verklangen die Freudenschreie der Kinder, die jugendlichen Spielereien und zuletzt gar die Stille des Grabes.
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