Unter meinen Füssen knirschte der grau-weisse Kies, in den grünen Bäumen zwitscherten die Vögel ihr fröhliches Frühlingslied und eine kühle Brise wehte mir eine rehbraune Haarsträhne ins Gesicht. Ich sah mich um. Alles war perfekt. Der Himmel wolkenlos, die Kastanienbäume der Allee standen in zwei perfekten Linien und waren alle exakt gleich geschnitten. Das blonde, hübsche Mädchen auf der Bank lag in den Armen des braunhaarigen, einen Kopf grösseren Jungen, ein perfektes Paar. Sie lachten und redeten und ihr Blick führte mich zu der vierköpfigen Familie, die auf der Wiese, welche sich vor der Bank erstreckte, tobte. Ein kleiner Junge und ein junges Mädchen, die lachend und kreischend vor ihren ebenfalls lachenden Eltern flüchteten. Die Mutter holte ihre Tochter ein und das Mädchen liess sich noch immer lachend zu Boden fallen. Ich lächelte und erinnerte mich an die Tage, an denen ich mit meiner Familie oder meinen Freunden draussen war. Plötzlich spürte ich, wie etwas an meinem Pulli zupfte. Ich drehte mich um und sah in die mitternachtsblauen Augen meiner kleinen Schwester. «Schau mal, diese Blume ist für dich. Sie ist so perfekt wie du.» Ihre Augen funkelten erfreut, als ich das Gänseblümchen mit den regelmässig angeordneten Blütenblättern entgegennahm. «Ich bin nicht perfekt», sagte ich mit ruhiger Stimme und lächelte. «Und genauso wenig ist es die Blume.» Ich kniete mich nieder und strich meiner Schwester eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Nichts und niemand ist perfekt», sagte ich, während ich ihr ein an der Spitze abgeknicktes Blatt zeigte. «Siehst du die Bäume der Allee? Es wirkt, als wären sie in geraden Linien. Aber schaust du genau hin, siehst du, dass dieser Baum etwas schief ist. Und das Paar auf der Parkbank? Ich kenne das Mädchen. Sie weiss eigentlich nicht, ob sie ihren Freund wirklich liebt. Aber sie hat Angst, ihm das zu sagen, weil sie noch mit ihm befreundet sein möchte und das nicht zerstören will. Und diese Familie, sie sieht so schön aus, so glücklich. Und das sind sie auch. Aber wie in jeder Familie gibt es manchmal Streit. Das gehört dazu. Aber es entspricht nun mal nicht der Vorstellung, perfekt zu sein.» Ich machte eine Pause und beobachtete mit meiner Schwester einen Moment die Familie. «Ehrlich gesagt gibt es nichts Perfektes. Warum existiert dieses Wort überhaupt? Nichts und niemand wird das jemals als rechtmässiger Titel haben können. Und das ist eigentlich auch gut so.» Meine Schwester sah mich mit grossen, interessierten Augen an. «Also bitte verändere dich niemals für jemanden, der sagt du wärst nicht perfekt. Das kannst du nicht sein und das kann niemand. Und genau das ist schön, weil anders sein, sich selbst sein eine Stärke ist. Zum Beispiel die Blume; genau das geknickte Blatt macht sie anders. Sie ist trotzdem wunderschön.» Ich atmete tief durch, nahm meine Schwester an die Hand und wir liefen die Allee entlang. Noch immer zwitschern die Vögel und die Brise lässt die grünen Blätter tanzen. «Früher versuchte ich auch perfekt zu sein. Ich dachte, ich würde ohne Fehler und guten Noten gemocht werden. Ich dachte, das würde von mir erwartet werden. Aber es war und ist nicht möglich und das ist okay so. Auch wenn es Erwartungen und Ideale gibt, sind die eigentlich völlig egal. Es geht nicht darum, dass andere dich mögen, es geht darum, dass du dich selbst magst. Dass du zufrieden mit dir bist und dich selbst so akzeptierst und liebst wie du bist.» «Aber wenn niemand perfekt ist», sagte meine Schwester leise, «warum versuchen es dann alle zu sein?»
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