"Das Tageslicht" - Eine Geschichte von Yuna Bühler - Young Circle

«Das Tageslicht» – Eine Geschichte von Yuna Bühler

Member Stories 2026

«Das Tageslicht» – Eine Geschichte von Yuna Bühler

Im Dunkeln streiten Stimmen über Platz, Angst und ihre Nachbarn. Doch sobald Licht erscheint, beginnt für sie ein schmerzhafter Moment. Erst am Ende wird klar, wer hier eigentlich spricht – und warum das Tageslicht für sie nichts Gutes bedeutet.

„Mach mal Platz, wieso musst du immer neben mir stehen?“ „Du kannst genau so gut weggehen.“ „Ich sehe nichts!“ „Die Dunkelheit macht mir Angst.“

Stimmen tuscheln um mich herum. Jeden Tag dasselbe. Alle anderen fürchten sich im Dunkeln. Doch ich bin anders. In der Finsternis fühle ich mich geborgen. Man wird nicht belästigt, hat seinen Frieden. Jedenfalls wenn sich nicht alle anderen um einen herum beschweren.

„Könnt ihr mal eure Klappe halten?“ fuhr ich meine Nachbarn an. „Was kann ich dafür, dass er stehts neben mir steht?“ „Du kannst ebenso gut weggehen.“ „Ich sehe nichts!“

Nicht schon wieder! So geht es tagein, tagaus. „D, lass E doch endlich in Ruhe!“, stöhne ich. „Und B, es ist normal, dass du nichts sieht, es geht uns allen gleich, also reiss dich zusammen!“

Meine Autorität scheint zu wirken. Sie verstummen tatsächlich alle betreten und versuchen, sich anderweitig zu beschäftigen. Doch die Stille hält nicht lange an. Schon nach kurzer Zeit beginnen das Quatschen und Sticheln erneut. Ich bin nahe am Wutausbruch, da passiert es. Langsam fällt Licht auf unsere Körper und die anderen rufen entzückt: „Licht!“ „Es ist hell!“ „Endlich wieder!“

Leider kann ich ihre Euphorie nicht teilen. Tageslicht bedeutet nichts Gutes für uns. Sobald wir die Helle sehen, werden wir gequält. Und tatsächlich muss ich nicht lange warten. Bereits spüre ich die riesigen Hände auf meiner Brust und ich werde mit aller Kraft nach unten gedrückt. Sofort schreie ich vor Schmerz auf. Auch vielen anderen scheint es gleich zu ergehen. Warum einige so hoch und andere wiederrum so tiefe Schmerzenslaute von sich geben, ist mir nicht klar. Deutlich zu sehen ist aber, dass nun plötzlich keiner mehr erfreut ist am Tageslicht. Wir alle schreien bei jeder Berührung um die Wette und beten um ein baldiges Ende.

Nach etwa dreissig Minuten ist es soweit. Der Schmerz lässt nach und wir seufzen alle erleichtert auf. „Ich will nie mehr, dass es hell wird!“, klagt B. „Das habe ich dir längst gesagt“, fauche ich zurück. „Du hattest Recht, C“, antwortet mir B. Da wird der Deckel wieder zugeklappt und wir hoffen, dass das Kind lange nicht mehr für seine nächste Klavierlektion üben muss.
                                     

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